Debbie Harry wird 75

Debbie Harry wird 75

Von Ingo Neumayer/ Philip Stegers

Stil-Ikone, Sexsymbol und Rolemodel: Mit Blondie wurde Debbie Harry in den 70ern einer der ersten weiblichen Rockstars überhaupt. Am 1. Juli feiert die Sängerin und Schauspielerin ihren 75. Geburtstag.

Debbie Harry wird als Angela Trimble geboren und im Alter von drei Monaten adoptiert. Von ihren neuen Eltern erhält sie den Namen Deborah Ann Harry. Sie wächst in New Jersey auf und ist ein wildes Mädchen, das am liebsten im Wald spielt.

Sie wird Backgroundsängerin in der psychedelischen Folkband "The Wind in the Willows", die 1968 ihr einziges Album aufnimmt. In New York schlägt sich Debbie Harry als Kellnerin, Sekretärin, Go-Go Tänzerin und Playboy Bunny durch.

Mitte der 70er Jahre lernt sie den Gitarristen Chris Stein kennen. Die beiden werden ein Paar, schreiben Songs zusammen und gründen "Blondie".

Laut, schnell, aufmüpfig, sexy: Als Blondie Mitte der 1970er Jahre auf der Bildfläche in den New Yorker Clubs erscheint, ist das Aufsehen groß. So etwas hatte man bis dato noch nicht gesehen. Die Band verbindet die Rohheit und die Mittelfinger-Attitüde der aufkommenden Punk- und New-Wave-Bewegung mit den einnehmenden Girlband-Harmonien, die in den 60ern Gruppen wie die Ronettes und die Crystals gepflegt haben.

Debbie Harry versprüht auf der Bühne einerseits jede Menge Sex-Appeal, kennt andererseits aber auch den rauhen Sound und Umgang auf den Straßen des New Yorker East Village. Das spiegelt sich auch perfekt in ihrer Stimme wider, die von zuckersüß bis rotzig-aggressiv sehr viele Ausdrucksfacetten abdeckt.

Schon über die Namensfindung gibt es Legenden. Entschied man sich für Blondie, weil vorbeifahrende Lkw-Fahrer Debbie Harry immer "Hey, Blondie!" hinterherriefen? Oder weil man sich so im Plattenregal in der Nähe der Beatles befand und leichter entdeckt werden konnte? Oder stimmt am Ende die geschmacklosere Variante, dass sich die Band zu Schock- und Provokationszwecken nach Adolf Hitlers Schäferhund benannte?

Wie dem auch sei: Blondie teilt sich in legendären New Yorker Clubs wie CBGB's oder Max's Kansas City die Bühne mit den Ramones, Talking Heads, Patti Smith, New York Dolls oder Suicide. Die Band erspielt sich schnell einen Ruf als eine der neuen, wilden Bands, die man sehen muss.

Ein Wandgemälde auf der Bleecker Street erinnert heute an Blondie und die wilden und gefährlichen 70er auf der East Side von Manhattan. Kriminalität und Drogen sind hier seinerzeit ein Riesenproblem. Debbie Harry und Chris Stein werden in ihrer Wohnung von einem Einbrecher überwältigt, der Debbie Harry vergewaltigt und anschließend alle Gitarren klaut.

Die ersten beiden Alben von Blondie sorgen nur in Insiderkreisen für Aufsehen. In England und Europa gelingen der Band zwar kleinere Hits, aber der große Durchbruch lässt auf sich warten. Blondie gilt in ihrer Heimat weiter als Underground-Band. Das nagt an den Mitgliedern.

Erst das dritte Blondie-Album "Parallel Lines", das im Herbst 1978 erscheint, geht durch's Dach - aber das mal so richtig. "Heart Of Glass", "Sunday Girl", "One Way Or Another" oder "Hanging On The Telephone" werden allesamt Tophits und machen Blondie zu Superstars. Im Laufe der Jahre verkauft sich "Parallel Lines" über 20 Millionen Mal. Debbie Harry wird einer der ersten weiblichen Rockstars überhaupt.

