Erschreckend wirklich. "Unheimlich real" in Essen

Erschreckend wirklich. "Unheimlich real" in Essen

Von Thomas Köster

Entrückte Frauen, erstarrte Akrobaten, heroische Ingenieure: In den 1920er und 1930er Jahren ließ der magische Realismus die Wirklichkeit Italiens erfrieren. Dass dabei zauberhafte Gemälde einer Gesellschaft zwischen Aufbruch und Abgrund entstanden, zeigt jetzt eine Ausstellung im Museum Folkwang in Essen.

Unheimlich real. Italienische Malerei der 1920er Jahre, Museum Folkwang, Essen 2018 (Ausstellungsansicht)

Vergleichbar mit der "Neuen Sachlichkeit" in Deutschland, wandte sich auch die Malerei in Italien nach dem Ersten Weltkrieg wieder der Wirklichkeit zu, aber auf eine hyperrealistisch verzaubert wirkende Art und Weise. Diese "Rückkehr zur Ordnung" lässt auf den Bildern die Zeit – und bisweilen auch das Blut in den Adern der Betrachter – gefrieren. "Unheimlich real" ist also genau der richtige Titel (Baccio Maria Bacci, "Nachmittag in Fiesole", 1926-1929).

Vergleichbar mit der "Neuen Sachlichkeit" in Deutschland, wandte sich auch die Malerei in Italien nach dem Ersten Weltkrieg wieder der Wirklichkeit zu, aber auf eine hyperrealistisch verzaubert wirkende Art und Weise. Diese "Rückkehr zur Ordnung" lässt auf den Bildern die Zeit – und bisweilen auch das Blut in den Adern der Betrachter – gefrieren. "Unheimlich real" ist also genau der richtige Titel (Baccio Maria Bacci, "Nachmittag in Fiesole", 1926-1929).

80 Gemälde aus öffentlichen und privaten Sammlungen sind in dieser ersten deutschen Überblicksschau in Essen versammelt. Sie geben einen schönen Überblick über eine Stilrichtung, die sich ihre Sujets eher im Privaten und Häuslichen suchte, aber auch bei den Außenseitern, den Clowns und Akrobaten. Und bei den Konstrukteuren und Ingenieuren. "Unheimlich real" macht dies in thematisch gegliederten Räumen deutlich.

Ein Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf den Frauenporträts des Magischen Realismus, die mehr sind als Dekoration für Buchcover, von denen man sie bisweilen kennt. Vor reduzierten Hintergründen wird hier eine Distanziertheit offenbar, die keinerlei knisternde Nähe oder gar Intimität zum Betrachter mehr aufbauen will (Felice Casorati, "Cynthia", 1924/1925).

Erotik spielt offensichtlich selbst bei den in Essen gezeigten Aktdarstellungen keine Rolle mehr. Besonders deutlich wird dies auf einem der beeindruckendsten Bilder der Schau, Cagnaccio di San Pietros "Zoologica" (1928), auf dem sich die Geschlechter zwar auf einem Bett räkeln, aber offenbar eher mit sich als mit ihren Gefühlen ringen.

Kunsthistorisch ging der magische Realismus aus der "metaphysischen Malerei" eines Giorgio de Chirico hervor. Aber auch die Stillleben Giorgio Morandis, der den Dingen ihren leisen Zauber zu entlocken suchte, waren ein Vorbild (Felice Casorati, "Stillleben mit Eiern und Pfeifen", 1923-1925).

Von Morandi hängt ein eher bescheidenes Frühwerk in der Ausstellung; dieses hier von de Chirico ist imposanter ("Piazza d'Italia. Souvenir d'Italie", 1924/1925).

Unter Mussolini, der anders als Hitler die Moderne förderte, malten die magischen Realisten magisch weiter. Und so ist, anders als der Untertitel der Schau konstatiert, auch Malerei der 1930er Jahre in Essen vertreten. Rückwärts betrachtet ist es schon ein wenig unheimlich, wie nahtlos sich manche Bilder in die Ästhetik des Faschismus integrieren. Cesare Sofianopulos dämonische "Masken" (1930) gehören allerdings nicht dazu.

Genauso lassen sich die Gemälde des Magischen Realismus in Italien als Ausdruck einer auf der Kippe erstarrten Gesellschaft interpretieren, die sich nach dem Ersten Weltkrieg noch finden musste – und finden wollte. Diese Welt war für die Maler offenbar so zauberhaft, dass sie im Augenblick verharrten und erstarrten (Antonio Donghi, "Der Jongleur", 1936).

Dem entsprechend sind auf den Gemälden neben privaten Sujets oder Blumenmotiven immer wieder auch Ingenieure, Architekten und Konstrukteure zu sehen. Am Aufbau einer neuen Gesellschaft – und einer besseren Welt – wollte sich die Kunst der Zeit gerne beteiligen (Cesare Sofianopulo, "Doppeltes Selbstporträt", 1936).

Am klarsten wird dies vielleicht an der Gestalt Carlo Carràs deutlich, der vom technikbegeisterten und später mit dem Faschismus liebäugelnden Futurismus kam und über die metaphysische Malerei zum magischen Realismus fand. In seiner Person und seiner Biografie spiegelt sich die ganze schillernde Widersprüchlichkeit im Italien der 1920er und 1930er Jahre ("Der Sohn des Konstrukteurs", 1917-1921).

Vielleicht ist dieses ambivalente Jonglieren mit Deutungsmöglichkeiten einer der Gründe, warum diese Malerei in den sich neu formenden demokratischen Gesellschaften nach dem Zweiten Weltkrieg ins Abseits geriet. Außer in den USA vielleicht, wo der aus der Pop Art kommende Hyperrealismus in den 1970er Jahren ja zumindest eine gewisse Aufmerksamkeit erfuhr. Erschreckend hyperrealistisch war aber schon Bruno Croatto.

Kunsthistorisch habe die Epoche des magischen Realismus "lange Zeit ein Schattendasein" geführt, betont auch Museumsdirektor Peter Gorschlüter. Nun gebe es die Möglichkeit, "diese Stilrichtung ausgiebiger zu betrachten". Das sollte man auf alle Fälle tun. Auch wenn die Zeit des freien Eintritts im Folkwang zu Ende ist (Ubaldo Oppi, "Die Frau des Künstlers vor venezianischer Kulisse", 1921).

"Unheimlich real. Italienische Malerei der 1920er Jahre" ist noch bis zum 13. Januar 2019 im Museum Folkwang in Essen zu sehen. Zur Ausstellung ist ein schöner Katalog erschienen, den man nur empfehlen kann.

Stand: 01.10.2018, 09:58 Uhr