Der Kunst-Messie. "Wallrafs Erbe" in Köln

Der Kunst-Messie. "Wallrafs Erbe" in Köln

Von Thomas Köster

Ferdinand Franz Wallraf war nicht nur Kölner Universalgelehrter und Unirektor. Er baute auch eine Sammlung auf, ohne die die reiche Museumslandschaft der Stadt nicht möglich wäre. Das zeigt nun eine Schau in dem Haus, das nach ihm benannt ist.

Wallrafs Erbe. Ein Bürger rettet Köln, Wallraf Richartz Museum, Kölkn 2018 (Ausstellungsansicht)

In seinem Testament von 1818 vermachte der Theologe, Botaniker, Mathematiker, Universitätsrektor und Sammler Ferdinand Franz Wallraf seinen Besitz "zu ewigen Tagen" seiner Heimatstadt Köln: "zum Nutzen der Kunst und der Wissenschaft". Zum 200. Jubiläum dieses Erbes würdigt das Wallraf-Richartz-Museum nun Leben und Werk Wallrafs, das zunächst von 1827 bis 1860 im "Wallrafianum" in der Trankgasse 7 ausgestellt war, mit einer Schau (Johann Wilhelm Caris, "Wallraf als Naturforscher", 1781).

In seinem Testament von 1818 vermachte der Theologe, Botaniker, Mathematiker, Universitätsrektor und Sammler Ferdinand Franz Wallraf seinen Besitz "zu ewigen Tagen" seiner Heimatstadt Köln: "zum Nutzen der Kunst und der Wissenschaft". Zum 200. Jubiläum dieses Erbes würdigt das Wallraf-Richartz-Museum nun Leben und Werk Wallrafs, das zunächst von 1827 bis 1860 im "Wallrafianum" in der Trankgasse 7 ausgestellt war, mit einer Schau (Johann Wilhelm Caris, "Wallraf als Naturforscher", 1781).

Unter den Sammlern des 19. Jahrhunderts war Wallraf ein Messie: Alles, was er nach dem der napoleonischen Besetzung Kölns und dem mit der Säkularisierung verbundenen Ausverkauf von Kirchenbeständen ankaufen konnte, kaufte der "Erzbürger" an. Von der Antike bis zu seiner Gegenwart (Johann Nepomuk Strixner, "Die Hl. Antonius, Hl. Cornelius und Hl. Maria Magdalena", links, "Die Hl. Katharina, Hl. Hubertus, Hl. Quirinus", beide 1823).

14.000 Exponate umfasste die Sammlung des Universalgelehrten schließlich, darunter kostbare Manuskripte, Zeichnungen und Gemälde, aber auch Münzen, Schmuck, Ritterrüstungen und ein versteinertes Vogelnest. Rund 300 Exponate sind in "Wallrafs Erbe. Ein Bürger rettet Köln" zu sehen. Darunter auch dieser Weihaltar, der 1674 beim Bau des Kölner Ursulinen-Klosters gefunden wurde.

Als chaotisch beschrieben Schlegel und Goethe die Präsentation im Privathaus Wallrafs, "in welchem die kostbarsten Gegenstände der Natur, Kunst und des Alterthums übereinander stehen, liegen, hängen und sich untereinander umhertreiben", wie der Geheimrat notierte. Von der Qualität der Sammlung war er dennoch beeindruckt.  Das gilt sicher auch für diese Venus nach dem Bade des Manieristen Giovanni da Bologna - so er sie denn in dem Durcheinander gesehen hat.

"Wallrafs Erbe" bringt nun Ordnung ins Chaos, ohne die Heterogenität der Sammlung über Gebühr abzubauen. Besonders deutlich wird dies gleich im Eingangsbereich mit einer eindrucksvollen Vitrinenarchitektur, in der als "Pars Pro Toto" hinter Wallrafs letztem Willen unter anderem ein antiker Kopf, ein Renaissance-Stuckkästchen mit Triumphzügen oder eben auch besagtes Vogelnest versammelt sind.

