"Willkommen im Labyrinth" im Marta Herford

"Willkommen im Labyrinth" im Marta Herford

Von Thomas Köster

Es ist an der Zeit, die Orientierung zu verlieren und sich komplett irritieren zu lassen! Das Museum Marta Herford zeigt in der Ausstellung "Willkommen im Labyrinth" zu einem alten Thema zeitgenössische Positionen, die unsere Sinne verwirren. Zur Orientierung gewähren wir erste Einblicke.

Anne Hardy im Museum Marta Herford 2018

Vor allem die Seele kennt Regionen, aus denen es – scheinbar? – kein Entrinnen gibt. Darauf zielt die britische Künstlerin Anne Hardy ab. Ihr geht es um die "Sichtbarmachung von psychologischen Räumen", um "labile Orte, die dich umschließen". Deren labyrinthische, verunsichernde, aber auch schöne Strukturen will sie in "materiellen Gedankenräumen" aufdecken.

Vor allem die Seele kennt Regionen, aus denen es – scheinbar? – kein Entrinnen gibt. Darauf zielt die britische Künstlerin Anne Hardy ab. Ihr geht es um die "Sichtbarmachung von psychologischen Räumen", um "labile Orte, die dich umschließen". Deren labyrinthische, verunsichernde, aber auch schöne Strukturen will sie in "materiellen Gedankenräumen" aufdecken.

"Fieldwork" (2014) ist so ein materieller, oder vielleicht besser: materialisierter Gedankenraum, der wie ein Raumschiff auf Ytong-Steinen im Museum Marta schwebt. Drinnen: eine Welt der Dunkelheit, die von hellen Passagen und einem löchrigen Sternenhimmel durchbrochen wird. Das kann man nicht fotografieren. Das muss man erleben.

Auch wer Christian Odzucks "Nieteum" (2018) betritt, sollte alle Hoffnung fahren lassen. Immerhin bezieht sich der Bildhauer in seiner Installation auf Dantes "Göttliche Komödie". Und da heißt es: "Es war in unseres Lebensweges Mitte, / Als ich mich fand in einem dunklen Walde / Denn abgeirrt war ich vom rechten Wege." Ganz so höllisch geht es in Odzucks U-Bahn-Säulendickicht nicht zu. Aber mindestens genauso theatralisch.

Den verschlungenen Wegen der eigenen – und der chinesischen – Vergangenheit ist Song Dong auch in Herford der Spur. In der Düsseldorfer Kunsthalle präsentierte er 2015 eine Installation mit Gegenständen, die seine Mutter als Opfer der kommunistischen "Kulturrevoluton" in 50 Jahren angesammelt hatte: Zeugnis einer in Armut aufgewachsenen Generation, die nicht wegzuwerfen wagte (Foto).

Im so genannten Dom des Marta ist Songs Polygonalpavillon "Everywhere" (2016/2017) zu sehen. Er besteht aus Fundstücken, die der Künstler von Abrissbaustellen der traditionellen Hutong-Bauten mit nach Hause nahm. An die Jurten mongolischer Nomaden erinnernd, gibt die Installation diesem brutalen Aspekt des chinesischen Urbanismus im Museum ein temporäres Zuhause.

Drinnen wird Songs Hutong-Jurte von unzähligen Lampen erleuchtet, die sich in Hunderten von Spiegeln vervielfältigen: ein eindringliches Bild für die Durchdringung von Innen und Außen, Ich und Gesellschaft, Fremdbestimmung und Selbsterkenntnis. In diesem verspiegelten Raum löst sich der vermeintliche Gegensatz scheinbar endlos auf.

Denselben Effekt verwirrender Orientierungslosigkeit erzeugt Peter Kogler, indem er die eigentlich doch eher klare Museumsarchitektur Frank Gehrys einem computergenerierten Tapetenwechsel unterzieht. Der Besucher findet sich in einer irritierenden Matrix wieder, die Gehirnströme, Netzwerke und Schaltkreise evoziert.

Künstlerisch noch perfider geht Chiaru Shiota zu Werke. Ihre "Secret Passage" (2018) verknüpft und verknotet den hier blutroten Ariadnefaden, der doch eigentlich aus dem Bau des Dädalus hinausführen sollte, selbst zum Labyrinth. Oder war hier eine Spinne am Werk, die den Besucher in ein Meer aus roter Farbe verstrickt?

So oder so ist "Secret Passage" eine der poetischsten Arbeiten der Schau, die einen durch ihre Tiefsinnigkeit und Doppelbödigkeit staunen lässt. Ein bisschen fühlt man sich wie bei "Alice im Wunderland", deren Protagonistin sich plötzlich in einem Raum mit zahllosen Türen wiederfindet, hinter denen immer wieder ein neues Wunder wartet.

Dass man auch beim Aufbau von Labyrinthen scheitern – und gerade dadurch labyrinthisch wirken –kann, illustriert der kanadische Künstler Royden Rabinowitch. Bezeichnenderweise nimmt seine Arbeit "Stan und Olli" (2007) auf ein Komikerduo und seinen Kurzfilm "Das unferige Fertighaus" (1928) Bezug: Was Daedalus einstmals in Perfektion gelang, ist heute Slapstick.

Wie ein gut gemachtes Labyrinth damals auszusehen hatte, kann man im Entrée der Ausstellung in einer Art historischer Einführung betrachten. In Schaukästen versammelt sind Exponate des Labyrinthforschers Hermann Kern, der eine große Überblicksschau zum Thema konzipierte, dann aber vor der Realisierung starb. Als Aridanefaden durch den Rest der Schau taugt das allerdings wenig. Soll es aber auch nicht. Da muss sich schon jeder selbst verirren.

Wer es lieber übersichtlich mag, der sollte ohnehin in die Ausstellung "Very angenehme Konzeptkunst" des Malers Ernst Caramelle ein Stockwerk höher gehen. Doch Vorsicht: Hier ist auch nichts, wie es scheint! Getreu dem Motto des österreichischen Malers: "Gegen die Wahrnehmung hat die Wirklichkeit keine Chance".

"Willkommen im Labyrinth. Künstlerische Irreführungen" ist noch bis zum 23. September 2018 im Museum Marta Herford zu sehen. Zur Ausstellung ist ein Broschürenguide erschienen, der aber bedauerlicherweise keine Installationsansichten enthält. Aber das ist wirklich nur ein kleines Manko.

Stand: 22.06.2018, 10:50 Uhr