Die Geschichte eines Konzerts, das am seidenen Faden hing

Keith Jarrett

"The Köln Concert"

Die Geschichte eines Konzerts, das am seidenen Faden hing

24. Januar 1975: Der junge Jazzpianist Keith Jarrett soll ein Solokonzert in Köln spielen. Veranstalterin ist die erst 18-jährige Vera Brandes. Doch dann geht alles schief: Der Flügel ist eine Katastrophe, Keith will nicht spielen, Vera ist verzweifelt. Das Ergebnis ist "The Köln Concert", das erfolgreichste Soloalbum der Jazzgeschichte.

"The Köln Concert" des Jazz-Pianisten Keith Jarrett ist weltweit die meist verkaufte Jazz-Soloplatte. Dass es sie gibt, ist auch der Kölnerin Vera Brandes zu verdanken. Die Schülerin hatte damals - trotz ihrer gerade 18 Jahre - schon einige Konzerte als Veranstalterin organisiert. Als sie vom Musikproduzenten Manfred Eicher von ECM-Records erfuhr, dass Keith Jarrett eine Tournee plante, war sie sofort begeistert und konnte die Kölner Oper für ein Konzert gewinnen. ECM machte zur Bedingung, dass sie sein Flugticket aus der Schweiz zahlt, wo Jarrett am Tag zuvor einen Auftritt hatte.

WDR 3: Sie waren eine junge Veranstalterin, Ihnen war Keith Jarrett anvertraut und dann ging alles schief, was nur schief gehen konnte. Was ist passiert?

Vera Brandes: Erstens hat sich Jarrett das von mir besorgte Flugticket von Zürich nach Köln auszahlen lassen und ist mit Eicher in einem klapprigen R4 den ganzen Weg nach Köln gefahren. Als sie am Nachmittag ankamen, waren sie schon fix und fertig. Aber viel dramatischer war, dass dieses unfassbare Unglück mit dem Instrument passiert ist: Eicher hatte mir gesagt, Jarrett wolle auf einem "Bösendorfer Imperial" spielen. Die Oper hatte mir bestätigt, dass sie so einen Flügel habe. Ich hatte darum gebeten, ihn auf die Bühne zu stellen, und am Nachmittag kamen wir zum Soundcheck.

Vera Brandes

Vera Brandes

Jarrett spielte auf dem Instrument ein paar Töne und ging dann dreimal drum herum. Dann machte Eicher das gleiche, und nach einer sehr langen Zeit sagte er, dass Jarrett auf diesem Flügel mit Sicherheit kein Konzert spielen werde. Und wenn ich kein bespielbares Instrument auf die Bühne zaubern würde, müsste ich das Konzert absagen. Mir wurde nachher erklärt, dass der "Bösendorfer Imperial" versteckt hinter Brandschutztüren stand - das Personal der Oper hatte ihn nicht gefunden! Die Mitarbeiter hatten stattdessen einen anderen Bösendorfer auf die Bühne gestellt, dessen Töne in der oberen und unteren Oktave nicht spielbar waren. In der Mitte klemmten die schwarzen Tasten, die Pedale funktionierten nicht, es waren Saiten gerissen. Es war Freitagnachmittag und die Verwaltung der Kölner Oper war im Wochenende.

WDR 3: Was haben Sie gemacht?

Brandes: Ich bin die Treppe runtergeflogen und habe irgendwo ein Büro mit einem Telefon gefunden. Ich habe jeden Klaviervermieter in Nordrhein-Westfalen angerufen, sämtliche Hallen, den WDR. Am Ende rief ich eine Klassenkameradin an, deren Vater stellvertretender Direktor der Volkshochschule war. Ihn konnte ich überreden, mir deren Imperial zu leihen. Dann habe ich ein paar Leute organisiert und wollte diesen Flügel in die Oper bringen.

Und in dem Moment kam der Stimmer und sagte etwas, das ich nie vergessen werde: "Wenn Sie nicht zufällig 45.000 Mark auf einem Sparkonto haben, dann lassen Sie das besser. Wenn Sie jetzt bei diesen Temperaturen im Regen einen Bösendorfer über den Neumarkt rollen, dann kann der nie wieder gespielt werden." Ich hab dann davon Abstand genommen. Da sah ich, dass mein Bruder, den ich als Fahrer engagiert hatte - mit dem Auto meines Vaters -, schon mit Jarrett abfahrbereit unten im Hof stand. Mein Bruder musste aussteigen, um die Schranke zu öffnen. Und den Moment habe ich genutzt, bin die Treppe runtergerast, hab die Beifahrertür geöffnet und Jarrett überzeugen können, doch aufzutreten. Er sagte: "It’s okay, I play. But never forget: Just for you!"

WDR 3: Wie konnten Sie ihn überzeugen?

Brandes: Das war nicht jugendfrei. Ich sprach damals nicht besonders gut Englisch. Und ich hatte Sachen aufgeschnappt, weil ich damals schon viel backstage war. Die Jazzmusiker hatten nicht gerade Ausdrucksweisen, die salonfähig waren. Er muss es vermutlich als eine Art Drohung empfunden haben. Nichts hätte mir ferner gelegen als das! Ich wollte ihn nur inständig bitten, sich das nochmal zu überlegen.

