Fortsetzung folgt: Wolfgang Niedecken wird 70

Fortsetzung folgt: Wolfgang Niedecken wird 70

Von Ingo Neumayer

Eigentlich wollte Wolfgang Niedecken Maler werden. Doch dann kam ihm die Rockmusik dazwischen. Mit BAP schrieb er deutsche Musik- und Sprachgeschichte – und feiert am 30. März 2021 seinen 70. Geburtstag.

Wolfgang Niedecken mit ca. 8 Jahren

Manche Wege sind vorgezeichnet – und andere schier unerklärlich. Denn dass Wolfgang Niedecken, der am 30. März 1951 im Kölner Severinsklösterchen geboren wird, zu einem der wichtigsten deutschen Rocksänger wird, hätte damals wohl niemand gedacht. Die Eltern betreiben einen Lebensmittelladen in der Kölner Südstadt und der junge Wolfgang muss kräftig mithelfen. Statt um Bücher und Songs geht es um Mehl und Gurken.

Manche Wege sind vorgezeichnet – und andere schier unerklärlich. Denn dass Wolfgang Niedecken, der am 30. März 1951 im Kölner Severinsklösterchen geboren wird, zu einem der wichtigsten deutschen Rocksänger wird, hätte damals wohl niemand gedacht. Die Eltern betreiben einen Lebensmittelladen in der Kölner Südstadt und der junge Wolfgang muss kräftig mithelfen. Statt um Bücher und Songs geht es um Mehl und Gurken.

Doch an seinem 16. Geburtstag sieht er die Rolling Stones in der Kölner Sporthalle – eine Art Erweckungserlebnis. "Ich saß zwar ganz hinten, aber ich habe dieselbe Luft geatmet wie die Stones. Das hat gereicht", sagt er später. Fortan nimmt der Rock'n'Roll eine wichtige Rolle in seinem Leben ein. Er rebelliert gegen seinen strengen Vater und die Lehrer seines katholischen Internats. Und er wird Sänger einer Beatband namens The Troop.

Niedecken hat nicht nur musikalisches Talent. Vor allem die Kunst hat es ihm angetan, und so studiert er ab 1970 freie Malerei. Bis nach New York führen ihn seine Studien. Gitarre in einer Band spielt er zwar auch noch, aber eher als Hobby.

Doch irgendwie wird das mit der Band, die noch nicht einmal einen Namen hat, immer größer. Vielleicht auch, weil Niedecken etwas macht, was sich sonst kaum einer traut: Er singt auf Kölsch. Rock in einer Sprache, die schon 80 Kilometer weiter keiner versteht? Das klingt nach einer Schnapsidee, doch der Zuspruch wird immer größer. 1979 erscheint das Debütalbum "Wolfgang Niedeckens BAP rockt andere kölsche Leeder".

Den Namen BAP ("Bapp" ist kölsch für "Papa") erhält die Band, nachdem Niedecken die eine oder andere Schote über seinen eigenen Vater erzählt. Und auch Niedecken selbst bekommt einen Beinamen: Für die Journaille und für die Fans ist er wegen seiner besonderen Art zu texten der "Dylan aus der Südstadt".

1981 gelingt der Band der deutschlandweite Durchbruch mit dem Album "Für usszeschnigge!" und dem Song "Verdamp lang her". Der entsteht im März 1981, als Niedecken vor dem Karnevalstrubel nach Bayern flüchtet und versucht, den Tod seines Vaters künstlerisch zu verarbeiten.

BAP ist Anfang der 80er ein Phänomen, das nirgends so recht reinpassen will. Nicht zu den kölschen Frohnaturen wie Höhner oder Bläck Fööss, die den Karneval zelebrieren. Und auch nicht zu den NDW-Bands, die gerade einen locker-spontanen Umgang mit Stil und Sprache pflegen.

Dennoch öffnen sich viele Türen für Niedecken & Co. So dürfen sie 1982 im Vorprogramm der Rolling Stones spielen – einerseits ein Ritterschlag für Niedecken. Andererseits sagt er später: "So viel Lampenfieber hatte ich noch nie."

Der BAP-Zug läuft auf vollen Touren. Ausverkaufte Konzerte, Goldene Schallplatten, viel Rummel und Zuspruch von Medien und Fans.

Niedecken hat allerdings wenig Interesse, seinen Status als Rockstar sinnfrei auszukosten mit Partys und Exzessen. Stattdessen stürzt er sich in stundenlange Diskussionen mit dem Nobelpreisträger Heinrich Böll.

