Fritz Eckenga zum Tode von Wiglaf Droste: Das Ich und der Kosmos

Wiglaf Droste mit Hut.

Fritz Eckenga zum Tode von Wiglaf Droste: Das Ich und der Kosmos

Von Fritz Eckenga

Schwafler und Wichtigtuer waren ihm unerträglich. Aber der klügere Droste gab nie nach, sondern wehrte sich, humorsatt und poetisch. Nun ist der gebürtige Herforder Wiglaf Droste tot. Eine Würdigung.

Wiglaf ist gestorben. Was soll ich sagen? Ich bin sehr traurig. Wir lernten uns in den 1980er-Jahren kennen. Er war Halbtags-Redakteur der taz-Medienseite, ich sein Gelegenheitsautor. Nach und nach wurde aus Arbeit Freundschaft. Sie hielt bis heute und endet nicht mit seinem Tod.

Als Wiglaf Droste und ich am Telefon wie so oft mal wieder die Weltlage erörterten, profitierten wir von unserer großen internationalen Erfahrung. Es war später Vormittag und wir übersprangen souverän alles, was morgens von professionellen Wichtigtuern in die Medien-Welt gerührt worden war. Wiglaf hatte dazu das Nötigste vor längerer Zeit bereits schriftlich mitgeteilt:

"Politik und Medien verkleben in Sache und Rhetorik zu einem nicht mehr in seine einzelnen Bestandteile zerlegbaren Ganzen. Man kann auch Brei dazu sagen."

Wir hatten zwar Zeit, aber doch nicht für sowas. Besser sofort zur Sache kommen und direkt über innere Angelegenheiten sprechen.

Fünf Euro in die Kalauer-Kasse

Wiglaf hatte sich gerade von einem schwäbischen Orthopäden eines seiner Knie renovieren lassen. Mit der Rehabilitation des Patienten – so klagte der Frischoperierte – würde es wohl etwas länger dauern. Manchmal sei es schon wieder ganz gut, manchmal aber auch noch ganz schön aua. Längeres Sitzen gönge prima, das anschließende Aufstehen aber verursache eine gewisse Pein. Längeres Gehen gehe dann gar nicht. Längeres Liegen sei auf Dauer auch keine Lösung, da das ja doch zwangsläufig irgendwann in Aufstehen und Gehen münden müsse und dann zwicke und zwacke es ungut in der Kniekehle und hach – ach ja – er wolle ja nicht jammern, aber da sei jetzt wohl Geduld gefragt.

Da könne ich ihm nur zustimmen, stimmte ich ihm zu und referierte in heilender Absicht über die eigene Meniskus-Riss-Vergangenheit. Ich schloss meinen Vortrag mit der Mahnung: "Lass langsam geh’n, jetzt bloß nix übers Knie brechen!"

Wiglaf nahm den Appell freudig auf. Kein Wunder, denn der Spruch war selbstverständlich gebührenpflichtig und die Kalauer-Kasse, in die ich nun einzuzahlen hätte, damit um fünf Euro voller. Vor einigen Jahren legte der weise vorsorgende Droste diese Kasse an, um, wie er schreibt, "endlich einmal auf den berühmten grünen Zweig zu kommen".

Vive la Trance!

Damals erläuterte Droste sein langfristiges Finanzierungskonzept so: "Da man sich laut Harry Rowohlt dereinst für jeden Kalauer verantworten muss, für den man sich zu schade war, kalauerte ich hemmungslos, und so kam in erstaunlich kurzer Zeit eine erfreulich große Summe zusammen. Um mich nun nicht selbst auszurauben und um die Früchte meines Kalauerwerks zu bringen, vertraute ich meine prall gefüllte Kalauerkasse einer mir näher bekannten Dame an. Als ich diese nach einer längeren Reise aufsuchen wollte, war sie mitsamt der Kasse verschwunden. Nachforschungen ergaben, dass sie den Betrag in eine Ausbildung zur Hypnotiseurin investiert hatte. Um doch noch mein Glück zu machen, eröffnete ich rasch ein neues Kalauerkonto. Das Konto heißt Hypnotenuse, auf Deutsch: Vive la Trance!"

Das war ein kurzer Auszug aus dem Text, den Wiglaf Droste anlässlich des Welthypnosetages schrieb, den die Welthypnose-Lobbyisten am 4. Januar begehen und der, nebenbei bemerkt, auch der Namenstag der Bundeskanzlerin ist. Darüber verliert Droste selbstverständlich kein Wort. Warum auch? Erstens hatte er wichtigere Schmerzen, zweitens ist die Frau evangelisch und drittens war Droste nicht beim Kabarett.