Oder der beeindruckende Globus, den der Kölner Mathematiker, Astronom und Kartograph Caspar Vopellius von Medebach 1542 mit kolorierten Holzschnitten als Unikat in zwölf Segmenten fertigte. Er illustriert Wallrafs Interesse an der ganzen Welt. Hier mit dem gerade erst entdeckten America samt seiner "Canibales" und dem Opossum als Wappentier.

Die Ausstellung ist nicht zuletzt ein großes Kooperationsprojekt der Kölner Museen, die ihre Bestände nach Wallraf-Exponaten durchforstet und sie für die Ausstellung zur Verfügung gestellt haben. Diese um 1310 entstandene "Verkündigung an Maria" und "Die Darbringung im Tempel" mit ihrem wundervoll gestalteten Christuskind etwa stammt aus dem Museum Schnütgen.

Diese durchgehend illustrierte "Bilderbibel" stammt aus den Beständen der Kölner Universitäts- und Stadtbibliothek. 1478/1479 in Köln gedruckt, ist sie Teil von zwei Ausgaben, die in niedersächsischer bzw. niederrheinischer oder "westniederdeutscher" Sprache erschienen, um zwei Regionen mit deutlich unterschiedlichen Dialekten zu bedienen. In Rom soll dieser Versuch, Gottes Wort für Laien lesbar zu machen, argwöhnisch beäugt worden sein (im Bild: Gott erschafft Eva aus der Rippe Adams).

Ein zentraler Fokus der Ausstellung richtet sich auf Wallrafs Rolle während der Besetzung der bis dahin freien Reichsstadt Köln durch französische Truppen während der Koalitionskriege 1794. Von einem Verweigerer des Eids auf die französische Republik wandelte sich Wallraf zu einem Dichter von Lobeshymnen auf Napoleon. Für einen persönlichen Besuch des Kaisers in Köln 1804 verfasste er eine Vielzahl von Inschriften.

Ein ganzer Raum ist auch den Entwürfen und Modellen gewidmet, die inzwischen als eine Art architektonische Behälter auch für das reiche Erbe Wallrafs fungieren – oder fungieren sollen: darunter auch der Erweiterungsbau des Wallraf-Richartz-Museums für die Sammlung Corboud, der illustriert, wie schwer sich Köln bis heute mit Geschenken von Sammlern tut.

So spiegelt die Ausstellung nicht nur die vielfältige kulturelle und politische Tätigkeit Wallrafs wieder. Sie zeigt auch auf, dass die reichhaltige Kölner Museumslandschaft ohne das Wirken ihres "Erzbürgers" heute so nicht existieren würde. Insofern hat das im Untertitel der Schau so vollmundig beschworene Attribut vom "Retter Kölns" durchaus seine Berechtigung (Patte für einen Damenschuh, Anfang des 18. Jahrhunderts, aus dem Kölner MAKK).

Wallraf war wohl weder als Historiker noch als Ästhet oder Kunstsammler ein origineller Kopf, sondern, an internationalen Maßstäben gemessen, "letztendlich eine provinzielle Erscheinung", heißt es im Katalog. Trotzdem hat er Großes geleistet. Und passt in dieser Mischung irgendwie perfekt zu Köln (Wallraf auf der kolorierten Kreidezeichung "Neueste Renaissance in der Kunst", 1858, von Eduard von Steinle).

"Wallrafs Erbe. Ein Bürger rettet Köln" ist noch bis zum 8. Juli im Untergeschoss des Wallraf-Richartz-Museum & Foundation Corboud in Köln zu sehen. Danach sollte man dann in die Stockwerke darüber wandern. Hier hängen nämlich einige der schönsten Gemälde, die Wallraf der Stadt vermacht hat.

Stand: 22.03.2018, 14:05 Uhr