Verlassen & Vergessen - Ein Streifzug durch Lost Places

Verlassen & Vergessen - Ein Streifzug durch Lost Places

Von Claudia Friedrich

Irgendwann wurden sie verlassen, später vergessen: Industriehallen, Villen, Zechen, Klöster. Architekturen, die im Verborgenen verfallen, so genannte Lost Places. Sie sind Zeugnisse vergangener Zeiten und aktueller Brachen. Auch wenn Gras drüber wächst, ist das Gewesene längst nicht vorbei. Wir zeigen fünf Geisterorte, die ihre eigenen Geschichten erzählen oder über sie schweigen.

Haus Wolfskuhlen in Budberg

Spuk in der Ruine - Haus Wolfskuhlen in Budberg
Lost Places rufen einen speziellen Tourismus hervor. Urbex-profis begeben sich auf die Urban Exploration, die Stadterkundung der besonderen Art. Abenteuerlustige kriechen in altersschwache Gemäuer, auf der Suche nach Grusel und Gänsehaut. Liegt die Schauergeschichte nicht auf der Hand, wird sie erfunden und erzählt und wiedererzählt, wie die von Haus Wolfskuhlen, dem Spukschloss am Niederrhein.

Spuk in der Ruine - Haus Wolfskuhlen in Budberg
Lost Places rufen einen speziellen Tourismus hervor. Urbex-profis begeben sich auf die Urban Exploration, die Stadterkundung der besonderen Art. Abenteuerlustige kriechen in altersschwache Gemäuer, auf der Suche nach Grusel und Gänsehaut. Liegt die Schauergeschichte nicht auf der Hand, wird sie erfunden und erzählt und wiedererzählt, wie die von Haus Wolfskuhlen, dem Spukschloss am Niederrhein.

Brücke zum Park von Haus Wolfskuhlen
Die Legende sagt, dass das Herrenhaus, 1800 erbaut, nach dem Zweiten Weltkrieg ein Waisenheim gewesen sei. Die Betreuer hätten ihre Schützlinge ermordet und auf dem Friedhof der adligen Familie Wevelinghoven-Sittert hinter der Gräfte verscharrt.

Urbex in Haus Wolfskuhlen
Die heimlichen Gäste wollen es wissen. Auf ihrer Urban Exploration, kurz Urbex, streifen sie in einer Vollmondnacht durch Haus Wolfskuhlen, einen Ort, den seit dem 13. Jahrhundert rheinischer Uradel bewohnte.

Stadtarchivarin Sabine Sweetsir auf der Parkseite
Sabine Sweetsir weiß um die Kinderheimlegende, doch Waisenkinder habe es hier nie gegeben, sagt die Archivarin des Stadtarchivs Rheinberg. Seit 1950 war das Haus ein Wohnheim für Berglehrlinge, später ein Fortbildungsinstitut. Irgendwann wollte eine Immobilienfirma den Ort in eine Wohnsiedlung wandeln. Das Unternehmen ging pleite.

Spirit statt Sprit - Warten an einer Tankstelle im Süden von NRW
Ungeschriebenes Gesetz der Urbex-Forschungsreisenden ist, nicht jede Adresse preiszugeben. Diese Tankstelle steht im Süden des Landes NRW, unweit vom Rhein. Der Tank ist leer, der Lack abgeblättert. Einst hat sie bessere Tage gesehen. Autos hielten für einen Zwischenstopp, um Energie zu tanken. Und jetzt?

Flügeldach aus Spannbeton
Die Vogelschwingen aus Spannbeton sind typisch für die Tankstellenarchitektur der 1960er Jahre. Damals gab es noch den Tankwart, der den Füllrüssel bediente, der im Kassenhaus aus Kacheln, Glas und Stahl Zündkerzen verkaufte, Snacks und Schmieröl.

Fotograf Joachim Gies auf der Tankinsel
Für Abgetankt (www.abgetankt.de), seinen Fotoband über umgewidmete Tankstellen in NRW, fuhr der Fotograf Joachim Gies tausende Kilometer. Diese Tankstelle war ein Zufallsfund. Ein Relikt aus der Blütezeit der Automobilgeschichte, vor Ölkrise, SB-Komplexen, Energiewende. Seit Jahren ist sie ein elegischer Zwischenstopp, abseits von Abriss und Gentrifizierung. Wie lange noch?

Die Geister der Abtei - Die barocke Abtei Marienberg in Boppard
Wie lange noch steht das Kloster Marienberg leer? Die Abtei in Boppard ist das größte Ensemble im UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal. Ein Lost Place, der unter Denkmalschutz steht.

