Jetzt als Kunst: "Unsere Gegenwart" in Siegen

Jetzt als Kunst: "Unsere Gegenwart" in Siegen

Was macht die Kunst in einer Zeit, in der sich das Analoge im Meer des Digitalen aufzulösen scheint? Das Museum für Gegenwartskunst in Siegen geht dieser Frage nach. Es stellt eine Wechselausstellung in den Dialog mit Werken der ständigen Sammlung. Hoch aktuell. Und bisweilen sehr poetisch.

Unsere Gegenwart, Museum für Gegenwartskunst, Siegen 2020 (Ausstellungsansicht)

Flüchtlingskrise und Populismus, digitaler und Klimawandel, Identität und Vermassung: Auf zwei Etagen und rund 1.800 Quadratmetern Fläche beschäftigt sich die Siegener Schau mit "unserer Gegenwart".

Flüchtlingskrise und Populismus, digitaler und Klimawandel, Identität und Vermassung: Auf zwei Etagen und rund 1.800 Quadratmetern Fläche beschäftigt sich die Siegener Schau mit "unserer Gegenwart".

Wenn wir der südkoreanischen Künstlerin und Choreografin Geumhyung Jeong glauben können, ist diese Gegenwart vor allem haarig. In ihrer zauberhaften Installation "Spa & Beauty" setzt sich die in Schauspiel und Choreografie, Puppenspiel und Animation ausgebildete Jeong auf alle nur erdenklichen Spielarten mit dem zeitgenössischen Schönheitswahn auseinander - und dem Einzug des Synthetischen in und an unserem Körper.

Frida Orupabo zeigt in ihren auf Familienfotos basierenden Digitalcollagen zerbrechliche und teils unnatürlich drapierte Figuren. Sie werfen die Frage nach kultureller Identität, menschlicher Gewalt, weiblicher Emanzipation und dem Verhältnis von Individuum und politischer Macht auf. Aus einer durchaus selbstbewussten Perspektive. Und wohl auch mit Anklängen an die europäische Kunstgeschichte.

Konkret politisch ist Eric Baudelaires Arbeit "Where are you going?", in der der US-Künstler alle 1.450 Mitglieder des britischen Ober- und Unterhauses nach ihrer Meinung zum Brexit befragte. In Siegen sind die bisher eingegangenen 55 Antwortbriefe in Posterkopien zu sehen.

Der digitale Zeitgeist ist ja vor allem zweierlei: Er ist visuell, und er ist bewegt. Dem entsprechend sind in "Unsere Gegenwart" im Wechselausstellungsteil besonders viele Videoarbeiten zu sehen, die mit zeitgenössischen Medienaspekten spielen. Wong Ping aus Hongkong etwa nutzt bei "Fables 2" (2019) eine niedliche Videospielästhetik, um von Sexualität, Gewalt und dunklen Ängsten zu erzählen.

Und in der humorvollen Fabelwelt von Basim Magdys "New Acid" (2019) chatten verschiedene Tierarten über Themen wie Liebe, Nationalismus, Fettleibigkeit und Schlafentzug.

Das Berliner Künstlerduo Pauline Boudry und Renate Lorenz hat sich für sein – in einem großartigen, weiß ausgeschlagenen Raum präsentiertes Video "Silent" von John Cages berühmtem Stück "4'33" inspirieren lassen: Hier sind die Musiker angewiesen, auf ihren Instrumenten nichts zu spielen. Die Musikerin Aérea Negrot performt das Stück auf dem Oranienplatz in Berlin, wo zwischen 2012 und 2014 ein Flüchtlingsprotestlager stattfand. Schweigen als Ausdruck des Protestes, aber auch der Unterdrückung. Mit einem versöhnlichen? Gesang im zweiten Teil, der eigens fürs Video komponiert wurde.

Unter anderem hier zeigt sich, wie viel Freude der neue Museumsdirektor Thomas Thiel offensichtlich daran hat, Bezüge zwischen den einzelnen Arbeiten herzustellen. Denn in unmittelbarer Nähe zu "Silent" findet sich Nam June Paiks Videoarbeit "A Tribute to John Cage", die dem Museum schon seit längerem gehört und die neben Interviews und Vorträgen eben auch die erste Aufführung von "4'33" in New York zeigt. Hier spricht der Meister selbst.

Thiel hat die Positionen der Wechselausstellung unter dem erfrischend assoziativ eingesetzten Motto "Unsere Gegenwart" mit Werken der ständigen Sammlung Lambrecht-Schadeberg konfrontiert. Oder ihnen in eigenen Räumen viel Platz gelassen. Auf der Ebene der Wechselausstellung wirkt die wie in Embryonalstellung verharrende Arbeit "Cos" (1987) von Antoni Tàpies aus bemaltem und zum Teil brutal behandeltem Schamotte-Ton dadurch besonders einsam.

Auch ein Stockwerk tiefer sind die Werke der Sammlung Lambrecht-Schadeberg dem Jetzt und seiner Zukunft gewidmet. Dazu gehört auch der Neuankauf des Museums: das weinrote Ledertor "My Trust" (2019) der Rubensförderpreis-Trägerin Lena Henke. Es ist mit Gürtelriemen an der Decke befestigt und scheint auf Fußhufen zu ruhen. Mensch, Tier und Objekt verschmelzen.

Aber auch die anderen Träger des Rubenspreises, der alle fünf Jahre an europäische Maler und Zeichner als Anerkennung für ihr künstlerisches Lebenswerk verliehen wird, sind vertreten, auch die jüngsten: die vor Ort auf die Wand aufgetragenen, scheinbar immergleichen Pinselabdrücke von Niele Toroni (2017) ...

... die verwirrend-flirrenden Wahrnehmungsirritationen von Bridget Riley (2012), bei denen der Betrachter, wie auch bei Toroni, trotz aller Abstraktion eine entscheidende Rolle spielt ...

... und einige sehr schöne Arbeiten von Sigmar Polke (2007). Hier die großflächige Malerei "Ohne Titel" (1983-2006), auf der der Alchemist der deutschen Kunst verschiedene Techniken seines Werks zusammenbringt.

Und wo wir schon bei Preisen sind: Auch der diesjährige Träger des renommierten Goslaer Kaiserrings, der Konzeptkünstler Hans Haacke, ist vertreten. Mit einer wundervoll minimalistischen, hoch poetischen Arbeit, die zudem noch mit einfachsten Mitteln bestmöglich in Szene gesetzt worden ist: ein blaues, vom Ventilatorenwind geblähtes Segeltuchquadrat alleine mitten in einem quadratischen Raum ("Blue Sail", 1964). So wirft "Unsere Gegenwart" auch Schlaglichter auf das, was in der zeitgenössischen Kunst Bedeutung hat.

"Unsere Gegenwart" ist noch bis zum 1. Juni 2020 im Museum für Gegenwartskunst in Siegen zu sehen. Hier Clemens von Wedemeyers Bewegtbildcollage "Transformation Scenario" (2018), die sich aus unterschiedlichen Perspektiven dem Fluss der Masse und ihrem Verhältnis zur Macht widmet.

Stand: 13.02.2020, 15:00 Uhr