Horror und Entzücken: William Turner in Münster

Horror und Entzücken: William Turner in Münster

Von Thomas Köster

William Turner war ein Meister des Lichts. Und einer der ersten, der die Landschaftsmalerei auf eine Ebene mit Porträt und Historiengemälde hob. Das LWL-Museum für Kunst und Kultur widmet Turner nun in Münster eine beeindruckende Schau.

William Turner. Horror and Delight, LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster 2019 (Ausstellungsansicht)

"Wie glücklich ist der Landschaftsmaler, der von jeder Veränderung in der Natur in jedem Moment erregt ist", notierte einst der englische Maler und Aquarellist William Turner (1775-1851) - und wird mit dieser Einstellung einer der wichtigsten Maler der Romantik. In Kooperation mit dem Museum Tate in London sind nun rund 80 Werke Turners versammelt, die das erregende Zusammenspiel von Licht und Landschaft illustrieren.

"Wie glücklich ist der Landschaftsmaler, der von jeder Veränderung in der Natur in jedem Moment erregt ist", notierte einst der englische Maler und Aquarellist William Turner (1775-1851) - und wird mit dieser Einstellung einer der wichtigsten Maler der Romantik. In Kooperation mit dem Museum Tate in London sind nun rund 80 Werke Turners versammelt, die das erregende Zusammenspiel von Licht und Landschaft illustrieren.

"Horror and Delight" ist die Ausstellung betitelt, die die ganze Entwicklung des Künstlers von seinen Anfängen bis zum Spätwerk beleuchtet. Sie nimmt damit Bezug auf ein Begriffsspaar des Schriftstellers Edmund Burke, der damit das romantische Gefühl der Erhabenheit umriss. Und tatsächlich nutzt auch Turner Schiffskatastrophen und Lawinenunglücke, um beim Betrachter "wohligen Schauer" zu erzeugen, wie Kuratorin Judith Claus bemerkt.

Zu Turners Lebzeiten galten Porträt und Historiengemälde als Königsdisziplinen. Stillleben und Landschaftsbild standen ganz tief im öffentlichen Ansehen. Wie sein französisches Vorbild Claude Lorrain, so dreht auch Turner, zumindest in späteren Jahren, das Verhältnis einfach um. Der Mensch wird ein verschwindender Punkt in der schier unendlichen Weite der göttlichen Natur.

Das geht so weit, dass Turner historische Ereignisse erfindet, um seine Auseinandersetzung mit der Landschaft zu legitimieren. Die von ihm im Hintergrund inszenierte "Schlacht von Fort Rock, Aostatal, Piemont, 1796" während Napolens Einmarsch in Italien hat es nie gegeben.

Vieles bleibt trotzdem sehr zeitgenössisch, vor allem im Frühwerk. Es sind die konturlosen, lichtdurchfluteten, fast bis zur Abstraktion hin aufgelösten Weiten, die Turners Spätwerk prägen - und die heute das ausmachen, was man "typisch Turner" nennt. Und dazu geführt haben, dass sich zahlreiche Künstler bis hin zur Gegenwart auf Turner berufen.

Ist William Turner also ein moderner Maler? Irgendwie nicht, schreibt Museumsleiter Hermann Arnhold im Katalog. Schließlich sei es Turner nicht um "künstlerische Revolution oder gar stilistische Abstraktion" gegangen, sondern schlicht und ergreifend "um das einfangen des wahren und unmittelbaren Wesens der Natur, ihrer unterschiedlichen Wetterlagen und vielfältigen Erscheinungsformen". Letzteres stimmt, schließt aber ersteres nicht aus.

"Atmosphäre ist mein Stil", heißt es dem entsprechend bei Turner. Das ist ein Motto, das sicher auch Monet und Degas unterschrieben hätten. Auch wenn Turner, der seine Farbflächen auch schon einmal mit dem Fingernagel oder dem Pinselstiel bearbeitete, noch nicht mit der Staffelei in die Natur zog, um "plein air", also unter freiem Himmel zu malen. War auch kaum möglich: Die Ölfarbentube, das wichtigste Utensil der Impressionisten, wurde erst 1841 erfunden.

Und manches Werk wirkt sogar so, als wäre es dem 21. Jahrhundert entsprungen. Wie die um 1827 entstandenen "Three Seascapes", die fast wie eine Arbeit des vor kurzem ebenfalls im Münsteraner LWL-Museum ausgestellten Sean Scully wirken. Klar: Hier sind drei Seestücke übereinander gemalt. Aber der Gesamteindruck ist trotzdem ein frischer, moderner.

Auf jeden Fall sind Licht und Farbe als Eigenwert jene Kriterien, mit denen Turner gegen die etablierte Malerei der zeitgenössischen akademischen Malerei vorging. Das allein schon ist ein Pfund, mit dem man bei der Frage um die Modernität des Malers wuchern könnte.

In Münster kann sich jeder selbst ein Bild davon machen, wie traditionell oder innovativ Turner zu Werke war. Es ist ein großes Verdienst der Schau, dass neben den Werken des Malers auch motivisch ähnliche Werke von Zeitgenossen und Nachfolgern hängen. So ergibt sich im LWL-Museum ein rundes Gesamtbild (John Martin, "The Deluge", 1834).

Leider ist ausgerechnet von Turners großem Vorbild Lorrain nur eine kleine Arbeit in Münster vertreten. Wie wichtig der Franzose dem Engländer war, zeigt die Tatsache, dass der Künstler der Tate seinen Nachlass testamentarisch unter anderem nur unter der Maßgabe überlassen wollte, dass zwei seiner Bilder neben Lorrains Werk gehängt werden. Da war sein eigener Ruhm bereis derart groß, dass man dem Wunsch gerne nachkam.

"Das Erhabene ergreift, das Schöne entzückt", heißt es bei dem Dänen Per Kirkeby, dessen Werk ohne Turners Atmosphärenmalerei kaum denkbar wäre. Auch wenn vieles an Turner inzwischen vielleicht schön und dekorativ wirken sollte, ergreift sein Werk immer noch. Auch das ist eine schöne Erkenntnis, die nach einem Besuch der großartigen Ausstellung bleibt.

"William Turner. Horror and Delight" ist noch bis zum 26. Januar 2020 im LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster zu sehen. Danach zieht die Ausstellung, die auch schon in Luzern zu sehen war, nach Nashville und Quebec weiter.

Stand: 07.11.2019, 10:00 Uhr