Pink Floyds "Another Brick In The Wall, Part 2" – Die Hymne der Antiautoritären

Pink Floyds "Another Brick In The Wall, Part 2" – Die Hymne der Antiautoritären

Von Ingo Neumayer

An Pink Floyd ist nahezu alles legendär: die Konzerte, die Hochs und die Tiefs, die Erfolge, die Streitereien und natürlich die Platten. Vor 40 Jahren stürmt die Singleauskopplung "Another Brick In The Wall, Part 2" an die Spitze der deutschen Charts.

Pink-Floyd-Gitarrist David Gilmour bei einem Auftritt 2015

Ausverkaufte Tourneen, millionenfache Plattenverkäufe, Heerscharen von Nacheiferern – und das über mehrere Jahrzehnte lang: Wer ein Buch über die Geschichte der Rockmusik schreiben will, muss ein langes Kapitel für Pink Floyd reservieren. Der Gitarrist und Sänger David Gilmour sorgte für den Wiedererkennungswert der britischen Band.

Ausverkaufte Tourneen, millionenfache Plattenverkäufe, Heerscharen von Nacheiferern – und das über mehrere Jahrzehnte lang: Wer ein Buch über die Geschichte der Rockmusik schreiben will, muss ein langes Kapitel für Pink Floyd reservieren. Der Gitarrist und Sänger David Gilmour sorgte für den Wiedererkennungswert der britischen Band.

Dass David Gilmour überhaupt Teil der Band wird, beruht auf einem Freundschaftsdienst. Sein Vorgänger Syd Barrett (2. v.r.), der die Band zusammen mit Bassist Roger Waters, Drummer Nick Mason und Keyboarder Richard Wright 1965 ins Leben ruft, spielt nach der Veröffentlichung des Debütalbums "The Piper At The Gates Of Dawn" (1967) lieber mit LSD als mit der Gitarre. Um dessen Ausfälle auf der Bühne zu kompensieren, wird Barretts Freund David Gilmour 1968 für die Liveauftritte in die Band geholt.

Doch Barretts Psychosen werden immer schlimmer, so dass er im April 1968 die Band verlassen muss. Gilmour wird zum vollwertigen Bandmitglied und bildet in den folgenden Jahren zusammen mit Bassist Roger Waters (li.) die treibende musikalische und künstlerische Kraft bei Pink Floyd.

Trotz der vielfältigen Einflüsse und unterschiedlichen Stilarten, die den Sound von Pink Floyd bestimmen, gibt es ein klangliches Element, das die Songs der Band zusammenhält und quasi unverkennbar macht: David Gilmours Gitarrenspiel. Mit viel Gefühl und der richtigen Portion Rhythmus ausgestattet, weiß Gilmour im Gegensatz zu manchen Dudel-Kollegen, dass es mitunter viel effektiver ist, nicht alle Lücken zuzukleistern, sondern Riffs und Melodien auch mal atmen zu lassen. Dazu kommt sein warmer, klarer, fast schon polierter Sound.

Roger Waters und David Gilmour teilen sich die meisten Einsätze am Mikrofon. Mit dem 1973 erschienenen Album "The Dark Side Of The Moon" werden die Jungs von Pink Floyd endgültig zu Superstars. Die Platte mit Hits wie "Time" oder "Money" hält sich 15 (!) Jahre lang in den US-Charts und verkauft sich über 50 Millionen mal. Nur "Thriller" von Michael Jackson ist kommerziell noch erfolgreicher.

Neben der Musik legt Pink Floyd auch immer viel Wert auf spektakuläre Shows und Aktionen: So lässt die Band für das Coverfoto des Albums "Animals" 1977 ein zwölf Meter großes, aufblasbares Schwein über einem Londoner Kraftwerk aufsteigen. Wegen starker Böen reißt die Sicherung, das Schwein schwebt unkontrolliert über London und sorgt bei Anwohnern und Piloten für Irritationen.

