"Sgt. Pepper": Das Meisterwerk der Beatles

"Sgt. Pepper": Das Meisterwerk der Beatles

Von Ingo Neumayer

Es gibt viele legendäre Platten, aber sie ist die legendärste: "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" veränderte die Rock- und Popgeschichte wie keine zweite.

Beatles 1967

"Wir hatten es satt, die Beatles zu sein." Paul McCartney (2.v.l.) macht es hinterher deutlich: Die Fab Four sind 1966 am Scheideweg. Sie haben die Nase voll vom Starruhm, wollen keine Konzerte mehr spielen, bei denen sie wegen des Gekreisches der Fans ihr eigenes Wort nicht verstehen. Künstler sein statt Teenie-Idole: Das wär's doch. Mit diesem Anspruch und der Idee McCartneys, dem neuen Album die Geschichte einer fiktiven Band zugrunde zu legen, gehen sie im November 1966 ins Aufnahmestudio.

"Wir hatten es satt, die Beatles zu sein." Paul McCartney (2.v.l.) macht es hinterher deutlich: Die Fab Four sind 1966 am Scheideweg. Sie haben die Nase voll vom Starruhm, wollen keine Konzerte mehr spielen, bei denen sie wegen des Gekreisches der Fans ihr eigenes Wort nicht verstehen. Künstler sein statt Teenie-Idole: Das wär's doch. Mit diesem Anspruch und der Idee McCartneys, dem neuen Album die Geschichte einer fiktiven Band zugrunde zu legen, gehen sie im November 1966 ins Aufnahmestudio.

Im Gegensatz zu vorherigen Aufnahmen hat die Band nur ein paar Skizzen und Ideen dabei, aber keine fertig komponierten Songs. Stattdessen zeigt man sich von der beginnenden Hippie-Ära beeinflusst und hat den festen Willen, etwas Surreales zu schaffen, das sich deutlich vom bisherigen Werk unterscheidet. Zusammen mit ihrem Produzenten George Martin nutzen sie dabei die moderne Studiotechnik voll aus: Die Anzahl der Stile und Sounds ist schier unermesslich. Echos und Loops, Gastmusiker und Klangspielereien, Lärm und Melodie – hier wird die moderne Popmusik geboren. Gleichzeitig wirkt das Album tatsächlich wie ein Gesamtkunstwerk und begründet das LP-Zeitalter, in dem Singles gegenüber dem Album an Bedeutung verlieren.

Es entstehen einige der größten und bekanntesten Beatles-Songs. Wie zum Beispiel "With A Little Help From My Friends", "Lucy In The Sky With Diamonds" oder "A Day In The Life" – das Opus Magnum der Fab Four. Für die Aufnahmen holt die Band das London Philharmonic Orchestra ins Studio. Und auch Mick Jagger, Keith Richards, Marianne Faithfull und Donovan sind dabei und begleiten feiernd und lärmend den bombastischen, von Karlheinz Stockhausen inspirierten Schlussakkord.

Besonders Produzent George Martin hat großen Anteil daran, dass "Sgt. Pepper" zu einem der wichtigsten Alben der Popgeschichte wird und auch heute noch spannend klingt. In den Londoner Abbey Road Studios destilliert er das Rohmaterial, das in über 700 Stunden zwischen Dezember 1966 und April 1967 entsteht, zu einem knapp 40 Minuten langen Meisterwerk. Er arrangiert und kompiliert, experimentiert mit Tonspuren, die rückwärts laufen, und vermittelt der Band ein Alles-ist-möglich-Gefühl: Egal, wie verrückt eure Ideen sind – ich nehme sie auf. Und trotz aller Visionskraft und teilweise kruder Ideen ist "Sgt. Pepper" vor allem eines: Ein fantastisches Pop-Album mit Melodien für die Ewigkeit.

Die Größe und Brillanz des Albums zeigt sich allein schon durch die Songs, die nicht darauf sind: Denn "Strawberry Fields Forever" und "Penny Lane" entstehen ebenfalls im Rahmen der Aufnahmen, werden auf Druck der Plattenfirma aber vorab veröffentlicht und landen daher nicht auf "Sgt. Pepper". Solche Songs als Single zu "verheizen" – das muss man sich erst einmal leisten können.

Nicht nur die Musik, auch die Verpackung des Albums ist legendär und setzt Maßstäbe. Auf der Rückseite des Covers drucken die Beatles die Songtexte ab – ein absolutes Novum, das jedoch schnell Schule macht. Und mit der Collage auf dem Frontcover führen die Beatles das Zitatprinzip im Pop ein. Die Band gesellt sich zu 70 Persönlichkeiten der Zeitgeschichte: Politiker, Musiker, Schauspieler, Schriftsteller. Allein in diesem kleinen Ausschnitt finden sich unter anderem Edgar Allan Poe, Fred Astaire, Bob Dylan, Marilyn Monroe, Stan Laurel, Oliver Hardy, Karl Marx, James Joyce, Johnny Weissmüller, Marlene Dietrich und Shirley Temple. Was die genau mit den Beatles zu tun haben, wird nie so richtig erklärt. Die Beatles etablieren damit lieber ein weiteres wesentliches Kennzeichen der folgenden Pop-Generationen: Das Geheimnis.

Ursprünglich soll das Cover etwas einfacher und aufgeräumter aussehen. Doch die Beatles entscheiden sich dann doch für das Übermaß an Farben und Personen und schaffen so eine Einheit mit der Musik, die ebenfalls äußerst bunt und vielseitig gerät. Die Original-Entwürfe des Coverkünstlers Peter Blake werden 2013 bei Sotheby's versteigert – für über 55.000 britische Pfund.

Auch der Look der Beatles selbst ändert sich mit "Sgt. Pepper". Die Haare werden länger, Bärte und Koteletten sprießen, und auch die Klamotten sind andere. Vorher gaben sich George, Paul, John und Ringo in ihren eng sitzenden Anzügen den Anschein einer eingeschworenen Gang. Nun wird das Aussehen individueller: Die Beatles lassen sich Fantasieuniformen schneidern, jeder bekommt seine eigene Farbe.

Natürlich erlangen auch die "Sgt. Pepper"-Uniformen schnell Museumsreife und werden – genau wie das Cover – ständig und von allen möglichen Bands kopiert, zitiert und variiert.

Der Versuch, sich neu zu erfinden, ist geglückt: Die Beatles-Geschichte lässt sich in eine Zeit vor und eine Zeit nach "Sgt. Pepper" einteilen, und auch für die Pop- und Rockmusik stellt die Platte eine immens wichtige Wegmarke dar. Die Ära des Albums wurde eingeleitet, der Einsatz der Studiotechnik wurde forciert, Inhalte, Texte und Konzepte gewannen an Bedeutung.

Zugegeben: Es wurde auch eine Menge Schindluder mit "Sgt. Pepper" getrieben. 1977 erscheint ein ziemlich peinlicher Kinofilm, in dem die Bee Gees, Alice Cooper oder Peter Frampton ihre nicht vorhandenen Schauspielkünste zeigen. Und auch der Mummenschanz des 2013 uraufgeführten Beatles-Musicals "Let It Be" ist nur was für ganz harte Fans...

Aber letztendlich kann das alles "Sgt. Pepper" nichts anhaben. Bis zum heutigen Tag hat das Album nichts von seiner musikalischen Brillanz und popkulturellen Relevanz verloren. Coverversionen, Zitate, Anspielungen oder auch Graffiti: "Sgt. Pepper" ist allgegenwärtig. Und womit? Mit Recht!

Stand: 21.01.2021, 17:12 Uhr