"Die Orgel hat es schwer"

Orgelpfeifen

"Die Orgel hat es schwer"

Die Anerkennung als Immaterielles Weltkulturerbe ist für die deutsche Orgelkunst sehr wichtig, sagt der Kölner Orgelexperte Karl-Heinz Göttert. Denn: Der Orgel droht eine musikalische Nische.

WDR: Der deutsche Orgelbau und die Orgelmusik sind seit heute Immaterielles Weltkulturerbe. Wie wichtig ist diese Auszeichnung für die Orgelkunst?

Germanist Karl-Heinz Göttert

Germanist Karl-Heinz Göttert

Karl-Heinz Göttert: Die Auszeichnung ist sehr wichtig. Die Orgel hat es schwer im heutigen Konzert- und Musikleben. In anderen Bereichen wird klassische Musik viel stärker wahrgenommen – von Rock, Pop, Jazz gar nicht zu reden. Der Orgel, der droht inzwischen so eine gewisse Nische. Und da kann jede Förderung nützlich sein.

Karl-Heinz Göttert ist emeritierter Germanistik-Professor der Universität Köln und ausgewiesener Orgelexperte. In seinem Buch "Die Orgel - Kulturgeschichte eines monumentalen Instruments" beleuchtet er die historische und politische Bedeutung von Instrument, Organisten und Orgelbauern. Gemeinsam mit Eckhard Isenberg verfasste er den "Orgelführer Europa".

WDR: Welche Tradition haben der Orgelbau und die Orgelmusik in Deutschland - ist das vor allem klerikal geprägt?

Göttert: Ja. Die Orgel, wie wir sie heute kennen, stammt aus dem Spätmittelalter und ist im Kontext der Kirchen groß geworden. Das kann man ganz nüchtern sehen: In der Kirche suchte man ein Instrument, das den Gesang ergänzte und begleitete. Ein Orchester wäre viel zu unpraktisch und auch zu teuer gewesen. Und die Orgel ist ein Ein-Mann-Orchester. Das war super praktisch und hat der Orgel sehr viel Auftrieb gegeben.

Über die Kulturgeschichte der Orgel

WDR 3 TonArt | 14.11.2017 | 18:26 Min.

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"Wegwendung von der ursprünglichen Musik"

WDR: Innovationskraft und Entwicklungsfähigkeit einer Tradition sind zwei wichtige Punkte für die Anerkennung als Kulturerbe. Wo sehen Sie Entwicklungsfähigkeit bei der Orgel?

Göttert: Ich bin da etwas vorsichtig. Die Orgel hat eine lange Zeit der stürmischen Entwicklung hinter sich. Sie hat mehrere Höhepunkte erlebt, etwa im Barockzeitalter oder in der Romantik und ist heute ein mehr oder weniger ausgereiftes Instrument. Was man im Augenblick macht, ist Weiterentwicklung auf dem Gebiet der Elektronik – und da bin ich mir gar nicht so sicher, ob das so gesund ist für die Orgel. Denn das bringt auch eine gewisse Wegwendung von der ursprünglichen Musik mit sich.

WDR: Aber liegt nicht gerade auf dem Gebiet der Musik die Innovationskraft der Orgel?

Göttert: Sicher, man kann auf der Orgel alles machen. Es gibt sehr gute Musiker wie Barbara Dennerlein, die ganz tolle Jazzmusik auf der Orgel macht – oder Wayne Marshall. Wenn der sich an die Orgel setzt, dann wird das Spiel von Jazzrhythmen befruchtet. Es gibt auch Popmusik auf der Orgel. Für mich ist die Orgel aber auch ein klassisches Instrument. Sie können ja mal Lang Lang fragen oder entsprechende andere Musiker, ob die Lust haben, von ihrem klassischen Repertoire abzugehen. Die werden Ihnen sagen, dass sie dazu keine Lust haben – und dass es ein Publikum gibt, das auch diese klassischen Traditionen hören will.

Das Gespräch führte Conny Crumbach.

Stand: 07.12.2017, 10:00