Schöne Bescherung: "Unerwartete Begegnungen" in Münster

Schöne Bescherung: "Unerwartete Begegnungen" in Münster

Von Thomas Köster

Für "Unerwartete Begegnungen" hat die Westfälische Provinzial Versicherung ihren Kunstschatz aus den Besprechungs- und Vorstandsräumen geholt und ins Museum gestellt. Es ist auch die Geschichte einer ungewöhnlichen Partnerschaft.

Unerwartete Begegnungen, LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster 2017 (Ausstellungsansicht)

Für eine Ausstellung, die am 6. Dezember eröffnet, ist die erste Begegnung eigentlich nicht unerwartet: Im Foyer begrüßt ein fast zwei Meter großer Nikolaus von Martin Honert die Besucher. Metaphorisch bereitet er auf das vor, was in "Unerwartete Begegnungen" zu sehen ist: Die Westfälische Provinzial Versicherung hat den Sack ihrer Sammlung aufgemacht und beschert uns Exponate von 37 Künstlern, die mit der Region verwoben sind.

Für eine Ausstellung, die am 6. Dezember eröffnet, ist die erste Begegnung eigentlich nicht unerwartet: Im Foyer begrüßt ein fast zwei Meter großer Nikolaus von Martin Honert die Besucher. Metaphorisch bereitet er auf das vor, was in "Unerwartete Begegnungen" zu sehen ist: Die Westfälische Provinzial Versicherung hat den Sack ihrer Sammlung aufgemacht und beschert uns Exponate von 37 Künstlern, die mit der Region verwoben sind.

Dabei ist der Ort der Ausstellung nur konsequent. Zwar sind die seit Mitte der 1980er Jahre zusammengetragenen Exponate der Schau für die Repräsentations- und Verwaltungsräume der Versicherung bestimmt, doch werden die Werke bis heute so ausgewählt, dass sie den Bestand des LWL-Museums für Kunst und Kultur ergänzen (links: "Mahlzeit" von Bernhard und Anna Blume, 1986/87).

Damit das funktioniert, arbeitete die Provinzial von Anfang an mit dem Landesmuseum zusammen – eine vom damaligen Museumsdirektor Klaus Bussmann initiierte Zusammenarbeit, die gut zu funktionieren scheint. Hauptkriterium für die Auswahl war und ist, dass die Künstler der angekauften Werke aus Westfalen stammen oder einen besonderen Bezug zur Region haben. Martin Kippenbergs Gemälde "Ohne Titel (Annette von Droste-Hülshoff)" etwa entstand, als der Künstler 1996 für die Skulptur Projekte Münster in der Stadt recherchierte.

In Münster sind nun 140 thematisch angeordnete Exponate von inzwischen immerhin 1.700 Werken - zumeist aus dem 20. und 21. Jahrhundert - zu sehen, die normalerweise in den Fluren und Vorstandsetagen der Versicherung hängen. Erstmals werden dabei im Neubau des Museums auch Werke der Klassischen Moderne in der Öffentlichkeit präsentiert (Hans Kraft, "Neubau", ohne Jahr).

Auslöser der Kooperation war die Entdeckung eines Konvoluts von Zeichnungen und Skizzen im Nachlass des Münsteraner Künstlers Bernhard Pankok. Mehrere Arbeiten daraus, wie dieses Selbstporträt von 1894, sind in "Unerwartete Begegnungen" ausgestellt. Dem Museum mit seinem knappen Etat war der Ankauf schlichtweg zu teuer. Und die Versicherung musste ihre neuen Wände schmücken. Voilà.

In den vergangenen Jahren wurden vor allem Werke von Trägern des westfälischen Konrad-von-Soest-Preises ausgewählt, der vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe vergeben wird und 2017 sein 65-jähriges Bestehen feiert. Im Jubiläumsjahr kaufte die Versicherung die 68 kleinformatigen Aquarelle von Andreas Siekmanns politisch aufgeladenen "Aufzeichnungen aus einem postfaktischen Zeitalter" an, die 2016 auch in einer Ausstellung im Museum zu sehen waren.

Der in Rheda geborene Kölner Künstler Jürgen Stollhans, Preisträger von 2014, ist mit einem zwei- und dreidimensionalen geometrischem Objekt aus Zylindern, Kegeln und Quadern vertreten, das an ein mit Tarnanstrich versehenes Raumschiff erinnert. Und doch nur mit unseren medial vermittelten Sehgewohnheiten und Seherwartungen spielt.

Hin und wieder ist die Begegnung mit den Exponaten auch deshalb überraschend, weil die angekauften Werke im Kontext eines Gesamtoeuvres wenig repräsentativ erschienen. Wie beim Konrad-von-Soest-Preisträger Otto Piene etwa, der durch seine Feuerbilder momentan eine (schon wieder etwas abklingende) Renaissance erfährt. Offenbar hat er in den 1970ern aber auch mit Grafit und Kohle gearbeitet. Ein Feuerbild gehört natürlich auch zum Bestand.

Überhaupt sind Piene und das Münsteraner Museum ein gutes Beispiel für die Gefahr, einen Künstler marketingtechnisch zu vereinnahmen. Hier hat man Pienes "Silberner Frequenz" an der Außenfassade einfach das LWL-Logo übergestülpt. Angestoßen vom Kurator der Skulptur Projekte Münster, Kaspar König, ist darüber ein Streit entbrannt. Und tatsächlich ist das ein wenig so, als würde die Deutsche Bank auf ihre Rehbergers, Rauchs, Doigs oder Peytons ein DB-Logo stempeln.

Dass man indes gute Kunst machen kann, ohne es mit kommerziellem Design zu vermischen, beweist der 1982 verstorbene Biennale- und Documentateilnehmer Gunter Fruhtrunk, seines Zeichens immerhin Gestalter der legendären Aldi-Nord-Plastiktüte. Seine farbrhythmischen "Intervalle" (1958/59) zeugen zwar auch von enormem Gestaltungswillen, gaben aber vor allem der deutschen Kunst der Nachkriegszeit entscheidende Impulse.

Im Feld von Kunst und Kommerz sind Geben und Nehmen seit jeher Geschwister. Für Firmen versprechen Kunstkäufe und deren Präsentation eine Gewinnmaximierung, für den Künstler das Überleben, fürs Museum eine Erweiterung der Bestände. Im diesem Fall scheint das eine Win-Win-Win-Win-Situation zu sein. Denn der Besucher der Schau hat auch etwas davon (Johanna Reich, "Flags", 2011).

"Einen Glücksfall" nennt Initiator Klaus Bussmann die Zusammenarbeit im Nachhinein. "Im Gegensatz zu den üblichen Public-Private-Partnerships ist die inhaltliche Bindung an die Ziele der kulturellen Arbeit in der Region einmalig und nicht einem reinen Marketinggedanken zu verdanken." Wer "Unerwartete Begegnungen" gesehen hat, will das gerne glauben.

"Mit der Ausstellung möchten wir nicht nur die Sammlung der Westfälischen Provinzial einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machen, sondern auch deren Bedeutung als kulturhistorisches Gut für die Region sichtbar werden lassen", betonen denn auch die Kuratoren. In Münster kann man sich bei der Bescherung im LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster noch bis zum 25. Februar 2018 davon überzeugen.

Stand: 05.12.2017, 09:00 Uhr