Die Supremes: Girl Power in den 60ern

Die Supremes: Girl Power in den 60ern

Von Ingo Neumayer

Frauen an der Spitze der Charts? Sind heute selbstverständlich. In den Anfangstagen von Soul und Rock'n'Roll dominierten allerdings die Männer. Bis die Supremes kamen – und es als erste Girlband überhaupt auf die Nummer Eins schafften.

Soulgruppe "Supremes"

Schon die Gründung der Supremes ist ein Akt der Gleichberechtigung. Denn Doo-Wop, Soul und Rock'n'Roll sind Ende der Fünfziger ganz klar in den Händen der Männer: Es gibt die Drifters, die Penguins, Frankie Lymon & The Teenagers. Doch in Detroit sucht der Manager Milton Jenkins eine "Schwesterband" für die bereits existierenden Primes, die The Primettes heißen soll.

Schon die Gründung der Supremes ist ein Akt der Gleichberechtigung. Denn Doo-Wop, Soul und Rock'n'Roll sind Ende der Fünfziger ganz klar in den Händen der Männer: Es gibt die Drifters, die Penguins, Frankie Lymon & The Teenagers. Doch in Detroit sucht der Manager Milton Jenkins eine "Schwesterband" für die bereits existierenden Primes, die The Primettes heißen soll.

Nach den üblichen Umbesetzungen der Anfangszeit kristallisiert sich eine Stammformation heraus: Florence Ballard (Mi.), ihre Freundin Mary Wilson (re.) und deren Klassenkameradin Diane Ross (li.) sind die dominierenden Stimmen der Primettes, die Anfang der Sechziger noch als Quartett auftreten und in Detroit und Umgebung erste Erfolge feiern. Die Schülerinnen werden bei der neu gegründeten Plattenfirma "Motown" vorstellig, erhalten aber eine Absage: Sie seien noch zu jung und sollten erstmal die Schule fertig machen, rät Labelboss Berry Gordy den 16-Jährigen.

1962 ist der High-School-Abschluss in der Tasche, und jetzt klappt es auch mit dem Plattenvertrag. Allerdings gefällt Plattenboss Gordy der bisherige Bandname nicht. Er legt den Mädels eine Liste mit Alternativvorschlägen vor, darunter The Darleens, The Sweet Ps, The Melodees, The Royaltones, The Jewelettes. Florence Ballard entscheidet sich schließlich für The Supremes.

Doch die Karriere gerät nicht so recht ins Rollen: Die ersten Singles der Supremes floppen, der großspurige Name ("Supremes" sind die "Größten" oder "Obersten") gibt Anlass zum Hohn. Wilson, Ballard und Ross, die sich inzwischen Diana statt Diane nennt, verdingen sich als Background-Sängerinnen für Stars wie Ray Charles oder die Temptations.

1964 sind die Supremes mal wieder im Studio. Die Stimmung ist schlecht, der Song "Where Did Our Love Go?", den die Produzenten vorschlagen, gefällt keiner der Sängerinnen. Aufnehmen müssen sie ihn trotzdem – Mitspracherecht gibt es nicht. Und natürlich kommt es, wie es kommen muss: "Where Did Our Love Go?" wird ein Riesenhit, erreicht in den USA Platz 1 der Single-Charts und in England Platz 3. Auch eine deutsche Version des Songs erscheint.

Auf einmal läuft es für die Supremes: Auch die nächsten Singles "Baby Love", "Come See About Me", "Stop! In The Name Of Love" und "Back In My Arms Again" werden Nummer-Eins-Hits. Die Plattenfirma vermarktet Wilson, Ballard und vor allem Diana Ross als eigenständige Persönlichkeiten – ein großer Unterschied zu den meisten anderen, eher austauschbaren Vokalgruppen der Zeit. Dazu kommt der glamouräse, stylishe Look der Band, die gleichermaßen das schwarze wie das weiße Publikum begeistert.

Zudem beweisen die Produzenten ein gutes Gespür für angesagte Sounds: Auf dem Album "A Bit Of Liverpool" (1964) singen die Supremes Songs der Beatles, der Animals und von Dave Clark – ein Jahr später widmen sie sich auf Albumlänge Country- und Western-Klängen.

Endgültig oben angekommen sind die Supremes am 22.10.1966: Ihr Album "Supremes A' Go-Go" löst "Revolver" von den Beatles an der Spitze der US-Billboard-Albumcharts ab. Eine Band, die nur aus Frauen besteht, auf der Nummer Eins – das gab es bis dato noch nie. Mit Hits wie "You Can't Hurry Love" oder "You Keep Me Hangin' On" werden die Supremes zu Weltstars. Doch eitel Sonnenschein gibt es nur für die Kameras, in der Band brodelt es. Diana Ross, die die Leadvocals bei einem Großteil der Hits singt, drängt sich immer mehr in den Mittelpunkt.

Auch die Plattenfirma glaubt an den Star-Appeal von Diana Ross und beschließt, die Sängerin stärker hervorzuheben. Aus "The Supremes" werden "Diana Ross & The Supremes". Eine Entscheidung, die Florence Ballard nicht akzeptieren will. Sie fängt an zu trinken und sabotiert Auftritte. 1968 verlässt sie die Band.

Ein Ersatz ist schnell gefunden: Cindy Birdsong (oben links) steigt bei den Supremes ein. Sie scheint sich mit der Rolle im Schatten von Diana Ross (vorne) besser zurecht zu finden. Doch gegen Ende der Sechziger geht der Stern der Supremes langsam unter. Das Mainstream-Image der Band passt nicht zur Black-Power-Bewegung und zur immer wichtiger werdenden Gegenkultur. Die Hits werden rarer, die Streitereien häufen sich.

1970 steigt Diana Ross schließlich aus und startet ihre Solokarriere. Mit Erfolg: Das ganze Jahrzehnt über gelingen ihr immer wieder Hits. Sie singt Duette mit Michael Jackson und Marvin Gaye, dreht Filme und TV-Specials. Den Übergang von der Soul-Sängerin zur Disco-Queen kriegt sie beeindruckend hin. Auch in den Achtzigern feiert sie große Erfolge mit Songs wie "Upside Down" oder "Chain Reaction".

Der Rest der Supremes macht ohne Diana Ross weiter und veröffentlicht in den Siebzigern weiter Album um Album. Der Erfolg ist aber recht überschaubar, dazu kommen diverse Umbesetzungen. 1977 sagt die Band endgültig Bye-Bye.

2000 kommt es zwar zu einer Supremes-Reunion-Tour, allerdings fällt das Comeback beim Publikum durch. Kein Wunder, denn schon im Vorfeld gibt es Ärger um Gagen und Rampenlichtplätze. Schließlich stehen neben Diana Ross Lynda Laurence und Scherrie Payne auf der Bühne, die jeweils zu unterschiedlichen Zeiten Mitglieder der Band waren.

Querelen hin, gescheitertes Comeback her: Das popkulturelle Vermächtnis der Supremes ist groß. Denn egal, ob Destiny's Child oder TLC, Bananarama oder die Spice Girls – so gut wie alle Girlgroups, die in den achtziger und neunziger Jahren Erfolg haben, lassen sich von den Supremes und ihrer Hochphase in den Sechzigern inspirieren.

Stand: 07.01.2021, 12:51 Uhr