Im Brennpunkt: Fotos für die Pressefreiheit

Im Brennpunkt: Fotos für die Pressefreiheit

Von Cornelia Wegerhoff

Es ist eine Sammlung eindrucksvoller, oftmals sehr berührender Momentaufnahmen, die Ereignisse weltweit dokumentieren: Zum "Internationalen Tag der Pressefreiheit" hat die Organisation "Reporter ohne Grenzen" einen neuen Bildband herausgebracht.

Proteste in Hongkong

Das Symbol der Demokratie-Bewegung in Hongkong ist der Regenschirm. Aber so wie diese Demonstrantinnen und Demonstranten hatte auch der Fotograf Lam Yik Fei sicherheitshalber Helm, Atemschutz und feuerfeste Kleidung dabei, als er mit der Kamera ab Juni 2019 die Massenproteste in Hongkong begleitet hat: "Journalisten werden bei ihrer Arbeit immer wieder von Gummigeschossen und Brandsätzen getroffen."

Das Symbol der Demokratie-Bewegung in Hongkong ist der Regenschirm. Aber so wie diese Demonstrantinnen und Demonstranten hatte auch der Fotograf Lam Yik Fei sicherheitshalber Helm, Atemschutz und feuerfeste Kleidung dabei, als er mit der Kamera ab Juni 2019 die Massenproteste in Hongkong begleitet hat: "Journalisten werden bei ihrer Arbeit immer wieder von Gummigeschossen und Brandsätzen getroffen."

"Manchmal behindern uns Polizisten oder Demonstranten sogar beim Fotografieren, wenn sie bestimmte Aufnahmen verhindern wollen. Das ist eine Gefahr für die Pressefreiheit", sagt Lam Yik Fei. So wie er haben weitere 18 Fotografinnen und Fotografen ihre Werke kostenlos zur Verfügung gestellt. Aus dem Erlös der jährlich erscheinenden Bildbände zahlt die Organisation "Reporter ohne Grenzen" seit ihrer Gründung 1994 beispielsweise Anwaltskosten und medizinische Hilfe für verfolgte Journalistinnen und Journalisten.

"Super Saturday" am 19. Oktober 2019 in London. Rund eine Million Briten gehen an diesem Tag für ein zweites Brexit-Referendum auf die Straße. Andrew Testa gelingt es jedoch, auf subtile Weise beide Lager auf sein Bild zu bringen. Der englische Fotograf war früher im Balkankrieg im Einsatz. Zu seinen Brexit-Fotos sagt er: "Ich dokumentiere die Balkanisierung Großbritanniens."

Gemma Pörzgen, Chefredakteurin des Bildbandes "Fotos der Pressefreiheit", erzählt, dass bei der diesjährigen Ausgabe einige Kollegen mitgewirkt haben, die eigens aus Kriegs- und Krisengebieten zurückgekehrt seien, um ihren Blick auf die Probleme in ihrer Heimat zu richten. Dieses Foto von Andrew Testa zeigt die Gäste einer gälischen Tanzveranstaltung auf der schottischen Isle of Mull. Dort gab es in keinem einzigen Wahlkreis eine Mehrheit für den Brexit. Großbritannien ist politisch und menschlich gespalten.

"Ich bin keine Fotografin, die von Kriegsgebiet zu Kriegsgebiet springt", wehrt sich Alice Martins gegen ein gängiges Klischee. Die Brasilianerin reist seit 2012 immer wieder nach Syrien. Hier hat sie mutmaßliche IS-Terroristen fotografiert, die in einem von kurdischen Streitkräften kontrollierten Gefängnis in der Stadt al-Hasaka inhaftiert sind. Alice Martins hofft, dass sie Syrien einmal im Frieden fotografieren kann. Die Reportage, in der sie über ihre Erfahrungen berichtet, heißt im Bildband 2020 weiterhin "Nicht als Zerstörung".

Wunderkräfte werden überall auf der Welt gebraucht. Auf Sansibar werden sie von traditionellen "Mganga"-Heilerinnen angeboten, die der US-amerikanische Fotografin Nicky Woo erlaubt haben, die kleinen und großen Wunder durch die Kamera zu beobachten. Gegen Depressionen gab es Gebete, gegen eine Lungenentzündung Kräutersalbe. "Man denkt ja manchmal: 'Die Linse, durch die ich die Welt sehe, ist die richtige, und alle anderen haben eine falsche Wahrnehmung.' Auf der Insel Sansibar lernte ich, dass das nicht immer stimmt."

Chefredakteurin Gemma Pörzgen hat auf den 104 Seiten der "Fotos für die Pressefreiheit" eine Auswahl von Bildern zusammengestellt, die auch verschiedene Genres widerspiegeln sollen. Wassim Ghozlani hat in Tunesien "Postkarten der Realität" fotografiert. Er wagt damit einen visuellen Gegenentwurf zu den üblichen Motiven in den Reisekatalogen, aber auch zur Krisenfotografie. Die Trostlosigkeit der Bilder steht metaphorisch für den Stillstand in Tunesien – bittere Realität.

Den "ewigen Albtraum" der Kolumbianer hat der  Fotograf Andrés Cardona hier mit Hilfe seiner eigenen Großmutter ins Szene gesetzt. Die Familie der beiden hat durch den seit Jahrzehnten anhaltenden bewaffnete Konflikt zwischen der FARC­Guerilla und der Regierung zahlreiche Angehörige verloren. "Wreck Family" nennt Andrés Cardona seine sehr persönliche Fotoserie.

Die Organisation "Reporter ohne Grenzen" ist auch bekannt durch ihre "Rangliste der Pressefreiheit". Russland befindet sich aktuell auf Platz 149 von 180 Ländern weltweit. "2019 griff der russische Staat auch den letzten Schutzraum freier Berichterstattung an. Dank neuer Gesetze soll das Internet in Zukunft lückenlos überwacht und sogar vom weltweiten Netz abgekoppelt werden können," so die Organisation. Die Fotografin Oksana Yushko begleitete die Moskauer Proteste im Sommer 2019.

Die Proteste gegen den Einmarsch indischer Truppen in Kaschmir hat der Fotograf Dar Yasin dokumentiert, Träger des Pulitzer Preises 2020. Er habe dafür einige Risiken in Kauf genommen. "Über Monate gab es eine Internetsperre. Es war für unseren Kollegen fast unmöglich, die Bilder ins Ausland zu schaffen", berichtet Gemma Pörzgen. Sie beklagt, dass es weltweit immer mehr "weiße Flecken der Berichterstattung" gibt, weil die Risiken für die Medienschaffenden zu groß seien. Die Corona-Pandemie käme nun erschwerend hinzu.

Stand: 05.05.2020, 11:00 Uhr