Treibstoff der Moderne. "Das Zeitalter der Kohle" in Essen

Treibstoff der Moderne. "Das Zeitalter der Kohle" in Essen

Von Thomas Köster

2018 schließen die letzten Zechen in NRW. Das Ende des deutschen Kohlebergbaus. Eine fulminante Ausstellung in der Essener Zeche Zollverein blickt zurück auf 200 schillernde Jahre schwarzes Gold.

Das Zeitalter der Kohle. Eine europäische Geschichte, Kokerei Zollverein, Essen 2018 (Ausstellungsansicht)

2018 ist Schicht im Schacht: Mit der Schließung der Zechen Prosper-Haniel in Bottrop und Anthrazit Ibbenbüren endet der Steinkohleabbau in Deutschland. Ein guter Zeitpunkt also, um über die Epoche des Bergbaus nachzudenken. "Das Zeitalter der Kohle" bietet hierzu eine fulminante Gelegenheit.

2018 ist Schicht im Schacht: Mit der Schließung der Zechen Prosper-Haniel in Bottrop und Anthrazit Ibbenbüren endet der Steinkohleabbau in Deutschland. Ein guter Zeitpunkt also, um über die Epoche des Bergbaus nachzudenken. "Das Zeitalter der Kohle" bietet hierzu eine fulminante Gelegenheit.

In Essen sind rund 1.200 Exponate aus den Beständen des Ruhr-Museums und des Deutschen Bergbau-Museums, aber auch von mehr als 100 Leihgebern aus aller Welt zu sehen, die die europäische Geschichte des "schwarzen Goldes" beleuchten. Und die ist so schillernd, wie man sie bei einem derart schwarzen Material gar nicht unbedingt erwartet hätte.

Dabei könnte der Ort der Ausstellung – die ehemalige Mischanalage der Kokerei auf dem UNESCO-Welterbe Zollverein – kaum besser gewählt sein. Einstmals war sie die größte ihrer Art in ganz Europa. Und sie besticht noch heute durch eine Monumentalität, die rein ihrer Funktion als Sortier- und Speicherort für Kohle geschuldet ist.

"Das Zeitalter der Kohle" ruft noch einmal ins Bewusstsein, wie stark der Stoff unsere westliche Welt über 200 Jahre lang geprägt hat. Steinkohle ermöglichte die Industrialisierung, begründete die wirtschaftliche Vormachtstellung Europas ebenso wie die Demokratisierung, rettete den Wald, verschmutzte aber auch die Umwelt und vergrößerte die Kluft zwischen Arm und Reich.  

Die Kohle befreite die Pferde von der Fron, Verkehrsmittel für Menschen und Waren zu sein. Sie trieb die Dampfmaschinen an und brachte damit auch Eisenbahnen zum Fahren. Von den ersten Exemplaren sind in der Essener Schau einige Modelle zu sehen.

Auch die Errungenschaften der chemische Industrie – namentlich synthetische Farben oder Medikamente wie Aspirin – basieren auf Kohle. Bereits in den 1860er Jahren gab es über 10.000 Farbnuancen auf der Basis von Steinkohlenteer. Die Ausstellung macht dies deutlich, indem sie 4.000 historische Farbstoffflaschen zu einer gigantischen Regalinstallation auftürmt.

Die durch die Kohle befeuerte Schwerindustrie diente auch der Kriegsmaschinerie als unverzichtbarer Rohstoff. Auch darauf macht die Essener Schau aufmerksam. Auf dem zwölf Tonnen schweren Sandsteinrelief "Bergmann, Soldat, Hüttenmann" (1939) – links – wird diese unheilige Allianz zu Zeiten des Nationalsozialismus beschworen.

Das Selbstbewusstsein des Bergmanns führte nicht zuletzt zu Solidarisierungen und der Gründung von Gewerkschaften. Streikende wurden in Streikküchen versorgt, Proteste aber auch blutig von der Obrigkeit niedergeschlagen. Groß abgezogene historische Fotos machen auch diesen Aspekt lebendig.

Schön ist auch, dass einzelne Exponate Geschichten erzählen, die den Besuchern die Alltagsgeschichte des Bergbaus näherbringen. Dieses Akkordeon aus den 1930er Jahren etwa gehörte einem polnischen Bergarbeiter aus dem Nord-Pas-de-Calais. Man hört förmlich, wie es einst dazu diente, das Heimweh musikalisch zu vertreiben.

Einen weiteren Höhepunkt der Ausstellung bildet die Skulptur "Dark Star" von Jonathan Anderson, der aus der walisischen Bergbauregion in Großbritannien stammt. Mit feinporigem Kohlenstaub überzogen – und eigentlich eher bläulich schimmernd – dominiert er den zentralen Bunker der mittleren Ebene. Allein für diesen Eindruck lohnt sich schon der Besuch.

Nach einer ebenfalls thematisierten Debatte über die Schattenseiten des schwarzen Goldes haben "sauberere", aber nicht unbedingt ungefährlichere Energien der Kohle längst den Rang abgelaufen. Die Alternative war lange Zeit die Atomkraft; heute sind es die Erneuerbaren Energien. Auch dies macht die Ausstellung deutlich.

Zur Hochzeit des Steinkohleabbaus arbeiteten in den verschiedenen europäischen Revieren fast drei Millionen Bergleute. Auch wenn der Strukturwandel von der Kohle- zur Kulturlandschaft schon seit langem die Erinnerung daran verblassen lässt: Wer die grandiose Ausstellung auf Zeche Zollverein gesehen hat, kann kaum begreifen, dass es auch ohne Kohle im Pott weitergehen kann.

"Das Zeitalter der Kohle. Eine europäische Geschichte" ist noch bis zum 11. November 2018 in der Mischanlage der Kokerei auf dem Gelände der Zeche Zollverein zu sehen. Den überaus lesenswerten Katalog sollte man auf jeden Fall auch mitnehmen – ebenso wie die Zeit, sich das ganze imposante Gelände zu erschließen.

Stand: 26.04.2018, 10:55 Uhr