Man konnte das Konzert nicht absagen! Ich hatte wirklich Angst, dass es zu einem Tumult kommen würde. Da waren 1.400 Leute. Das ist nicht mehr mit einem normalen Ordnungsdienst der Oper zu handhaben. Und irgendwie scheint es auch Jarrett klar gewesen zu sein, dass das Konzert einerseits nicht spielbar war, andererseits aber auch nicht absagbar.

WDR 3: Wie war der Moment für Sie, als er dann doch auf der Bühne die ersten Töne spielte?

Brandes: Ich wusste nach den ersten paar Noten: Jetzt ist alles gut. Ich war zwar noch relativ unerfahren als Veranstalterin, aber die Intuition hatte ich damals schon, man spürt das. Es war im ersten Augenblick schon eine solche Hochspannung im Saal, die sich da in einer Art und Weise praktisch - entladen - hat. Also, das war ein sehr magischer Moment.

Keith Jarrett

Keith Jarrett

WDR 3: Es war Ihnen also da schon klar, dass dieses Konzert etwas Besonderes ist oder vielleicht noch werden würde?

Brandes: Erstmal war wichtig: Das läuft jetzt. Ich glaube, alle, die an dem Tag da waren und auf der organisatorischen oder ausübenden Seite waren, haben nicht damit gerechnet, dass daraus eine Plattenaufnahme von dieser Bedeutung entstehen würde. Es ging ja auch erstmal ums Konzert selbst. Diese Sternstunde, muss man aber auch sagen, war eingebettet in eine Zeit, in der es viele musikalische Sternstunden gab. Da war eine solche Aufbruchstimmung in dieser Musikszene. Das wäre zu einer anderen Zeit gar nicht möglich gewesen.

WDR 3: Auf diesem Instrument zu spielen, muss harte körperliche Arbeit gewesen sein. Gleichzeitig hört es sich aber so an, als habe Jarrett sich in Trance gespielt. Wie geht das zusammen?

Brandes: Der Flügel war für den Raum natürlich komplett unterdimensioniert. Aber das hat auch dazu geführt, dass das Publikum mit einer ganz hohen Aufmerksamkeit bei ihm war. Gleichzeitig hat er versucht rauszuholen, was er rausholen konnte. Auch das ist so eine Gegenläufigkeit, die dieses Konzert so besonders macht. Dass er wirklich reinhauen musste, damit noch was rauskam, dass auf der anderen Seite aber das, was er gespielt hat, eigentlich eine sehr zarte Sache war. Das ist seine Kunst. Chapeau - ein wahrer Meister!

WDR 3: Wie haben die Zuschauer reagiert?

Brandes: Die waren verzaubert. Magie kommt nur dann auf, wenn etwas Neues entsteht. Das, was Keith Jarrett in der Kölner Oper improvisiert hat, hat er ja vorher nie gespielt. Keiner konnte mit so etwas rechnen, die Leute waren wie hypnotisiert. Man hätte einen Kubus aus der Saalluft sägen können, so dicht war das.

WDR 3: Stimmt es, dass das Konzert wegen der Umstände gar nicht hätte aufgenommen werden sollen und nur die Tontechniker entschieden haben, es für interne Zwecke mitzuschneiden?

Brandes: Ja, das stimmt. Und deswegen waren für mich die Stars des Abends auch die Tontechniker und der Stimmer. Dieses Instrument hinzukriegen und auch mit einer solchen Zuversicht auf alle Beteiligten einzuwirken, dass wir ihm vertrauten, dass er das irgendwie hinkriegt, das war die Rettung.

WDR 3: War Jarrett selbst mit dem Konzert zufrieden?

Der Jazzpianist Keith Jarrett spielt im Kongresshaus in Zürich.

Brandes: Ich glaube, Jarrett war zur damaligen Zeit nie mit etwas zufrieden. Er war erleichtert. Und ich glaube, er war auch stolz, dass er es trotz aller Widrigkeiten geschafft hatte. Das ist ja oft bei Künstlern so: Das Benzin in deren Motor ist die Unzufriedenheit mit sich selbst und der Ansporn, immer noch besser zu sein und sich nochmals selbst zu übertreffen.

WDR 3: Konnten Sie hinterher gemeinsam über die Hindernisse lachen?

Brandes: Nein, ich habe mit Jarrett über dieses Konzert nie wieder geredet. Ich hab ihn danach überhaupt auch nur noch ein einziges Mal gesehen. Er wurde sehr krank. Jarrett hatte ein "Chronic Fatigue Syndrome".

WDR 3: Wie hätte wohl das "Köln Concert" geklungen mit einem ausgeruhten Keith Jarrett, der den richtigen Flügel gehabt hätte?

Brandes: Das ist wohl eine Frage, die er sich bis zum heutigen Tage stellt, aber ich glaube nicht, dass es steigerbar gewesen wäre. Dieses Konzert ist die Geschichte einer Sache, die bis zur letzten Minute an einem seidenen Faden hing und dann eine glückliche Wendung genommen hat. Diese Geschichte hat er auch musikalisch erzählt. Das ist die Magie, die dieses Konzert ausmacht. Diese unfassbare Erleichterung, die da in jedem Ton zu hören ist, hat sich in dem Raum verbreitet und die Menschen erreicht.

Das Gespräch führte Sabine Krüger.

Stand: 24.01.2020, 06:00