Gemälde aus dem Drucker: Köln zeigt Wade Guyton

Gemälde aus dem Drucker: Köln zeigt Wade Guyton

Von Thomas Köster

Berühmt wurde Wade Guyton vor allem mit Bildern, die Motive aus dem Internet mit dem Tintenstrahldrucker auf Leinwand bringen - und so der Malerei neue Möglichkeiten eröffen. Das Kölner Museum Ludwig widmet dem extravaganten New Yorker Künstler eine große Retrospektive.

Wade Guyton in seiner Ausstellung , Museum Ludwig, Köln 2019

2004 begann Wade Guyton, Motive mit einem herkömmlichen Tintenstrahldrucker auf großformatiges Rohleinen zu bringen. Später stieg er dann auf grundierte Leinwand um. "Ich denke, ich wollte den Drucker auf eine Art und Weise verwenden, für die er nicht unbedingt geschaffen wurde – um zu sehen, ob er eine andere Art von Objekten hervorbringen könnte", sagte der etwas grimmig in die Welt blickende Künstler jetzt in Köln zu seiner Intention.

2004 begann Wade Guyton, Motive mit einem herkömmlichen Tintenstrahldrucker auf großformatiges Rohleinen zu bringen. Später stieg er dann auf grundierte Leinwand um. "Ich denke, ich wollte den Drucker auf eine Art und Weise verwenden, für die er nicht unbedingt geschaffen wurde – um zu sehen, ob er eine andere Art von Objekten hervorbringen könnte", sagte der etwas grimmig in die Welt blickende Künstler jetzt in Köln zu seiner Intention.

Das Ergebnis sind ebenso banal wirkende wie Bahn brechende Bilder, die die Geschichte der Malerei mitsamt ihrer Materialien, Techniken und Verfahren mitdenken. Und entscheidende Grundannahmen der Kunstgeschichte wie die der Autorenschaft oder Kunstfertigkeit ebenso infrage stellen wie unsere Vorurteile hinsichtlich der Qualität von Kunst. Das gilt für die frühen abstrakten Arbeiten ebenso ...

... wie für "realistische" Motive, bei denen sich Guyton für seine Inkjet-Gemälde zum Teil aus dem Internet bedient, teils aber auch auf eigene Fotos zurückgreift.

Dabei spielt der Zufall, der das Vergangene im Prozess verändert und zu etwas Gegenwärtigem macht, immer eine wichtige Rolle. Übertragungsfehler beim Druckprozess werden bewusst mit eingeplant. Was Datenfehler ist und was gewollt, bleibt in der Schwebe.

In den jüngeren Arbeiten beschäftigt sich Guyton mit Hilfe seines Epson UltraChrome-K3-Tintenstrahldruckers zunehmend mit seinem Atelier und seiner New Yorker Umgebung.

Vor allem aber interessieren ihn politische, soziale und ökonomische Fragen unserer Zeit. Das gilt auch für seine "New-York-Times"-Gemälde, die sich laut Guyton "selbst erschaffen". Hier die Titelseite mit dem berühmten Foto der unterkühlten Begegnung von Donald Trump und Barack Obama - der Fehldruck stellt die gegenseitige Abneigung heraus. (Ohne Titel, 2016).

"Ich treffe nicht allzu viele inhaltliche Entscheidungen während des Entstehungsprozesses", sagt Guyton. "Die Entscheidung, ein Gemälde zu präsentieren – das ist eine andere Sache. Manche Gemälde sind interessanter als andere. Manche sehen besser aus, manche sind erschreckender, manche banaler. Manche haben Oberflächen, die faszinierender anzusehen sind. Man liest und betrachtet diese Arbeiten gleichzeitig, sie kommunizieren also stark."

Bisweilen macht das Volumen die Bilder auch zu Skulpturen. Wie beim in Köln re-inszenierten "Aspen Art Museum_29017", in der die Bilder auf ihrem Sockel aus Holzlatten noch auf ihre Hängung zu warten scheinen.

Und selbst hier scheint der "Inhalt" und die "Oberfläche" in den Zwischenräumen durch.

Überhaupt geht es bei Guyton oftmals darum, beim Betrachter mit ikonischen Motiven einen Reflexions- und Assoziationsraum zu öffnen. Dabei spielen auch die Buchstaben "X" und "U" eine zentrale Rolle, die in unserem digitalen Zeitalter auf "Kiss" und "You" verweisen - längst also zu Symbolen einer technischen Entwicklung geworden sind.