Inzwischen ist die Band zwar zum Sextett angewachsen, aber die fünf männlichen Mitglieder gelten allenfalls als schmückendes Beiwerk. Debbie Harry ist Blondie und Blondie ist Debbie Harry. Das führt zu Spannungen innerhalb der Gruppe.

Blondie entfernt sich zunehmend vom Punk-, Wave- und Rocksound der Anfangstage und integriert auf den kommenden Platten Disco-, Reggae- und als erste der damaligen Mainstreambands sogar Rap-Elemente. 1980 erscheint "Call Me", der Titelsong zum Richard-Gere-Film "American Gigolo". Die Nummer wird von Disco-König Giorgio Moroder produziert und mitkomponiert – ein weiterer Superhit für die Band.

Genauso wie "Atomic", "The Tide Is High" oder "Rapture" – die Erfolgswelle, auf der die Band Anfang der Achtziger surft, ist riesig. Aber wie das mit Wellen eben so ist: Irgendwann ist der Höhepunkt erreicht, und dann geht es abwärts.

Ein Schicksal, von dem auch Blondie nicht verschont wird. Der Song "For Your Eyes Only", der extra für den James-Bond-Film "In tödlicher Mission" geschrieben wird, gefällt den Filmproduzenten nicht. Sie lehnen ihn ab und engagieren stattdessen Sheena Easton. Auch das Album "The Hunter", das 1982 erscheint, wird ein Flop. Streit um's Geld, Drogen, Neid - es sind die üblichen Gründe, die dafür sorgen, dass Blondie auseinanderbricht. Im November 1982 gibt die Band ihre Trennung bekannt.

Zu diesem Zeitpunkt ist Debbie Harry längst eine weltweite Stil-Ikone und Rolemodel für eine neue Generation von selbstbewussten Künstlerinnen wie Madonna oder Cyndi Lauper.

Debbie Harry macht danach solo weiter, hat aber nur leidlichen Erfolg. Auch ihre Schauspielkarriere kommt nicht so recht in Gang, und das, obwohl sie in Filmen von David Cronenberg, Martin Scorsese und John Waters sowie an der Seite von Hanna Schygulla, Robert de Niro und Sylvester Stallone spielt. Hier ist sie in "Roadie" zu sehen, mit einem durstigen Meat Loaf.

Beim Besuch in der Muppet Show 1981 wird Debbie Harry trotz ihrer nicht-amphibischen Abstammung zum Frog Scout ernannt. Mit Kermit singt sie das Duett "Rainbow Connection".

Chris Stein erkrankt 1983 schwer an einer seltenen Autoimmunerkrankung. Vier Jahre kümmert sich Debbie Harry um ihn. 1989 trennen sich die beiden. Übrig bleibt eine tiefe Freundschaft, die bis heute anhält.

Mitte der 90er Jahre erwacht das Interesse an Blondie wieder. Alternative-Bands wie Garbage oder No Doubt berufen sich auf die Musik und den Style der Band. Das nehmen Debbie Harry und Chris Stein zum Anlass, die Band zu reformieren. Und zwar mit Erfolg: Die Single "Maria" stürmt 1999 direkt die Charts und beschert der Band ein glanzvolles, nicht mehr erwartetes Comeback.

Blondie ist zurück, und diesmal bleibt die Band zusammen – wenn auch mit veränderter Besetzung. Die Songs und Platten, die die Band im neuen Jahrtausend veröffentlicht, können zwar nicht mehr an die riesigen Erfolge von früher anknüpfen. Aber die Tourneen, die die Band immer wieder rund um die Welt führen, sind stets gut besucht.

Auch solo wird Debbie Harry gerne gebucht – und das sogar im Rahmen von klassischen Gala-Events wie hier im New Yorker Lincoln Center.

2019 erscheint ihre Autobiografie "Face It", in der Debbie Harry ohne Groll auf ihr wildes und aufregendes Leben zurückschaut.

Stand: 29.06.2020, 09:43 Uhr