1972: Ein Jahr im Rückspiegel

Olympia in München, Misstrauensvotum gegen Willy Brandt, Watergate und die RAF, Böll und Bobby Fischer: Das und noch mehr bewegte die Welt im Jahr 1972.

Militärs stehen Randalierern im nordirischen Londonderry gegenüber (30.1.1972)

In Nordirland eskaliert der Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten. Bei einem Protestmarsch am 30. Januar im nordirischen Londonderry erschießt das britische Militär 14 Demonstranten. Der Tag geht als "Bloody Sunday" in die Geschichte ein - U2 singen später ein Lied über die Ereignisse.

In Nordirland eskaliert der Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten. Bei einem Protestmarsch am 30. Januar im nordirischen Londonderry erschießt das britische Militär 14 Demonstranten. Der Tag geht als "Bloody Sunday" in die Geschichte ein - U2 singen später ein Lied über die Ereignisse.

Die Ostpolitik und die Versuche, das Verhältnis zu den Warschauer-Pakt-Staaten zu normalisieren, bringen Bundeskanzler Willy Brandt 1971 zwar den Friedensnobelpreis ein. Doch im eigenen Land wächst der Gegenwind. Die CDU/CSU stellt einen Misstrauensantrag im Bundestag und will Oppositionsführer Rainer Barzel zum Kanzler wählen. Doch Brandts knappe Mehrheit hält. Statt der nötigen 249 Stimmen erhält Barzel nur 247.

In den USA laufen die Abenteuer von Captain Kirk, Spock, Scotty und Pille bereits ab 1966. Doch erst im Mai 1972 schafft es das "Raumschiff Enterprise" auf die deutschen Mattscheiben. Die deutschen Folgen sind allerdings zum Teil stark gekürzt und durch die Synchronisation verfremdet, manche werden auch gar nicht gezeigt. Dem "Star Trek"-Fieber tut das keinen Abbruch.

Nach der "Mai-Offensive" mit fünf Sprengstoffanschlägen, die zu vier Toten und über 70 Verletzten führen, erhöhen die Behörden den Fahndungsdruck auf die Baader-Meinhof-Bande. Mit Erfolg: Am 1. Juni wird Andreas Baader zusammen mit Jan-Carl Raspe und Holger Meins in Frankfurt verhaftet. Zwei Wochen später nehmen Polizisten Ulrike Meinhof in Hannover fest.

Eine Folge der RAF-Anschläge: Der Bundestag stimmt für den "Radikalenerlass". Bewerber für Posten im öffentlichen Dienst werden auf ihre politische Gesinnung überprüft. De facto bedeutet das ein Berufsverbot für mehrere tausend Personen, die sich in linken Gruppierungen, in der Friedensbewegung oder antifaschistisch engagieren. In den kommenden Jahren gibt es eine Vielzahl von Protesten und Demonstrationen gegen den Erlass.

Am 17. Juni 1972 verhaftet die Polizei in Washington fünf Männer im Watergate-Gebäude, wo die Partei der US-Demokraten ihre Zentrale hat. Die Einbrecher wollen Wanzen installieren und Dokumente fotografieren. Später stellt sich heraus: Sie wurden von Präsident Nixon und seinem Wahlkampfteam engagiert, Nixon muss später zurücktreten. Die Endsilbe "-gate" wird fortan zu einem geflügelten Wort, um Skandale zu beschreiben.

36 Jahre nach den NS-Propaganda-Spielen in Berlin richtet Deutschland die Olympischen Spiele aus. In München wird ein imposantes Stadion errichtet, die Spiele sollen für ein neues Bild Deutschlands in der Staatengemeinschaft sorgen.

Doch am 5. September enden die "heiteren Spiele" mit einem Schock. Palästinensische Terroristen nehmen elf israelische Sportler und Trainer als Geiseln. Die Befreiungsaktion ist schlecht geplant und misslingt, am Ende sind elf Geiseln, fünf Geiselnehmer und ein Polizist tot. Die Spiele werden dennoch forgesetzt. "The games must go on", sagt der damalige Olympia-Präsident Avery Brundage.

Von Mitte Juli bis Anfang September steigt in Reykjavik das "Match des Jahrhunderts" im Schach, bei dem der US-Amerikaner Bobby Fischer (re.) den sowjetischen Titelverteidiger Boris Spasski herausfordert. Die Rollen in diesem "Wettkampf der Systeme" mitten im Kalten Krieg sind klar verteilt: Fischer gilt als Exzentriker und früheres "Wunderkind", Spasski als kühler Apparatschik der Sowjetunion. Am Ende siegt Fischer deutlich - auch dank vieler Psychotricks.

Neil Armstrong kennt fast jeder. Bei Eugene Cernan hingegen sieht das anders aus. Er ist am 14. Dezember der (bislang) letzte Mensch auf dem Mond, aufgrund immenser Kosten und technischer Probleme stellt die NASA die Apollo-Missionen ein.

Große Ehre für einen Kölner: Am 20. Dezember erhält Heinrich Böll (re.) als erster deutscher Autor nach dem Krieg den Literaturnobelpreis. Böll gilt als einer der wichtigsten deutschen Intellektuellen, der die Regierung sowie führende Presseorgane in seinen Büchern und Essays scharf kritisiert.

Stand: 19.01.2022, 10:41 Uhr