Pete Townshend: Die Who-Windmühle wird 75

Pete Townshend: Die Who-Windmühle wird 75

Von Ingo Neumayer

Zertrümmerte Gitarren, harte Riffs, spektakuläre Shows: Mit The Who schrieb Pete Townshend Rock-Geschichte und erlebte ein Auf und Ab wie kaum ein anderer. Am 19. Mai 2020 wird er 75.

Es gibt eine Menge berühmter Gitarren-Gesten: Den Entengang von Chuck Berry. Das mit den Zähnen gespielte Solo von Jimi Hendrix. Und natürlich die Windmühle von Who-Gitarrist Pete Townshend: langer Arm, mit viel Schwung im hohen Bogen durchziehen, und dann: BANG! So sichert man sich einen Platz in den Geschichtsbüchern der Popkultur.

Es gibt eine Menge berühmter Gitarren-Gesten: Den Entengang von Chuck Berry. Das mit den Zähnen gespielte Solo von Jimi Hendrix. Und natürlich die Windmühle von Who-Gitarrist Pete Townshend: langer Arm, mit viel Schwung im hohen Bogen durchziehen, und dann: BANG! So sichert man sich einen Platz in den Geschichtsbüchern der Popkultur.

Geboren wird Peter Dennis Blandford Townshend am 19. Mai 1945 im Süden Londons. Die Familie ist musikalisch, sein Vater spielt professionell Saxophon, seine Mutter ist Sängerin. Ein Weg, den auch Pete einschlägt. Mit 13 sieht er Bill Haley live, wenig später steht er selbst zum ersten Mal auf der Bühne. Er spielt Banjo, sein Schulfreund John Entwistle Trompete. Die Band nennt sich The Confederates und spielt traditionellen Dixieland-Jazz.

Doch die beiden bleiben nicht lange beim Jazz. 1961 steigt Entwistle bei einer Rock'n'Roll-Band namens The Detours ein und holt wenig später seinen alten Freund Pete nach. Den Gesang übernimmt ein gewisser Roger Daltrey. Die folgenden Jahre begeben sie sich auf Ochsentour: Viele Konzerte, wenig Ertrag. Als sie 1964 erfahren, dass es bereits eine Band namens The Detours gibt, ändern sie ihren Namen: The Who ist geboren. Und mit Keith Moon (Mitte vorne) finden sie auch einen neuen Drummer. Die Besetzung steht.

Harte Gitarrensounds, knackige Riffs, ein treibender Beat: Gleich mit ihrer ersten Single "I Can't Explain", die stark an die Kinks erinnert, lässt The Who aufhorchen. Und als Ende 1965 "My Generation" erscheint, hat die Band einen Song geschrieben, der sie den Rest ihrer Karriere begleiten wird. Besonders die Zeile "I hope I die before I get old" ("Ich hoffe, ich sterbe, bevor ich alt bin") wird tausendfach kommentiert. Der ganze Generationenkonflikt der Sechziger, gepresst in ein Zitat aus acht Wörtern - das muss man auch erst mal schaffen.

The Who etabliert sich schnell als "Bad Boys" unter den Bands der "British Invasion". Groupies, Partys, zerstörte Hotelzimmer: Pete Townshend und Co. lassen nichts aus. Auch die Liveshows sind spektakulär: Sänger Daltrey wirbelt sein Mikro wie ein Lasso, Schlagzeuger Moon trommelt wie ein Besessener, und Townshend zertrümmert gerne mal seine Gitarre auf der Bühne.

Townshend wird immer mehr zum musikalischen Bestimmer in der Band und verändert den Sound von The Who Ende der Sechziger deutlich. Die Rockoper "Tommy" ist die erste ihrer Art und zeigt Townshends Hang zur Theatralik und Gigantomanie. Ansonsten spult er das typische Rockstar-Programm der damaligen Zeit ab: Drogen, Alkohol, Egotrips. Auch die spirituelle Erleuchung kommt nicht zu kurz: Townshend wird Anhänger des indischen Gurus Meher Baba.

Im Gegensatz zu vielen anderen Beat-Bands der Sechziger verharrt der Sound von The Who nicht in der vergangenen Dekade und schafft es, auch in den Siebzigern frisch und relevant zu klingen. Auf dem Album "Who's Next", das 1971 erscheint, experimentieren sie mit moderner Studiotechnik und Synthesizern. Mit Erfolg: Songs wie "Baba O'Riley" oder "Won't Get Fooled Again" werden schnell zu Bandklassikern, die bei keinem Konzert fehlen dürfen.

1978 stirbt Who-Drummer Keith Moon nach einer Party bei Paul McCartney an einer Überdosis Tabletten. Schon am folgenden Tag gibt Townshend bekannt, dass The Who weitermachen wird. Phil Collins bietet der Band seine Dienste als Schlagzeuger an und wäre sogar bereit, Genesis zu verlassen. Doch letztendlich entscheidet sich Townshend für Kenney Jones, den früheren Drummer der Small Faces (re.).

1979 dann die nächste Tragödie: Bei einem Who-Konzert in Cincinnati sterben elf Fans im Gedränge am Einlass. Townshend versinkt in der Folge in Depressionen und versucht diese mit Heroin zu bekämpfen. 1982 verkündet The Who die eigene Auflösung und geht auf große Abschiedstour.

Doch das Comeback lässt nicht allzulange auf sich warten. 1985 tritt The Who bei "Live Aid" auf, ab 1989 wird wieder regelmäßig live gespielt. Kenney Jones wird später durch Ringos Sohn Zak Starkey (li.) ersetzt, und auch der Drogentod von Bassist John Entwistle im Jahr 2002 bremst The Who nur kurz. The show must go on – so hält es The Who bis heute.

2003 wird Townshend von der Polizei verhaftet und verhört. Er soll kinderpornografisches Material aus dem Internet heruntergeladen haben. Townshend gibt an, sein Interesse diene lediglich der Recherche für seine Autobiografie, da er vermute, selbst als Kind missbraucht worden zu sein. Letztendlich lassen sich die Vorwürfe nicht erhärten, es kommt nie zu einem Prozess. Sein Ruf leidet dennoch schwer.

2006 erscheint "Endless Wire", das erste Studioalbum von The Who seit 24 Jahren. Die Platte verkauft sich zwar nicht besonders, aber live läuft es für die Band immer noch wie am Schnürchen: Die Arenen sind ausverkauft, die Fans enthusiastisch.

Pete Townshend wird im Laufe seines Lebens mit vielen Preisen bedacht: Grammy, Tony, Brit Award, Aufnahme in die "Rock'n'Roll Hall Of Fame" – um nur die bekanntesten zu nennen. 2008 werden er und Roger Daltrey im Weißen Haus mit dem Kennedy-Preis geehrt.

Pete Townshend hat in seiner langen Karriere viele Höhen und Tiefen erlebt. Nur eines kam ihm nie in den Sinn: Aufgeben. Und so ist auch sein 75. Geburtstag am 19. Mai kein Anlass für ihn, sich aufs Altenteil zurückzuziehen. Ein neues Who-Album ist erst vor wenigen Monaten erschienen, und auch eine Tournee ist für Frühling 2021 angekündigt. "I hope I die before I get old"? Das war einmal ...

Stand: 16.05.2020, 09:44 Uhr