"Die Biografie kann ein zusätzliches Geschenk sein"

Ein Junge spielt Geige, im Hintergrund Notenblätter

"Die Biografie kann ein zusätzliches Geschenk sein"

Was sagt die Komposition über den Komponisten aus? Mit dieser Frage beschäftigt sich der Psychotherapeut und Professor für Musikergesundheit Peer Abilgaard. Ein Gespräch über das Innenleben von Schubert und Bach.

WDR: Sie hören also ein bestimmtes Stück und es lässt sie aufhorchen und sie sagen, was könnte der biografische Hintergrund sein? Können Sie ein Beispiel nennen?

Peer Abilgaard: Franz Schubert. Ich habe diese Musik schon immer geliebt. Seit der Pubertät hat sie zu mir gesprochen. Als ich dann älter wurde und mich von Berufswegen mit seelischen Nöten beschäftigt habe, ist mir dieser "Erlkönig" noch mal ganz anders in den Sinn gekommen.

Peer Abilgaard

Peer Abilgaard

So eine Textzeile wie: "Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt; Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt." Das muss ja gar nicht romantisieren, da ist jemand, der absolut in Not ist.

Und dann in der Überschrift zu sehen: Opus 1. Hier hat ein junger Komponist der Welt mitgeteilt: Jetzt geht es los. Und er sucht sich dieses Gedicht von Goethe als offizielle Eröffnungskomposition. Das lässt aufhorchen. Wenn man dann bei den verschiedenen Biografen nachschaut, dann wird man fündig, dass der kleine Franz ein sehr belastetes Leben hatte. Und man wundert sich, wie hat er das geschafft, allem Leid zum Trotz durchzuhalten?

Und besonders aufhorchen ließ mich der Umstand, dass er aus einem sehr armen Elternhaus stammte und ein Stipendium bei den Wiener Sängerknaben hatte. Aber nach nur zwei Jahren ist er rausgeflogen und es ist nicht so recht herauszufinden, warum das passiert ist.

Der Komponist Franz Schubert

Der Komponist Franz Schubert

Das ist natürlich nur eine Hypothese, aber ich glaube, dass die Kinder in der Zeit um 1814 in solchen Institutionen nicht unbedingt besser behandelt wurden als heutzutage, so dass es für mich nahe liegt, dass Franz Schubert den "Erlkönig" aus einer persönlichen Expertise heraus für die Vertonung gewählt hat.  

WDR: Da könnte man zu Recht sagen, das ist völlig spekulativ. Ist es möglicherweise dieses zusätzliche Wissen, dass man über die Musik hat, was die Verbindung zur Musik stärkt, was einem die Möglicheit gibt, in Resonanz zu treten mit der Musik?

Peer Abilgaard: Das ist natürlich auch spekulativ, aber wir Psychiater leben ja davon, dass wir Hypothesen anbieten und die Menschen entscheiden, ob sie die nützlich finden, ohne Anspruch auf Wahrheit. Aber die Neurowissenschaftler haben ja vor 20 Jahren diese unglaubliche Entdeckung der Spiegelneuronen gemacht. Diese besagt, dass wir fast alle in unserem Gehirn, die Fähigkeit zum Einfühlen und Mitfühlen haben.

Die Musik ist ja eine genau notierte Kunstform, die heute genauso klingt wie zu Bachs Zeiten. Und wenn das eine Musik ist, die etwa Bach getröstet hat, dann kann man das verstehen, als eine Verbindung zu dem Schöpfer dieser Musik, wenn die Musik mich eben auch tröstet.

Das Gespräch führte Nicolas Tribes in WDR 3 Tonart. Das ganze Gespräch können Sie hier hören:

Was die Komposition über den Komponisten sagt

WDR 3 TonArt | 12.03.2018 | 09:39 Min.

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Stand: 13.03.2018, 10:29