Zimmerflucht im zweiten Stock
Eine barocke Anlage, in der Benediktinerinnen lebten, bis zur Säkularisierung um 1800. Nach ihrer Vertreibung war der Bau Soldatenquartier, Lazarett, Finanzschule, Kurort, Mädcheninternat. Seit Mitte der 1980er Jahre steht das Kloster leer. Wirklich?

Paranormale Ermittlungen in der Abtei
Geisterjäger oder paranormale Ermittler, wie sich das Team namens AnDaPaVa lieber nennt, nehmen den Ort genauer unter die Lupe, mit Geräten wie dem Mel-Meter, die elektrische Ströme messen. Springt der Funke über, wird Kontakt aufgenommen.

Meisterin Adelheid von Koppenstein
Offensichtlich funkte es zwischen der Seele der Äbtissin Adelheid von Koppenstein und den Ghosthuntern. Die Grabplatte der Nonne lehnt an einer Klosterwand. Um 1400 war sie gestorben, doch die wechselvolle Geschichte lässt den Geist der Nonne nicht zur Ruhe kommen, sagen die Ghosthunter.

Naturidyll auf Großbaustelle - Der vergessene Eisenbahntunnel im Eggegebirge
Ein nie fertig gestellter Tunnel wird zum Denkmal, den es zu entdecken gilt. In der Nähe des westfälischen Willebadessen sollte die Eisenbahn das Eggegebirge queren. Arbeiter trieben die Passage ins Gestein, doch der Bau wurde gestoppt, die Zugänge gesprengt und geflutet.

Einschnitt im Gebirge
Was wie unberührte Natur wirkt, ist hart erarbeitete Kultur. Ein Lost Place im besten Sinne, der Geschichten aus den Pioniertagen der Eisenbahn erzählt, Geschichten von Geld und Pleiten. Heute wächst nicht nur Gras drüber.

Die Archäologen Nils Wolpert und Fritz Jürgens
Die beiden Archäologen Nils Wolpert (l.) und Fritz Jürgens (r.) stehen auf der gedachten Bahntrasse. Stich für Stich entlocken sie dem Naturdenkmal Tunnelzufahrten, Schenke, Schmiede, Tischlerei - kurz: eine Großbaustelle aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Damals waren 600 Arbeiter vor Ort. Heute gibt es in der Nähe einen Wanderparkplatz. Aber es gibt keinen Hinweis, geschweige denn eine Urban Exploration.

Energie der Erden - Der still gelegte Westschacht in Kall-Scheven
Ob sich Urbex-Profis nach Kall-Scheven verirren, ist nicht klar, aber einen Hinweis gibt es zumindest. Industriebauten und ein Gedenkstein erinnern an den Westschacht des Bleibergwerks in der Eifel.

Westschacht als Miniatur im Maßstab 1: 100
Im Bergbaumuseum Mechernich steht ein Modell des Bergbaugebiets zwischen Kall und Mechernich. Zu sehen sind die Gebäude des Westschachts, als er noch in Betrieb war: Waschkaue (v.l.), Werkstatt, Trafostation, Maschinenraum, Förderturm, das Haus des Obersteigers.

Miniaturenbauer Günter Nießen und Bergmann Alfred Schink
Alfred Schink (r.) erinnert sich an seine Fahrten mit dem Förderkorb in den Westschacht, an die Waschkaue, in der er seine Klamotten unter die Decke zog, an den Aufenthaltsraum der Kumpel. Ihnen widmete Günter Nießen (l.), der Vorsitzende des Fördervereins des Bergbaumuseums, das Modell. Zusammen mit anderen Freiwilligen baute er in vielen Stunden die maßstabgerechte Miniatur.

In der ehemaligen Waschkaue am Westschacht
In der Waschkaue "buckelten", das heißt, schrubbten sich die Bergleute gegenseitig den Rücken bis 1957. Dann war Schicht im Schacht.

Joachim Lang, der Wünschelrutengänger
Joachim Lang bringt vergessenes Wissen an einen verlorenen Ort. Auf mittelalterlichen Kupferstichen, die Bergwerkszenen zeigen, ist er immer dabei: der Wünschelrutengänger. Er findet Erzadern, Kraftorte, Wasser. Eine Kulturtechnik, mit der Joachim Lang auch diesen Ort zu lesen vermag.

Erst Waschkaue, dann Schafstall, heute Lost Place
Die verlassenen Orte am Westschacht sind das Relikt einer langen Tradition, die bis in die Antike zurückreicht. Die jüngsten Architekturen liegen verwunschen am Berg, sind Lost Places, die nicht im Vorbeiflug zu haben sind, sondern nur im Moment des Innehaltens.

Stand: 05.08.2018, 06:00 Uhr