50 Jahre "White Album": Die Beatles im Weltall

50 Jahre "White Album": Die Beatles im Weltall

Von Ingo Neumayer

Außen weiß und schlicht, innen eine kunterbunte Wundertüte: Vor 50 Jahren erschien das "White Album" der Beatles.

Beatles

Wenn "Sgt. Pepper" die Rakete ist, mit der die Beatles 1967 die Welt der Sterblichen verlassen und ins Weltall starten, dann ist das ein Jahr später folgende "White Album" eine interstellare Entdeckungsreise: Die Fab Four erkunden darin das Universum der Musik. Am Donnerstag (22.11.2018) vor 50 Jahren erscheint eines der bedeutendsten Doppelalben der Popgeschichte.

Wenn "Sgt. Pepper" die Rakete ist, mit der die Beatles 1967 die Welt der Sterblichen verlassen und ins Weltall starten, dann ist das ein Jahr später folgende "White Album" eine interstellare Entdeckungsreise: Die Fab Four erkunden darin das Universum der Musik. Am Donnerstag (22.11.2018) vor 50 Jahren erscheint eines der bedeutendsten Doppelalben der Popgeschichte.

Ein Grundstein für die Platte wird in Indien gelegt. Im Frühjahr 1968 machen die Beatles den berühmtesten Betriebsausflug der Popgeschichte und fahren nach Indien, um bei Maharishi Mahesh Yogi die Geheimnisse der transzendentalen Meditation zu lernen. Nebenbei komponieren sie einen Großteil der Songs, die später auf dem "White Album" landen wird.

Wieder zurück in England, stürzen sich die Beatles in die Arbeit. Ganze 36 Songs nehmen sie zwischen Mai und Oktober in verschiedenen Studios auf - viel zu viele für ein normales Album. Also entscheiden sich die Beatles für ein damals extrem ungewöhnliches Format: Ein Doppel-Album mit 30 Songs und über 93 Minuten Spielzeit. Plattenfirma, Vertrieb und Management haben große Bedenken. Doch die Beatles sind nun mal die größte Band der Welt, also werden die bisherigen Regeln kurzerhand außer Kraft gesetzt.

Im Gegensatz zum "Sgt. Pepper"-Album, durch das sich inhaltlich und musikalisch ein (wenn auch manchmal dünner) roter Faden zieht, ist das "White Album" ein stilistisches Sammelsurium: Ob Pop oder Rock, Blues oder Folk, Country oder Ragtime, Neue Musik oder Psychedelia - die Beatles unternehmen einen Streifzug durch die populäre Musikgeschichte und stellen ihre prachtvollen Fundstücke stolz nebeneinander auf. Selbst Rocksteady-Rhythmen ("Ob-La-Di, Ob-La-Da") und Hardrock-Elemente ("Helter Skelter") sind zu hören. Und auch quälender Quatsch wie "Wild Honey Pie".

Natürlich geht es den Beatles auch darum, ihre Vormachtstellung unter den führenden Bands der damaligen Zeit zu untermauern. Das hört man deutlich direkt beim ersten Song "Back In The USSR", der Passagen im typischen Beach-Boys-Stil enthält und Brian Wilson & Co. ein lautes "Das können wir auch" zuruft. Die Brachialität von "Helter Skelter" hingegen gilt als Reaktion Paul McCartneys auf einen Zeitungsartikel, der The Who als lauteste Band der Welt feierte. "Die Beatles sind größer und lauter" - mit dieser Prämisse soll sich Paul ans Songwriting gemacht haben.

Auch die später im Pop und HipHop sehr beliebte Technik, sich selbstreferenziell auf das eigene Werk zu beziehen, findet bei den Beatles ihren Ursprung. So erwähnen die Beatles in "Glass Onion" frühere Songs wie "Strawberry Fields Forever", "Fixing A Hole", "Lady Madonna" oder "Fool On The Hill". Und sie klären die Frage, die Beatles-Fans seit der "Magical Mystery Tour" umtreibt: "The walrus was Paul" ("Das Walross war Paul").

Mit dem "White Album" etabliert sich George Harrison endgültig als Songwriter und dritte kreative Kraft der Beatles. Auf dem Album findet sich sein wohl bekanntester Song, "While My Guitar Gently Weeps". Bei den Aufnahmen des Songs spielt übrigens Harrison-Kumpel Eric Clapton mehrere Soli, was zunächst ein Geheimnis bleibt. Denn aus rechtlichen Gründen wird sein Beitrag im Kleingedruckten der Platte nicht erwähnt.

Interessant ist der Kontrast bei der Covergestaltung: Während "Sgt. Pepper" ein Jahr zuvor noch mit bunter Opulenz glänzte, könnte das Design des Pop-Art-Künstlers Richard Hamilton schlichter nicht sein: komplett weiß, lediglich der Bandname ist blindgeprägt. Die ersten Auflagen waren zudem mit einer fortlaufenden Nummer bedruckt. Die "0000001" schnappte sich übrigens Ringo – und ließ sie 2009 versteigern. Das gute Stück ging für 790.000 Dollar über den Tisch.

Wo ist Ringo? Tatsächlich ist die Entfremdung zwischen den Beatles bei den Aufnahmen schon im vollen Gange. Schlagzeuger Ringo fühlt sich im Studio nicht gebraucht und segelt lieber mit Komiker Peter Sellers durchs Mittelmeer. Der Rest der Band macht zunächst einfach ohne ihn weiter. Bei "Back In The USSR", "Wild Honey Pie" und "Dear Prudence" übernimmt kurzerhand Paul McCartney die Drums. Mit mehreren Telegrammen überreden sie Ringo schließlich zur Rückkehr.

Auch die Tatsache, dass John Lennon sich lieber mit Yoko Ono als mit dem Rest der Band austauscht, führt zu Spannungen. Ono ist bei den Aufnahmen oft anwesend - sehr zum Missfallen der anderen Bandmitglieder. Selbst als sie an einer Grippe erkrankt, bleibt sie nicht zu Hause: Lennon lässt ein Bett im Studio aufstellen, in dem sie sich auskuriert. Kurz bevor die Band ins Studio geht, nimmt Lennon übrigens mit Yoko Ono "Two Virgins" auf - das erste gemeinsame Album der beiden. Auch George Harrison bastelt parallel zu den Aufnahmen an seinem Solodebüt.

Die Brüche und Verwerfungen innerhalb der Band werden im Anschluss an die Veröffentlichung immer deutlicher, die Mitglieder gehen zunehmend getrennte Wege. Es enstehen zwar noch die Alben "Yellow Submarine", "Abbey Road" und "Let It Be", doch ein solch kreatives Feuerwerk wie das "White Album" gelingt ihnen nicht mehr. Eineinhalb Jahre nach der Veröffentlichung geben die Beatles ihre Trennung bekannt.

Stand: 16.11.2018, 10:11 Uhr