Zig Bücher, CDs und Hörbücher

Ob es die Drostesche Kalauer-Kasse wirklich gibt, ist übrigens nicht von Belang. Gäbe es sie aber – und hätten wir beide immer ordnungsgemäß entrichtet – sie wäre übervoll. Innerhalb von fast 40 Jahren kommt schon was zusammen. Eine Tatsache, die den vom Knieweh geplagten am Telefon zur Aussage trieb: "Fritz, wir sind richtig alte Säcke geworden."

Satiriker Wiglaf Droste ist tot

WDR 5 Scala - aktuelle Kultur 16.05.2019 05:52 Min. WDR 5 Von Fritz Eckenga

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Wiglaf Droste durfte "alter Sack" zu mir sagen. Und zwar ohne, dass es danach zu bewaffneten Auseinandersetzungen kam. Persönliche Nähe ist eigentlich keine gute Voraussetzung für einen sogenannten Nachruf, mit dem der Nachrufer auch den künstlerisch-literarischen Stellenwert des Verstorbenen begründen soll. Dazu wäre nach herkömmlichen Maßstäben etwas mehr Distanz nützlich. Die Qualität der Arbeit Wiglaf Drostes, sein literarisches Werk, in über 40 Büchern, CDs und Hörbüchern veröffentlicht,

- seine langjährige Arbeit als Mitherausgeber der kulinarischen Kampfschrift "Häuptling Eigener Herd",
- als Kolumnist, für die Tageszeitungen "taz" und "Junge Welt", für "Folio", das Magazin der "Neuen Zürcher Zeitung",
- seine regelmäßigen Auftritte als Tournee-Reisender, als, wie er selbst sagte, "Nomade im Speck",
- als Vortragender seiner Texte, als Sänger, als Rundfunk- und Hörbuchsprecher.

All das muss ja, unhabhängig davon, ob man dem Künstler persönlich nahe war, für gut befunden werden können. Das kann es. Und das ist es auch längst: Vom Publikum, von ernstzunehmenden Kritikern, von Jurys, die Literatur-Preise vergeben.

Kein Grund, nicht schwarz zu sehen

Und ich wäre auch Fan von Wiglaf Droste geworden, wenn ich ihn nicht persönlich kennen gelernt hätte.

Droste kommt schwafelfrei zur Sache. Er eiert nicht rum, ist auf dem Punkt, macht klar. Seine Texte sind nie zu lang, höchstens zu kurz. Wenn, dann lag es meistens daran, dass in der Zeitung, in der sie zuerst veröffentlicht wurden, nicht genug Platz war. Dann musste man solange warten, bis sein nächstes Buch kam. In dem stand dann die ungekürzte Fassung. Sein zu Lebzeiten letztes ist in der Berliner Edition Tiamat erschienen und heißt "Kalte Duschen, warmer Regen".

Gisela Steinhauer im Gespräch mit Wiglaf Droste

WDR 5 Tischgespräch 16.05.2019 52:46 Min. WDR 5

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Wiglaf hatte viel Grund zur Klage und eigentlich keinen, nicht schwarz zu sehen. Ja, gegen die Dummheit ist so gut wie kein Kraut gewachsen. Ja, der allgegenwärtige Lärm der Schwafler und Wichtigtuer war ihm unerträglich. Aber – der klügere Droste gab nie nach, sondern wehrte sich, intelligent, leidenschaftlich, humorsatt, poetisch.

"Das Leben aber ist doch nichts / für Händefalter und für Seitenscheitelkämmer / Denn dieses sind die Lehren aus der Magnum von Mike Hammer / Die andre Wange jesusmäßig hinhalten / ist Quatsch mit Soße / In seine Feinde soll man Löcher machen, und zwar große.“

Notwehr in eigener Sache

Droste sagte selbst, dass es vor allem Notwehr in eigener Sache war, wenn er gegen die Lärmbolde, Angeber und Schaumacher anschrieb..

Dabei erfand er übrigens dauernd neue, ganz wunderbar treffende Wörter. Zu meinen Lieblingen gehören "Hochnasibert" und "Herrenpimpel". Droste schreibt: "Wie sollte man das Leben anders aushalten, als wenn man es sich als Komödie einrichtet. Ironie ist nicht billig. Sie ist ein Indiz für Zivilisation."

Wiglafs Heimat war die Sprache. Wo er zuhause war, kann jedermann nachlesen. Er hat uns genug dagelassen. Auch das hier: "Am Himmel stehen die Sterne / Sie leuchten nur für mich / Sie haben mich auch noch gerne / Ich glaube, die sind nicht ganz dicht."

Stand: 16.05.2019, 16:11