Kunst mit Quilts - Ulla von Brandenburg in Bonn

Kunst mit Quilts - Ulla von Brandenburg in Bonn

Von Thomas Köster

Symbolträchtige Quilts, ein Stoffparcours mit Durchblick und anarchisches Bonbonnaschen gegen den Brexit: Im Kunstmuseum Bonn verweben Ulla von Brandenburgs Texturen Raum mit Gegenwart und mit Geschichte. Und mit politischem Statement.

Ulla von Brandenburg. Sweets / Quilts / Sun, Kunstmuseum Bonn 2018 (Ausstellungsansicht)

"Stoff ist ein wundervolles Material, weil man es so vielfältig verwenden kann. Und weil es so leicht zu transportieren ist", sagt die Karlsruher Künstlerin, die dort Professorin an der Akademie der Künste ist. Vor allem aber ist Stoff offensichtlich deswegen toll, weil sich mit ihm, teils unter Rückgriff auf andere Medien, Räume in epochenübergreifende Bühnen für Kunst verwandeln lassen. Vor allem das ist in der Ausstellung "Sweets / Quilts / Sun" zu sehen.

"Stoff ist ein wundervolles Material, weil man es so vielfältig verwenden kann. Und weil es so leicht zu transportieren ist", sagt die Karlsruher Künstlerin, die dort Professorin an der Akademie der Künste ist. Vor allem aber ist Stoff offensichtlich deswegen toll, weil sich mit ihm, teils unter Rückgriff auf andere Medien, Räume in epochenübergreifende Bühnen für Kunst verwandeln lassen. Vor allem das ist in der Ausstellung "Sweets / Quilts / Sun" zu sehen.

Drei Räume hat von Brandenburg im Bonner Kunstmuseum gestaltet, deren vordergründigste thematische Klammer das Theatralische ist. Da schweben Quilts wie Gespenster aus der Vergangenheit zwischen Himmel und Erde, zwischen Früher und Jetzt. Drei Generationen ihrer Familie hätten Quilts produziert, sagt die Künstlerin, die die Decken in ihrem Pariser Atelier fertigen ließ. "Vor allem aber gibt es Quilts in allen Kulturen."

Das in der Patchwork-Collage Vereinende, Raum und Zeit Überwindende hat von Brandenburg gereizt, aber auch der Rückbezug der Tagesdecken auf das menschliche Maß. Und dann gibt es noch, wie oft im Werk, eine politische Komponente: Die Bonner Quilts zeigen symbolisch aufgeladene und stark vergrößerte Zeichen von Fluchthelfern für Sklaven in den USA.

Was das Verständnis und die Kombination von Farben angeht, kommt die 1974 in Karlsruhe geborene Ulla von Brandenburg eindeutig aus der Malerei. Das zeigt die Installation "Sweets", die, wie die gesamte Ausstellung, in Kooperation mit der Londoner Whitechapel Gallery entstand. Hier sind verschiedene Stoffbahnen derart hintereinander drapiert ...

... dass der Besucher sie durch ein Loch wie verschiedene, hintereinander geschaltete Bühnenbilder durchschreiten kann wobei von Brandenburg laut eigener Aussage vor allem die "malerische" Rückseite der Tücher fasziniert. Ein wenig wirkt das Gebilde dabei wie die auf verschiedenen Zeitebenen geöffnete Blende einer Filmkamera.

Diese Assoziation kommt dem Besucher natürlich, weil am Ende seines Weges tatsächlich ein Film steht: die Neuinszenierung einer Aktion der Whitechapel Gallery zum Beitritt Englands zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG). Dort wurden Süßigkeiten der späteren EU-Staaten präsentiert, die 500 Schulkinder in einem Akt spontaner Anarchie bei der Finissage einfach verschlangen. In Bonn ein kluger Kommentar zum Brexit. Und zur gewünschten Überwindung der Grenze zwischen Kunst und Betrachter.

Das Zusammenspiel zwischen Mensch und Architektur, Exponat und Besucher, Distanz und Aktion prägt auch jenen Raum, in dem von Brandenburgs Film "It Has a Golden Sun and an Elderly Grey Moon" (2016) läuft. Er zeigt sieben hell gekleidete Tänzer, die mit bunten Tüchern hantieren und eine treppenartige Konstruktion besteigen, die in Bonn real den Raum dominiert.

Der Film wurde in einem berühmten Pariser Theater als Stummfilm auf 16-Millimeter-Material produziert. Später unterlegte ein Perkussionist die choreografischen Schritte mit Ton. Daneben ist nur der Signalklang riesiger Muscheln zu hören, die als Requisit in der Ausstellung zu sehen sind.

In der Bonner Schau thront das Treppenpodest der "Sun" betitelten Rauminstallation auf den im Film gezeigten Stoffen. "So bildet die Vergangenheit die Basis für die Gegenwart", sagt Ulla von Brandenburg. Das Podest darf man betreten allerdings auf eigene Gefahr. Und das aus gutem Grund: Denn die Treppenstufen entsprechen keiner DIN-Norm, sondern wieder am Menschen orientierten Maßen.

Gleiches soll auch für die in den Farben der gezeigten Stoffe bemalten Bambusangeln gelten, die aus Asien stammen und die Ulla von Brandenburg in Paris gekauft hat. Auch sie ein symbolisches Zeugnis, Distanzen im Raum zu überwinden. Die Angeln dürfen allerdings nicht ausgeworfen werden. Und auch die Muscheln müssen am Holzboden der Treppe bleiben.

So bleibt statt des intensiven Mitmachens zumindest ein ausgiebiges Mitnehmen: Denn Ulla von Brandenburg hat für alle drei Räume eine Art Zeitung mit dokumentarischem Hintergrundmaterial gestaltet, die man kostenlos mit nach Hause nehmen kann. Den hübsch gemachten Katalog allerdings muss man kaufen.

"Ulla von Brandenburg. Sweets / Quilts / Sun" ist noch bis zum 24. Februar 2019 im Kunstmuseum Bonn zu sehen. Es ist die erste Einzelausstellung der Künstlerin in Deutschland überhaupt. Und wer schon einmal da ist ...

... sollte ein paar Räume weiter die Ausstellung "Ausgezeichnet #3" der Kölner Künstlerin Frauke Dannert besuchen, die, fast schon als Kontrastprogramm, illustriert, wie man, ebenfalls aus der Fläche und der Collage kommend, auch auf ganz andere Art und Weise Raum erzeugen kann.

Stand: 31.10.2018, 13:00 Uhr