Brian Wilson wird 80: Abstürze und Höhenflüge einer Legende

Von Ingo Neumayer

Brian Wilson schrieb mit den Beach Boys Pop-Geschichte und prägte in den 60ern die musikalische Landschaft wie kaum ein anderer. Am 20. Juni 2022 wird er 80 Jahre alt.

Dass der kleine Brian (2.v.l.) ein großes musikalisches Gespür hat, merken seine Eltern schnell. Er singt, er spielt Klavier, und mit zwölf Jahren komponiert er seinen ersten Song. Und die Begeisterung ist ansteckend. Zusammen mit seinen beiden jüngeren Brüder Dennis (li.) und Carl (re.), mit denen er in einem Vorort von Los Angeles aufwächst, sowie ihrem Cousin Mike Love (Mi.) und einem Freund namens Al Jardine (2.v.r.) gründet er 1961 die Pendletones. Gleich ihre erste Aufnahme "Surfin'" sorgt für Aufsehen, beschert den Teenies einen Plattenvertrag - und eine Namensänderung. Ein Labelmanager benennt die Gruppe kurzerhand in The Beach Boys um.

Die nächsten Jahre geht es steil bergauf für Brian Wilson & Co. "Surfin' Safari" wird ein nationaler Hit, im Herbst 1962 erscheint das gleichnamige Debütalbum. Die Beach Boys lassen sich wunderbar vermarkten: Sie sind typisch kalifornische Sunnyboys, und blutjung dazu. Nach dem Ausstieg von Gitarrist Al Jardine stößt der gerade mal 13-jährige David Lee Marks zur Band. Das Surf-Image der Band ist übrigens ziemlich konstruiert. Außer Drummer Dennis kann keines der Mitglieder surfen. Brian Wilson bleibt dem Wasser generell fern. Er ist auf dem rechten Ohr quasi taub und hat Angst um sein Gehör.

1963 folgt mit "Surfin' USA" der nächste Hit - und ziemlicher Ärger. Chuck Berry verklagt Brian Wilson, da er die Melodie bei Berrys Song "Sweet Little Sixteen" abgekupfert haben soll. Wilson bestreitet die Vorwürfe, aber das Beach-Boys-Management lenkt schließlich ein. Nicht nur mit den geschäftlichen, auch mit den künstlerischen Entscheidungen im Umfeld der frühen Beach Boys ist Wilson unzufrieden. Trotz der Hits und des landesweiten Durchbruchs missfällt ihm der Sound der Band. Er setzt durch, dass er in Zukunft als Produzent an den Aufnahmen mitwirkt.

Der Wechsel an den Produzentenreglern ändert nichts am Höhenflug der Band. Im Gegenteil: "Fun, Fun, Fun", "I Get Around", "Help Me Rhonda", "California Girls", "Barbara Ann" - ein Hit reiht sich an den nächsten. In den USA sind die Beach Boys absolute Superstars. Genau wie Elvis kann man sie nicht nur auf Konzertbühnen, sondern auch auf der Leinwand sehen - etwa wie hier im Film "Eine Uni voller Affen".

1964 wird dann auch der Rest der Welt aufmerksam. Die Beach Boys verköpern nahezu perfekt das kalifornische Ideal, das schnell zum Klischee wird: Fünf junge, sportliche, gut aussehende Sunnyboys, deren Songs einfach gute Laune machen. Es folgen umjubelte Auftritte in Australien und Europa.

Doch Wilson kann die Früchte seiner Arbeit nicht genießen. Der Erfolg der Beatles, die den Beach Boys den Rang als größte Band streitig machen, verunsichert ihn und setzt ihn unter Druck. Er hat mehrere Nervenzusammenbrüche, nimmt Drogen, stürzt ab. Anfang 1965 entschließt er sich, nicht mehr regelmäßig live mit den Beach Boys aufzutreten und wird durch Bruce Johnston (li.) ersetzt.

Stattdessen konzentriert sich Wilson aufs Komponieren und Produzieren. Sein Ziel: Die Beach Boys sollen ihr eher harmloses Image ablegen und etwas "erwachsener" und ernstzunehmender werden. Als Orientierungspunkt und Ansporn dienen ihm dabei die Beatles. John Lennon und Paul McCartney, der übrigens nur zwei Tage älter ist als Wilson, sind für ihn gleichzeitig Vorbilder und Konkurrenten. Als die Beatles Ende 1965 mit "Rubber Soul" die erste Großtat der "Album-Ära" veröffentlichen, die dem Gesamtkunstwerk der LP mehr Bedeutung zumisst als schnell gepressten Singles, fühlt sich Wilson herausgefordert.

Er macht sich an die Arbeiten, um mit dem nächsten Beach-Boys-Album gleichzuziehen. Doch ihm gelingt weit mehr als das: "Pet Sounds", das im Mai 1966 erscheint, gilt schnell als Meisterwerk und wird bis heute von Kritikern als eines der besten Alben aller Zeiten gefeiert. Wilson schöpft im Studio aus dem Vollen. Er setzt Waldhörner und Flöten ein, integriert Alltagsgeräusche wie Hundegebell und Fahrradklingeln, kreiert Rhythmen mit Coladosen und Kaffeelöffeln. Und auch die Kompositionen sind einerseits äußerst anspruchsvoll und komplex, andererseits aber auch eingängig und einnehmend. "Wouldn't It Be Nice", "God Only Knows" oder "Sloop John B" werden quasi sofort zu Bandklassikern.

