Von wegen schnöder Mammon: "Wir Kapitalisten" in Bonn

Von wegen schnöder Mammon: "Wir Kapitalisten" in Bonn

Geld regiert die Welt. Nicht nur ökonomisch. Auch kulturell. Das zeigt die Ausstellung "Wir Kapitalisten" in der Bundeskunsthalle Bonn. Ein Blick in den Abgrund dessen, was wir sind. Und wie wir es wurden.

Wir Kapitalisten. Von Anfang bis Turbo, Bundeskunsthalle, Bonn 2020 (Ausstellungsansicht)

"Es ist einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus." Das sagte der Kulturblogger Mark Fischer in Anlehnung an den US-Marxisten Fredric Jameson 2009. Unter diesem Motto beleuchtet die Bundeskunsthalle in ihrer in Baumarktoptik angelegten Ausstellung ein globales Phänomen, das alle anderen ideologischen Modelle nahezu verdrängt hat. (Marinus van Reymerswaele, "Der Geldwechsler und seine Frau", um 1530)

"Es ist einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus." Das sagte der Kulturblogger Mark Fischer in Anlehnung an den US-Marxisten Fredric Jameson 2009. Unter diesem Motto beleuchtet die Bundeskunsthalle in ihrer in Baumarktoptik angelegten Ausstellung ein globales Phänomen, das alle anderen ideologischen Modelle nahezu verdrängt hat. (Marinus van Reymerswaele, "Der Geldwechsler und seine Frau", um 1530)

"Wir Kapitalisten" betrachtet den Kapitalismus aber weniger als rein ökonomisches, sondern vielmehr als kulturelles Phänomen. Dem entsprechend sind in Bonn neben historischen Exponaten auch Kunstwerke zu sehen. Darunter "Give us, Dear" (2013) des Duos Matthias Böhler (rechts) und Christian Orendt, bei dem kleine Männchen Raubbau am Körper eines schlafenden Riesen betreiben (hier der Aufbau). Der Kapitalismus ist halt ausbeuterisch und gefährlich.

Und was ist der Kapitalismus noch? Auf jeden Fall ein bisschen protzig. Wie auf den Fotos von Daniela Rossell, die ihre High-Society-Freundinnen aus der wohlhabenden Oberschicht Mexikos bat, sich zu inszenieren. Die Veröffentlichung ihrer Serie "Reich und berühmt" (2002) brachte der Künstlerin Anfeindungen und den persönlichen Hass vieler der Abgelichteten ein.

Der Kapitalismus ist hinter den Kulissen aber trotzdem begehrenswert. (Evelyn de Morgan, "Die Verehrung des Mammon", 1909)

Und er erhöht permanent sein Tempo. (Modell einer Poststation)

Der Kapitalismus macht die Reichen immer reicher. (Gaspar van den Hoecke, "Krösus zeigt Solon seine Schätze", um 1630)

Und fördert beim Prekariat die Abstumpfung. (Duane Hanson, "Two Workers", 1993)

Der Kapitalismus macht eitel. (Ali Assaf, "Narciso", 2010)

Der Kapitalismus arbeitet mit Sollbruchstellen. (Foto des seit 1901 leuchtenden "Centennial Light" in der Feuerwehrstation Livermore, Kalifornien, 2016)

Und das Schlimmste: Vielleicht ist der Kapitalismus nicht einmal unsterblich! (Carolein Smit, Detail von "Skelett auf einem schwarzen Schaf", 2012)

Das Ende des Kapitalismus wäre aber vielleicht auch das Ende der Kunst in ihrer heutigen Form. Denn deren Wertigkeit wird nicht zuletzt vom Markt bestimmt. Darauf verweist "The Value of Art – Sheep’s Head" (2010) von Christa Sommerer und Laurent Mignonneau, dessen auf einer Papierrolle verzeichneter "Preis" sich nach der über einen Sensor registrierten Verweildauer des Betrachters richtet.

Der Goldpreis ist ohnehin von ökonomischen Krisen abhängig. In "Wir Kapitalisten" kann man einen echten Goldbarren berühren und sich für ein paar Sekunden wie Krösus fühlen. In unseren Zeiten natürlich immer mit dem Gefühl, sich dadurch mit dem Virus - zum Beispiel mit dem Virus der Raffgier - angesteckt zu haben.

"Wir Kapitalisten. Von Anfang bis Turbo" ist noch bis zum 12. Juli 2020 in der Bundeskunsthalle in Bonn zu sehen.

Stand: 12.03.2020, 06:00 Uhr