Auch das Doppelalbum "The Wall", das 1979 veröffentlicht wird, lebt von seiner starken visuellen Komponente. Da die Auftritte von einem äußerst aufwendigen Bühnenbild begleitet werden, wird das Album Anfang der 80er weltweit lediglich in vier Städten live aufgeführt: in New York, Los Angeles, London und Dortmund.

Vorab erscheint die Singleauskopplung "Another Brick In The Wall, Part 2". Die von Kindern gesungene Zeile "We don't need no education" wird schnell zur Hymne der antiautoritären Linken. Innerhalb von zwei Monaten verkauft sich die Platte eine Millionen mal. Auch in Deutschland trifft das Stück einen Nerv und verweilt ab dem 4. Februar 1980 für drei Wochen an der Spitze der deutschen Charts.

Zu diesem Zeitpunkt knirscht es allerdings schon gehörig in der Band. Roger Waters, der ab Mitte der 70er mehr und mehr das Sagen übernommen hat, sieht Wright, Mason und Gilmour lediglich als Erfüllungsgehilfen, die die von ihm geschriebenen Songs umzusetzen haben. Auf dem 1983 erschienenen Album "The Final Cut" ist Gilmour kaum vertreten.

1985 verlässt Waters die Band im Streit mit Gilmour und erklärt sie für Geschichte. Doch Gilmour, Mason und Wright wollen weitermachen. Waters bemüht seine Anwälte, um den ehemaligen Mitstreitern den Gebrauch des Namens und seiner Songs zu verbieten. Selbst auf das aufblasbare Schwein erhebt er Ansprüche und will die Verwendung bei Konzerten ohne ihn untersagen.

Aber Gilmour, der der "neue" Kopf von Pink Floyd wird, setzt sich durch. Pink Floyd geht in die nächste Runde, und das durchaus erfolgreich. 1987 erscheint das Album "A Momentary Lapse Of Reason", danach folgt eine Welttournee. 1988 tritt die Band vor dem Berliner Reichstag vor zehntausenden Menschen auf. Die DDR protestiert gegen das Konzert, angeblich besteht aufgrund der Lautstärke Lebensgefahr für Patienten in der nahen Charité. Die Folge: Pink Floyd muss leiser drehen und die Boxen nach Westen ausrichten.

Neben seiner Arbeit für Pink Floyd findet David Gilmour immer wieder Zeit für Alleingänge. Schon 1978 veröffentlicht er sein erstes Soloalbum, weitere folgen in den Jahren 1984 und 2006. Auch seine Soloalben und die daran anschließenden Tourneen werden große Erfolge.

2005 passiert das Unglaubliche: Für das Benefiz-Konzert Live 8 bestreitet Pink Floyd einen Auftritt in der erfolgreichsten Besetzung – mit Roger Waters. Fünf Stücke lang werden alle Animositäten und Konflikte beiseitegelegt, anschließend liegt sich die Band in den Armen.

Doch der Auftritt im Wembley-Stadion bleibt eine einmalige Sache für den guten Zweck. Roger Waters und die Pink Floyd der "Gilmour"-Ära können oder wollen nicht mehr zusammen. Waters geht lieber alleine auf Tour und gibt alte Pink-Floyd-Klassiker zum Besten. Ab 2011 führt er "The Wall" in voller Länge auf – ein weltweiter Erfolg.

Und auch die "anderen" Pink Floyd um David Gilmour machen von sich reden. 2014 erscheint das Album "The Endless River" – eine letzte Verbeugung vor Keyboarder Richard Wright, der 2008 stirbt. Das Album basiert hauptsächlich auf Aufnahmen und Songskizzen, die die Band 1993 gemacht und wieder verworfen hatte. "Das ist das finale Werk, das von uns herauskommt. Ich bin sehr sicher, dass es keinen Nachfolger geben wird. Es ist schade, dass dieses das Ende ist", sagt Gilmour über die Veröffentlichung.

Das Ende von Pink Floyd bedeutet nicht das Ende von David Gilmour als aktivem Musiker. Im September 2015 erscheint sein Soloalbum "Rattle That Lock", das bei Kritikern wie beim Publikum großen Anklang findet.

Stand: 03.02.2020, 11:06 Uhr