Gesellschaftliches und politisches Engagement sind für Niedecken ebenfalls unabdingbar. Das macht er einerseits mit Songs wie "Kristallnaach", andererseits aber auch mit Auftritten bei Protestveranstaltungen. Hier sieht man ihn 1986 mit Campino und Udo Lindenberg vor einem Auftritt beim "Anti-WAAhnsins-Festival", das sich gegen die Errichtung einer atomaren Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf richtet.

Kölsche Urgesteine unter sich: Mit Trude Herr und Tommy Engel (Bläck Fööss) nimmt Niedecken 1987 "Niemals geht man so ganz" auf. Der Song wird schnell in den Kanon des kölschen Liedguts aufgenommen und läuft gleichermaßen auf Beerdigungen wie auf Karnevalsfeiern.

Im Mai 1989 spielt BAP sogar jenseits des Eisernen Vorhangs. Eine geplante Tour durch die DDR wurde 1984 abgesagt wegen Niedeckens kritischer Texte. In der UdSSR sind aber ein paar Jahre später Auftritte möglich. Erstaunlicherweise machen sich nicht wenige BAP-Fans aus der DDR auf den weiten Weg nach Moskau, um die Band live zu sehen.

Ein schlimmer Anlass sorgt 1992 für einen der größten BAP-Auftritte überhaupt. Nachdem es in Deutschland zu mehreren rassistischen Anschlägen kommt, findet in der Kölner Südstadt das "Arsch huh, Zäng ussenander"-Festival statt. Über 100.000 Menschen versammeln sich, um ein Zeichen gegen rechten Hass und Gewalt zu setzen. Den "Titelsong" zum Festival schreibt Niedecken zusammen mit Nick Nikitakis.

Im Laufe der Jahre verändern sich Sound und Besetzung ein um's andere Mal bei BAP. Nur einer sorgt für Konstanz: Wolfgang Niedecken. Doch die Band alleine reicht ihm nicht. Er nimmt auch Soloalben auf, schreibt Bücher und versucht, seine Popularität sinnvoll einzusetzen.

Etwa für das Hilfsprojekt "Gemeinsam für Afrika", das Niedecken seit Jahren unterstützt und das helfen soll, dem Image von Afrika als "verlorener Kontinent" entgegenzuwirken. Niedecken fliegt mehrmals nach Uganda, um auf das Schicksal von Kindersoldaten aufmerksam zu machen.

Niedecken bekommt für sein künstlerisches und gesellschaftliches Engagement nicht nur eines, sondern gleich zwei Bundesverdienstkreuze: Das "am Bande" erhält er 1998, das "erster Klasse" im Jahr 2013.

Der bildenden Kunst bleibt Niedecken übrigens über all die Jahre treu. Er gestaltet mehrere BAP-Plattencover und präsentiert seine Werke auf Ausstellungen. "Das Dasein als Musiker ist bei mir aus einem Hobby entstanden, während ich die Kunst ernsthaft studiert habe. Und eigentlich bin ich ganz froh, dass es bei mir so und nicht andersherum ist. So habe ich mir meine Naivität behalten, was die Musik betrifft", sagt Niedecken.

In guten wie in schlechten Zeiten: Niedecken steht zu seinem Herzensverein, dem 1. FC Köln, und mischt sich immer wieder gerne unter die Fans der Südkurve. Als Niedecken 2011 nach einem Schlaganfall im Krankenhaus liegt, wünschen ihm die Effzeh-Fans mit einem Transparent, das sie während des Spiels hochhalten, gute Besserung. Niedecken ist gerührt – und bald wieder gesund.

Als Interviewpartner ist Niedecken schon lange ein gern gesehener und gehörter Gast im WDR. 2017 bekommt er sogar eine eigene Radioshow auf WDR 4. Bei den "Songpoeten" präsentiert er Lieder, die ihn beeinflusst haben und die ihm etwas bedeuten.

Für Zahlen interessiere er sich gar nicht so sehr, sagt Niedecken. Dennoch hoffen wir, dass er sich an seinen 70. Geburtstag schön feiern lässt. Alles Gute und noch viele produktive Jahre – getreu dem Motto eines BAP-Songs aus dem Jahr 1988: "Fortsetzung folgt ..."

Stand: 29.03.2021, 09:37 Uhr