Übersetzerpreis für Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel

Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel / Stilübungen

Übersetzerpreis für Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel

Von Mareike Ilsemann

  • Straelener Übersetzerpreis verliehen
  • Auszeichnung an Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel
  • Für Neuübersetzung von Raymond Queneaus "Stilübungen"

Sie sind beide auf die nächsten eineinhalb Jahre ausgebucht: Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel gehören auf dem deutschen Literaturmarkt zu den gefragtesten Übersetzern. Königsklasse! Wie dafür gemacht, sich an einen Text heranzutrauen, der lange als unübersetzbar galt: Raymond Queneaus "Exercices de style", im deutschen Titel "Stilübungen".

In einem Pariser Bus motzt ein junger Mann über rempelnde Fahrgäste. Der französische Autor Raymond Queneau macht eine Zufallsbegegnung, die tatsächlich stattgefunden hat, zum Ausgangspunkt seiner "Stilübung":

"Im S, zur Stoßzeit. Ein Typ ungefähr sechsundzwanzig, weicher Hut mit Kordel statt Band, zu langer Hals, als hätte jemand dran gezogen. Leute steigen aus. Besagter Typ regt sich über einen Nebenstehenden auf. Der remple ihn jedes Mal an, wenn einer vorbeiwolle, beschwert er sich. Weinerlicher Ton, der aggressiv klingen soll. Er sieht einen freien Platz, springt hin."

EUK - das Europäische Übersetzer-Kollegium in Straelen

EUK - das Europäische Übersetzer-Kollegium in Straelen

Diese alltägliche Begebenheit übersetzt Queneau in über einhundert Variationen. Stilübungen eben. Er schreibt die Szene aus der Sicht eines ewig Beleidigten, als Polizeiverhör oder in der Versform des Alexandriner.

"Mit jeder Stilübung ändert sich die Aufgabenstellung. Manchmal handelt es sich um Rollenprosa, also psychologisch orientierte 'short, short Story', wenn man so will, manchmal sind es Sprachspielereien mit bestimmten Stilmitteln, die ganz extrem ausgeführt werden müssen, und manchmal geht es hin bis zur Sprachzerlegung, bis in die Buchstaben hinein", erklärt Übersetzer Frank Heibert.

Jury lobt das Spiel mit Sprechformen

Als er und sein Partner Hinrich Schmidt-Henkel sich daran machten die "Stilübungen" ins Deutsche zu übersetzen, kamen am Küchentisch sechzig Jahre Übersetzererfahrung zusammen. Wie Pingpong Bälle spielten sie sich am Küchentisch Wörter und Assoziationen zu, um die kleine Szene im Bus gemäß der französischen Vorgabe in einer deutschen Version angemessen wieder zu geben. Sie zum Beispiel streng in eine Alliteration zu fassen.  

"Als der Autobus allmählich ankommt, ackert sich die atemberaubende Ansammlung von Abfahrtsaspiranten an Bord. Belustigend der Beau mit bortenbeflochtenem Bibi, der sich bei einem bislang nicht bescholtenen Bürger über Belästigung bitter beklagt."

Die Jury des Straelener Übersetzerpreises über das Übersetzter-Duo: "Sie spielen so präzise wie übermütig mit den Formen des Sprechens und Erzählens und feiern damit den großen Reichtum unserer Sprache". Raymond Queneau verfasste die Stilübungen in den vierziger Jahren. Damals litt Frankreich unter der deutschen Besatzung.

Künstlerische Gegenwehr gegen Repression der Deutschen

Das Spiel mit den Möglichkeiten der Sprache war da nicht nur ein Spiel, sondern ein politischer, subversiver Akt, ein Verlagshaus weigerte sich gar, den Text zu drucken. "Tatsächlich war das in einer ganz spezifischen Situation eine Art Gegenwehr, künstlerischer Widerstand gegen die Repressionen der Deutschen, einfach aufgehängt an der Tatsache, dass eine Übung immer eine Regel hat, diese Übungen jeweils wechselnde Regeln haben und wenn man das konsequent durchzieht oder sogar übertreibt, dass man dann zeigen kann, wie absurd Regeln werden, oder wie unmenschlich sie dann werden", erzählt Frank Heibert.

In Straelen begann auch persönliche Geschichte des Paares

Mit dem Europäischen Übersetzerkollegium in Straelen verbindet die beiden Preisträger eine besondere Geschichte. Wenn sie den Preis entgegen nehmen, schließt sich für sie ein Kreis:

"Das ist etwas persönlich sehr Schönes. Vor 22 Jahren waren wir hier in Straelen und haben zusammen einen französischen Roman übersetzt, und haben bei dieser Arbeit festgestellt, dass wir auch als Paar gut funktionieren, was sich bis heute bewahrheitet hat."

Vergabe Übersetzerpreis Straelen

WDR 3 Kultur am Mittag | 13.06.2017 | 05:55 Min.

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Stand: 13.06.2017, 12:28