Beim Eröffnen assoziativer Räume spielt das Skulpturale neben den Tintenstrahlgemälden im Werk des Künstlers eine zentrale Rolle. Für seine "Untitled Action Sculpture (Chair)" etwa verbog Guyton 2001 einen Marcel-Breuer-Stuhl und formte damit frevelhaft eine nutzbare Ikone der Designgeschichte in ein sinnloses Objekt. Wie viel daran ist Breuer, was ist Guyton?

Fest steht, dass die Breuer-Aktion Guyton offenbar wichtig war. Breuer-Stühle tauchen in der Ausstellung immer wieder auf. Real und unbeschädigt ...

... oder, abstrahiert, auf Bildern.

In Köln ist man schon lange dran an Guyton. Früh kaufte das Museum Bilder des Künstlers an, so 2010 die bisher größte Arbeit Guytons, die mit ihren stattlichen Gesamtmaßen von 15 Metern Breite und acht Metern Höhe souverän die Stirnseite des sogenannten DC-Saals im Museum bespielte.

Für die Ausstellung wurde das imposante Werk an seiner alten Stelle neu inszeniert und kann dort von der Empore aus auch aus der Vogelperspektive betrachtet werden.

Nicht nur im DC-Saal wird deutlich, wie stark Guyton die Architektur des Museums in den Aufbau seiner Ausstellung mit eingebaut hat - wie stark also die Inszenierung des eigenen Werks für ihn auch die Qualität von Installationen hat. Die Werke treten durch ihre nicht-chronologische, sondern thematische Präsentation nicht nur in einen "zeitlosen" Dialog zueinander, sondern auch zum Raum, in dem sie stehen.

Bisweilen vollzieht sich dieser Dialog eher unauffällig: etwa bei den Spiegelungen der Neonleuchten auf dem Vitrinenglas, die überraschend die Strukturen von Guytons mit dem Zeichenprogramm von Microsoft Word entstandenen "Zeichnungen" aufzunehmen scheinen.

Das gilt aber auch für die neue, eigens für die Retrospektive entstandene und ebenfalls fast beiläufig drapierte Außenskulptur Guytons auf der Terrasse vor dem Südeingang. Sie schlägt als Selbstzitat die Brücke zu früheren Arbeiten des Künstlers, stellt aber auch ästhetische Bezüge zur Sägezahndach-Architektur des Museums her. Es ist die erste Bronzearbeit des Künstlers. Was zeigt, dass Guyton durchaus bereit ist, sich mit neuen alten Materialien der Kunstgeschichte zu beschäftigen.

Manchmal ging Guyton aber auch einen anderen Weg. Für dieses rot-grün-gestreifte Gemälde passte er eine in den Ausstellungsraum eingebaute Wand exakt auf dessen Maße an. Auch sonst griff er in die Architektur des Gebäudes ein.

Guyton erklärt seine Sicht so: "Man könnte sagen, dass Ausstellungen Kunstwerke erschaffen, dass sie die Art und Weise erschaffen, wie die Kunstwerke gesehen werden – nicht nur physisch; sie generieren die Sprache oder die Struktur, um sie überhaupt lesbar zu machen." Und als Künstler müsse man sich mit dieser Sprache auseinandersetzen. Genau das hat er mit seiner Kölner Schau getan.

"Es ist ein erklärtes Ziel der Retrospektive, die Komplexität des Werks von Wade Guyton zu vermitteln und zu zeigen, dass er einen konzeptionellen Ansatz hat", unterstreicht Museumsdirektor Yilmaz Dziewior. Und auch das ist ob der fast schon erschlagenden Fülle gelungen.

Da ist es gut, dass Guyton nicht nur Unmengen an Arbeiten, sondern auch die Designer-Sofas von de Sede aus seinem New Yorker Atelier mit an den Rhein gebracht hat. So kann man sich in seine nur vordergründig oberflächliche Arbeit gut vertiefen.

"Wade Guyton. Zwei Dekaden MCMXCIX–MMXIX" ist noch bis zum 1. März 2020 im Museum Ludwig in Köln zu sehen. Zur Ausstellung ist auch eine Edition mit 30 Unikaten erschienen - mit knapp 9.500 Euro allerdings kein Schnäppchen.

Stand: 14.11.2019, 11:00 Uhr