WDR Studio Elektronische Musik goes Online!

WDR Studio Elektronische Musik goes Online!

Von Thomas Köster

Als das WDR Studio für Elektronische Musik 1951 gegründet wurde, war es weltweit das erste seiner Art. Es lockte Größen wie John Cage nach Köln und machte die Musik Stockhausens erst möglich. Zum 70. Geburtstag wurde das legendäre Studio multimedial erlebbar.

Pink Floyd, Can, Kraftwerk: Sie alle singen laut Auskunft des ehemaligen WDR 3-Programmchefs Karl Karst "Elogen auf die Entdeckungen, die im Studio für Elektronische Musik gemacht worden sind". Tatsächlich machte das Studio die Stadt Köln seit der Mitte des 20. Jahrhunderts zum pulsierenden Herzstück der musikalischen Avantgarde. Hierher eingeladen zu werden, war für Komponisten der Ritterschlag.

Pink Floyd, Can, Kraftwerk: Sie alle singen laut Auskunft des ehemaligen WDR 3-Programmchefs Karl Karst "Elogen auf die Entdeckungen, die im Studio für Elektronische Musik gemacht worden sind". Tatsächlich machte das Studio die Stadt Köln seit der Mitte des 20. Jahrhunderts zum pulsierenden Herzstück der musikalischen Avantgarde. Hierher eingeladen zu werden, war für Komponisten der Ritterschlag.


Ein Online-Angebot, das die Museums-Webanwendung "Google Arts & Culture" gemeinsam mit dem WDR entwickelt hat, vermittelt nun einen imposanten Eindruck davon: mit einer virtuellen 360-Grad-Tour (im Bild) sowie zahlreichen Fotos, Film- und Tondokumenten. Es ist Teil des Großprojekts "Music Makers Machines", einer Online-Ausstellung über die Geschichte elektronischer Musik, bei der "Google Arts & Culture" und YouTube mit internationalen Kulturinstitutionen und Partnern aus der Musikindustrie zusammenarbeiten.

Komponisten wie Karlheinz Stockhausen, John Cage, Pierre Boulez, György Ligeti oder Maurizio Kagel ging es seit der Nachkriegszeit darum, bisher nie gehörte Klänge zu erzeugen und völlig neue Tonzusammenhänge zu komponieren – also zu einer "unerhörten" Musik zu finden, die von Regimen und Ideologien nicht instrumentalisiert werden konnte. Was später im wüsten Techno mündete, nahm hier ganz seriös Gestalt an. Im Bild: der erste Studioleiter Herbert Eimert.

Vor allem der Name des kreativen, streitbaren Komponisten Karlheinz Stockhausen ist für immer mit dem WDR Studio für Elektronische Musik verbunden, das er zwischen 1963 und 1989 künstlerisch leitete. 1955 entstand im Studio das Frühwerk "Gesang der Jünglinge", 1960 mit "Kontakte" für Klavier, Schlagzeug und Tonband ein Hauptwerk von Stockhausen.

Für "Kontakte" entwarf Stockhausen 1959 diesen Rotationslautsprecher, mit dem der Komponist die Klänge in Bewegung setzen wollte. Vier um den Tisch aufgestellte Mikrofone übertrugen die Töne des rotierenden Lautsprechers zur Aufnahme auf ein Vierspur-Tonbandgerät: Stereoaufnahmen waren da noch komplette Seltenheit.

Ihm ging es darum, gesungene und instrumentale Töne mit elektronischen in Einklang zu bringen – teils auch mit Übertragungen aus dem Hubschrauber heraus. Dass dieses "Neugetöne" nicht immer auf Verständnis stieß, vermittelt das Projekt mit einem Audio, in dem Stockhausen für damalige Verhältnisse recht empörte Hörerkommentare vorliest.

Neben Stockhausen prägten die Komponisten Pierre Boulez, György Ligeti, Gottfried Michael Koenig und Mauricio Kagel (hier rechts neben John Cage) die Geschichte des Studios für Elektronische Musik nachhaltig. Im Web-Projekt ist ihnen als "Quartett vom Rhein" ein eigenes Kapitel gewidmet.

1987 zog das Studio aus dem Haupthaus des WDR in ein einige Kilometer entferntes Gebäude des Senders, wo es bis 2001 noch überwiegend von Stockhausen genutzt wurde. Da gab es bereits den Plan, seine Mischpulte, Synthesizer, Rauschgeneratoren, Vierspurmagnetophone, Ring- und Sinusmodulatoren, Oktav- und Terzfilter zu verschrotten. Denn die Technik galt als veraltet, inzwischen gab es modernere Studios in Mailand, Tokio, Utrecht und New York. Einen "Skandal" nannte Komponist György Ligeti diesen Plan.

Karl Karst, von 1999 bis 2019 Programmchef des Kulturradios WDR 3, ist es zu verdanken, dass diese Idee schnell verworfen wurde: Karst sorgte als eine seiner ersten Amtshandlungen dafür, dass das Studio in einen Keller in einem Kölner Gewerbegebiet wieder funktionstüchtig aufgebaut werden konnte: auch, um die kostbaren Tonbestände zu digitalisieren. Davon erzählt Karst in einem Interview des Web-Projekts.

Ein weiteres Interview dokumentiert das Wirken von Stockhausens Toningenieur Volker Müller, der sich nach dem Umzug weiter um das Studio kümmerte und auch das neue Web-Projekt bis zu seinem Tod im Februar 2021 mit seinem historischen und technischen Knowhow mit betreut hat. Hier sehen wir ihn bei der Arbeit.

Bis heute sind alle Verhandlungen, das Studio einer öffentlichen Nutzung zugänglich zu machen, gescheitert: zuletzt auch der Umzug nach Haus Mödrath, jenes ehemalige Wöchnerinnenheim, in dem 1928 Karlheinz Stockhausen zur Welt kam. Inzwischen gibt es neue Verhandlungen mit der Stadt Köln. Und das wäre sicher im Sinne der Komponisten. Immerhin nannte schon Györgi Ligeti die Verbindung zwischen Neuer Musik, dem WDR und Köln ein "Dreigestirn".

Bis dahin aber kann man die Geschichte des WDR Studios für Elektronische Musik zumindest virtuell erleben. Ein Projekt, das nicht zuletzt verdeutlicht, wie kulturell erhaltenswert das Studio in seiner Gänze tatsächlich ist.​

Stand: 10.03.2021, 06:00 Uhr