Wilson wollte ein "Meisterwerk" schreiben, und mit "Pet Sounds" gelingt ihm genau das. Von den restlichen Beach Boys zieht er sich immer weiter zurück. Statt Mike Love schreibt nun der Werbetexter Tony Asher an den Texten mit, die deutlich lyrischer sind und bewusst nichts mit Sonne, Strand und Sand zu tun haben. Die Instrumente des Albums spielen die Sessionmusiker der "Wrecking Crew" ein, die restlichen Beach Boys müssen, gerade von einer Japan-Tour zurückgekehrt, ihre Vokalparts über bereits fertig produzierte Tonspuren einsingen.

Wilson hat eine kreative Hochphase. Monatelang arbeitet er an "Good Vibrations", einem Song, den viele als Höhepunkt seines Schaffens betrachten. Doch das Album "Smile", das danach folgen soll und das Wilson als "Teenage-Sinfonie für Gott" ankündigt, wird nicht fertig. Wilson verheddert sich in einem Geflecht aus Drogen, Eitelkeiten, falschen Freunden und fragwürdigen Business-Entscheidungen. Sein Verhalten wird zunehmend unberechenbarer.

Wilson hat mit persönlichen Problemen zu kämpfen, also werden innerhalb der Band die Karten neu gemischt. Die anderen Beach-Boys-Mitglieder übernehmen wieder mehr Verantwortung. Doch das schnell zusammengeschusterte Album "Smiley Smile", das im September 1967 erscheint, ist eine Enttäuschung. Im Vergleich mit den Beatles, die kurz zuvor "Sgt. Pepper" veröffentlichen, ziehen die Beach Boys deutlich den Kürzeren.

Mit dem Aufkommen der Hippie-Ära beginnt der Stern der Beach Boys schnell zu sinken. Zwar veröffentlichen sie weiter Platten und haben auch den einen oder anderen kleineren Hit, doch das Urteil vieler Popfans scheint festzustehen: Die Beach Boys sind aus der Zeit gefallen.

Brian Wilson versinkt immer tiefer in einem Sumpf aus Drogen, Alkohol und Fressattacken, er hat psychische Probleme und Wahnvorstellungen. Seine Rolle bei den Beach Boys wird kleiner und kleiner. Erst Mitte der 1970er Jahre berappelt er sich und engagiert sich wieder mehr. Er schreibt Songs, produziert und tritt hin und wieder sogar live auf. "Brian is back!" jubeln manche Medien.

Doch das Hoch ist nur von kurzer Dauer. Als das Album "The Beach Boys Love You" floppt, folgt der nächste Absturz für Wilson.

Als die Beach Boys 1980 einen Stern auf dem berühmten "Walk Of Fame" in Hollywood bekommen, ist Brian Wilson zwar dabei. Doch ansonsten hat er immer weniger mit der Band zu tun. Er arbeitet an Solo-Songs, versucht, seine Drogensucht und seine gesundheitlichen Probleme in den Griff zu bekommen und verlässt sich dabei auf die Hilfe des Therapeuten Eugene Landy, der ihn rund um die Uhr betreuen lässt und auch stark in Wilsons kreative und geschäftliche Entscheidungen eingreift.

Die nächsten Jahrzehnte sind von Querelen, Schicksalsschlägen und vielen Misserfolgen geprägt. Brian Wilson wird von den anderen gefeuert, Dennis Wilson stirbt 1983 bei einem Tauchunfall, es gibt Streit um die Einnahmen und um die künstlerische Kontrolle. Als 1988 mit "Kokomo" ihr letzter großer Hit erscheint, ist Brian Wilson nicht daran beteiligt. Er arbeitet an einer Solokarriere, die allerdings auch ziemlich erfolglos verläuft. Mit einer Ausnahme: 2004 stellt Wilson das sagenumwobene Album "Smile"-Album fertig, das er 1966 begonnen, aber nicht vollendet hatte.

Kurz nach dem 50. Bandjubiläum im Jahr 2011 kommt dann die Ankündigung, auf die alle Fans gewartet haben: Die noch lebenden Beach Boys (Carl Wilson war 1998 an Krebs gestorben) kündigen ihre Wiedervereinigung an. Es folgt eine triumphale Welttournee, und auch ein neues Album namens "That's Why God Made The Radio" wird veröffentlicht. Nach all dem Streit, dem Ärger und den Querelen raufen sich die Beach Boys tatsächlich zusammen.

Selbst Brian Wilson findet Gefallen an den Live-Auftritten und geht danach auch solo auf Tour. Er wirkt dabei aufgeräumt, entspannt und mit sich selbst im Reinen. 2015 erscheint sein bislang letztes Album "No Pier Pressure". Ob da noch was kommt, ein Album vielleicht, eine Tour oder gar eine weitere Beach-Boys-Reunion? Das kann keiner so genau sagen, ist aber auch nicht entscheidend: Denn Wilson, der am 20. Juni 2022 80 Jahre alt wird, ist auch so schon längst zur Legende geworden.

Stand: 16.06.2022, 14:14 Uhr