Düsseldorf: Kunstausstellung zwischen Bordell und Waschsalon

Düsseldorf: Kunstausstellung zwischen Bordell und Waschsalon

Von Thomas Köster

Wie gehen Menschen mit der Stadt um, die sie bewohnen? Wie nehmen sie öffentlichen Raum in Besitz? In Düsseldorf gehen Künstler dieser Frage mit Installationen und Filmen in der Ausstellung "Von fremden Ländern in eigenen Städten" an verschiedenen Orten im multikulturellen Bahnhofsviertel nach.

Von fremden Ländern in eigenen Städten, Düsseldorf 2018 (Ausstellungsansicht)

Kriminelle Problemzone und multikultureller Schmelztiegel; häßliche Bausünde mit Bordell, originellen Kneipen und poetischen Waschsalons: Das alles ist das Viertel um den Düsseldorfer Hauptbahnhof - und droht bald zum Investitionsspielball zu werden. "Das Ausstellungsprojekt kommt deshalb zur rechten Zeit", sagt die Fotografin Katharina Sieverding.

Kriminelle Problemzone und multikultureller Schmelztiegel; häßliche Bausünde mit Bordell, originellen Kneipen und poetischen Waschsalons: Das alles ist das Viertel um den Düsseldorfer Hauptbahnhof - und droht bald zum Investitionsspielball zu werden. "Das Ausstellungsprojekt kommt deshalb zur rechten Zeit", sagt die Fotografin Katharina Sieverding.

Mit einem 200 Meter langen Bilderfries, der die provisorische Spielstätte des Düsseldorfer Schauspielhauses in einem heruntergekommenen 80er-Jahre-Bau umspannt, hat Fotografin Katharina Sieverding das imposanteste Werk der Schau geschaffen. "Hier ist das Theater näher an der Straße", sagt Sieverding. Und ihre Arbeit näher an den Menschen.

Im Rotlichtviertel unweit des Bordells "Bahndamm" zeigt Katharina Sieverdings Tochter Pola, selbst Fotografin und Filmemacherin, ein Video über den "Box-Papst" Wilfried Weiser. Hier steht sie in Weisers legendärem Ring in der Vulkanstraße, in dem schon Größen wie Henry Maske, Graciano Rocchigiani oder Regina Halmich boxten.

Der Boxring ist fürs Publikum nicht zugänglich, der Film läuft in Weisers - inzwischen geschlossener - Kneipe "Beim Box-Papst", die auch schon mal ein Pornokino war. Mit ihren Fotos und Gemälden erzählt Wilfried Weiser in ruhigen Einstellungen und O-Tönen vom schillernden Leben einer Kiez-Größe - dankenswerterweise, ohne die Sensationslust zu befriedigen.

Im Grunde geht es in der Schau um die Frage, wie Bewohner den öffentlichen Raum, der nicht ihnen gehört, in Besitz nehmen. Dabei wird der Künstler zum subversiven Komplizen. Zum Beispiel, wenn er, wie John Miller, das gelbe Band der Sympathie eines Bankanbieters mit der Botschaft überschreibt, sich gegen festgefahrene Gewohnheiten aufzulehnen.

Vielleicht nehmen aber auch umgekehrt Investoren das Viertel mit seinen Gewinn versprechenden Brachflächen in Besitz. Was dann blüht, beschreibt Jan Hoeft auf seinem Immobilienschild, dessen Einzelteile aus dem Internet zusammengekauft sind und dessen Figuren inzwischen bittere Tränen weinen. Auf der Wiese im Hintergrund üben schon mal die bissigen Hunde eines Security-Dienstes.

Imposant ist die Ausstellung vor allem deshalb, weil sie auch Terrains erkundet, die bisher für den Kunstbetrieb - und für die Stadtbewohner - Terra incognita waren. So hat die Leiterin der Düsseldorfer Bahnhofsmission Barbara Kempnich (rechts) unter Mithilfe der Dokumenta-Teilnehmerin Irene Hohenbichler Obdachlose ermuntert, Objekte für eine "Wunderkammer des Quartiers" zu schaffen. Diese ist jetzt in einem leerstehenden Ladenlokal zu sehen.

"Die Obdachlosen nehmen sich ja zumeist als Opfer wahr und nicht als Subjekt", sagt Kempnich. "Es war toll zu sehen, wie sie durch das Projekt die Zügel wieder in die Hand bekamen." Auch die Ergebnisse lassen sich sehen. Wie dieses filigrane Origami-Objekt, das auf verschiedenen Ebenen zu öffnen ist und den Blick freigibt auf Sätze auf dem Lebensalltag. Ganz unten, als Bodensatz und Erdhaftung gewissermaßen, findet sich ein Plan der Düsseldorfer Innenstadt.

Einen Effekt hat die Schau für Katharina Sieverding jetzt schon gebracht: "spannende Gespräche mit Menschen, die vielleicht nie ein Museum betreten würden. Und die mir teilweise ihr Herz ausgeschüttet haben über ihr Schicksal, ihre Nöte, ihre Süchte. So etwas habe ich noch nie erlebt." Wenn das Projekt also dazu führt, dass die Bewohner des Bahnhofsviertels angeregt werden, über sich und die Zukunft ihres Quartiers nachzudenken, sei der Hauptzweck erfüllt.

Am Hinterausgang des Hauptbahnhofs - beim unglaublich gesichtslosen Bertha-von-Suttner-Platz - verwandelt eine Lichtinstallation von Manuel Graf die Architektur in einen arabischen Tempel. Tagsüber beleuchten Grafs Kacheln eine Welt, die (vielleicht etwas orientierungslos) zwischen Tradition und Moderne schwankt.

Zugleich sind die Kacheln mit ihren orientalischen Smartphones eine Aufforderung, selbiges in die Hand zu nehmen und die Audiotour von Fari Shams abzuspielen. An sieben Orten erklingen dann die Reden von Bewohnern der Umgebung: Obdachlose, Ladenbesitzer, Manager, Sozialarbeiter, die mit einer Zunge reden: Durch eine Neuvertonung mit einem Sprecher verschmelzen die Identitäten zu einer polyphon-urbanen Einheit.

Wer die fremden Länder in Düsseldorf erleben will, muss also nicht in den Zug steigen. Er kann fremden Stimmen lauschen. Oder durchs sogenannte Maghreb-Viertel schlendern. Oder in die Stadtbibliothek gehen. Hier haben Mira Mann und Sean Mullan ein virtuelles Reisebüro eingerichtet. "Nach einer Bestandsaufnahme Ihrer Angaben konfiguriert unser System Ihre individuelle Reise", heißt es in der Ankündigung. Na dann: Gute Fahrt.

"Von fremden Ländern in eigenen Städten" ist noch bis zum 19. August 2018 an verschiedenen Orten im Düsseldorfer Innenstadtraum zu sehen. Zur Ausstellung ist eine kostenlose "Zeitung" erschienen, die alle Projekte auf deutsch und englisch beschreibt.

Stand: 01.06.2018, 10:32 Uhr