Mehr als heiße Luft: "Die Wolken und die Wolke" in Siegen

Mehr als heiße Luft: "Die Wolken und die Wolke" in Siegen

Von Thomas Köster

Sie spenden Regen und speichern unsere Daten: Wolken sind etwas Wunderbares, bergen aber auch Gefahren. Im Siegener Museum für Gegenwartskunst (MGK) widmet sich nun eine Ausstellung konkret dem flüchtigen Phänomen. Absolut sehenswert.

Die Wolken und die Wolke, Museum für Gegenwartskunst, Siegen 2020 (Ausstellungsansicht)

Wolken sind Symbole unserer Wünsche, Hoffnungen und Ängste. Vor allem aber beflügeln sie die Phantasie von Künstlerinnen und Künstlern in unserer unmittelbaren Gegenwart auf ganz unterschiedliche Weise. In Siegen sind nun 16 internationale Positionen zu sehen, die das belegen (Hans-Peter Feldmann, "Wolken", 2004).

Wolken sind Symbole unserer Wünsche, Hoffnungen und Ängste. Vor allem aber beflügeln sie die Phantasie von Künstlerinnen und Künstlern in unserer unmittelbaren Gegenwart auf ganz unterschiedliche Weise. In Siegen sind nun 16 internationale Positionen zu sehen, die das belegen (Hans-Peter Feldmann, "Wolken", 2004).

Die Entdeckung der Wolke durch die europäische Kunst verläuft parallel zur Entdeckung der Natur und des Wetters. Verstärkt hat sich ihre Bedeutung als Motiv seit dem 19. Jahrhundert - und heute ist sie dank Klimawandel und heimischer Dürreperioden zentraler denn je. Auch das kann man in Siegen lernen (Shilpa Gupta, "Unnoticed", 2017).

Dabei verweist die französische Bildhauerin und Installationskünstlerin Latifa Echakhch auf die wichtige Tradition der Wolke als Theaterstaffage, aus deren Gewimmel zum Beispiel der Deus ex machina immer wieder aufstieg, um tragische Konstellationen in Luft aufzulösen.

Hier ist die Wolke dank kontrastierender, hinter der gemalten Oberfläche verborgener Objekte (Schallplatte und Fotoapparat) Symbol für die Flüchtigkeit der Existenz und der Erinnerung. Oder doch für etwas ganz anderes? Eigentlich bleibt das ziemlich in der luftigen Schwebe.

Einige der ausgestellten Arbeiten sind eigens für die Schau im MGK entstanden. So imaginiert der Berliner Installations- und Objektkünstler Michael Sailstorfer in einem imposanten Raum den Himmel über Siegen in Form von Lkw-Schläuchen, die buchstäblich zum Himmel stinken. Dieser Himmel hängt heute eben nicht mehr voller Geigen, sondern voller Feinstaub, Smog und CO2.

Und der US-Künstler David Horvitz hat die Gesamtheit aller Wasserflaschen, die in Siegener Geschäften zu ergattern waren, auf dem Boden zu einer Wolke drapiert. Ihrer Etiketten beraubt, stehen sie für den Kreislauf des Wassers, der durch die Kommerzialisierung längst seine lebensspendende Unschuld verloren hat ("Imagined Clouds", 2020).

Dass die Wolke als "Cloud" unfassbares Symbol unserer vernetzten digitalen Welt geworden ist, machen in der Siegener Schau gleich mehrere Arbeiten anschaulich. Nina Canell aus Schweden zum Beispiel hat mit "Brief Syllables" einen ganzen Raum mit abgeschnittenen oder abgerissenen Stücken von Unterseekabeln ausgestattet, die unsere digitale Welt im Vorborgenen recht analog zusammenhalten. Und die im Innern erstaunlich schön sind.

Und Trevor Paglen führt in seiner aktuellen Fotoserie "Clouds" vor Augen, wie Bild-Algorithmen eine natürliche Umwelt interpretieren. Hierfür hat der in New York lebende Künstler Wolkenformationen von Computern strukturieren lassen. Das Ergebnis wird in den generierten Linien sichtbar, die über den Bildern liegen.

Die natürliche und die digitale Wolke schließlich führt James Bridle aus London zusammen. Sein "Cloud Index" (2016) untersucht, wie Klimabetrachtung, menschliches Verhalten und neuronale Netzwerke zusammenhängen. Im Sinn einer "politischen Wettervorhersage" werden in Siegen Videodokumentationen des Onlineprojekts gezeigt, das Daten von Wahlen und Wetterdaten zusammenbringt.

Ohnehin sind Wolken längst nicht mehr (nur) das, was sie früher einmal waren. Wie in der Videoarbeit von Almut Linde. Hier verrät ein Schwenk, dass die dort gezeigten Formationen keineswegs dem hitzigen Meer entsprungen sind, sondern den Schloten des Braunkohlekraftwerks Frimmersdorf bei Grevenbroich.

Und dann gibt es natürlich noch den verspielten Umgang mit der Wolke, den jeder von uns zumindest noch aus seiner Kindheit kennt. In "I see a face. Do you see a face" (2014) erinnert uns Flaka Haliti aus dem Kosovo an unsere eigene - im Idealfall grenzenlose - Phantasie.

Ach ja: Klassische Wolkenmalerei gibt es natürlich auch. Und doch auch ziemlich modern, analytisch, bewegt. Wie bei Benoît Maire. Aber das kann man eigentlich nur sehen, wenn man sich selbst ein Bild macht und nach Siegen fährt.

"Die Wolken und die Wolke" ist noch bis zum 10. Januar 2021 im Museum für Gegenwartskunst in Siegen zu sehen.

Stand: 04.09.2020, 15:00 Uhr