"Der Traum der Bibliothek" in Siegen

"Der Traum der Bibliothek" in Siegen

Ist analoges Lesen tot? Werden Bibliotheken bald umfunktioniert zu riesigen Urnenhallen? "Ja!", sagt jetzt eine Ausstellung "Der Traum der Bibliothek" im Museum für Gegenwartskunst in Siegen. Und, noch entschiedener: "Nein!"

"Der Traum der Bibliothek" in Siegen

Von Thomas Köster

Der Traum der Bibliothek. Museum für Gegenwartskunst Siegen 2019 (Ausstellungsansicht)

In Siegen sind 21 Positionen versammelt, die sich mit dem Buch und seiner Bibliotheksgeschichte auseinandersetzen. Ein Gutteil von Ihnen enthebt dabei das Objekt von seiner Funktion als Geschichten- oder Wissensspeicher. Wie Michel Sauer, dessen "Rotes Regal" (1977) als ältestes Exponat den Auftakt macht: Die Summe der Buchrücken ergibt ein abstraktes Bild.

In Siegen sind 21 Positionen versammelt, die sich mit dem Buch und seiner Bibliotheksgeschichte auseinandersetzen. Ein Gutteil von Ihnen enthebt dabei das Objekt von seiner Funktion als Geschichten- oder Wissensspeicher. Wie Michel Sauer, dessen "Rotes Regal" (1977) als ältestes Exponat den Auftakt macht: Die Summe der Buchrücken ergibt ein abstraktes Bild.

Dabei ist Lesen doch eigentlich ein Schatz, den man nicht oft genug heben kann - auch wenn er inzwischen in so weite Ferne gerückt zu sein scheint. An die Freibeuterbücher des "Pirates' Who's Who" (2000-2019) vom französischen Objekt- und Installationskünstler Saâdane Afif jedenfalls kommt man nicht mehr heran. Dabei glitzert die tropfende Farbe verführerisch nach Unterwasserwelt.

Früher gab es Menschen - und die gibt es noch heute -, die den Buchschatz noch zu schätzen wussten. Leidenschaftlich reiste der Schweizer Bibliomane Daniel Rohner bis zu seinem Tod 2007 durch die Welt, um in den entlegendsten Antiquariaten Kunstbände aufzustöbern. Die Filmemacherin Margit Bauer hat ihrem Freund in dessen Todesjahr ein filmisches Denkmal gesetzt.

"Die Buch- und Lesekultur ist im Schwinden begriffen", resümiert auch Eva Schmidt. "Vielleicht setzen sich gerade darum jetzt so viele Künstler mit dem Buch auseinander." Es ist die letzte Ausstellung der Direktorin, die die Leitung des MGK bereits an Thomas Thiel abgegeben hat. Hier sitzt sie in der dank Büchertausch unter Museen üppig ausgestatteten Museumsbibliothek. In diesem Umfeld mag man an den Tod des Buches gar nicht glauben.

In vielen der gezeigten Werke schwingt das Verschwinden einer haptischen Lesekultur unterschwellig immer mit. Bei Thomas Hartmann etwa, in dessen gemalten Bibliotheken die Bücher keine Titel haben. Und gerade deshalb mit unserer über Jahrhunderte geprägten Wahrnehmung spielen. Um das Motiv der Bücherei zu erkennen, bedarf es keiner Schrift.

Die disfunktionalen Regale von Rodney Grahams "Le Seminaire" (1988) sind ohnehin nicht dazu geeignet, Bücher zu lagern oder herauszugreifen. Der sich verengende Stauraum lässt keinen Platz für Bibliotheken, der Band der titelgebenden Vorlesungsreihe des französischen Psychoanalytikers Jacques Lacan ist viel zu passgenau in die Architektur des Kastens eingelassen. Der Dekonstruktivismus der Konstruktion hätte dem Poststrukturalisten Lacan bestimmt gefallen.

Aber vielleicht muss man den potenziellen Leser ja auch da abholen, wo er gerade ist, statt in der Bibliothek auf Kundschaft zu warten. In der Mongolei zum Beispiel. So packt der Kinderbuchautor Jambyn Dashdondog jeden Sommer zwei Pappkartons voll Bücher und bringt sie zu Kindern in die entlegendsten Orte. Der Dokumentarfilm "Erlesene Welten" (2012) von Beatrix Schwehm erzählt von solchen Aktionen.

Und auch am Südpol braucht man Stoff zum Lesen! Seit 2005 jedenfalls steht die südlichste Bibliothek Deutschlands nahe der Forschungsstation Neumayer in der Antarktis. Ihre 50 Bewohner können sich dort aus einer Auswahl von 700 Büchern mit Autorenwidmung bedienen: ein Kunstprojekt von Lutz Fritsch, das die Schau in Siegen mit einer Tablet-Slideshow und einem Making-Of-Film honoriert.

Und vielleicht kann man ja auch die Gattung der Museumsbesucher noch zum Lesen animieren! Das wünscht sich offenbar Achim Bitter, der in seiner ebenso skulpturalen wie raumgreifenden "Bibliothek" (2001/2019) gebrauchte Möbel zu Bücheraufbewahrungsspeichern und Leserückzugsorten umfunktioniert hat. Viel Lektüre gibt es aber nicht.

Da bleibt letztendlich nur noch der nostalgische Blick auf eine reichhaltige Lesekultur, die vor der Wende in der DDR trotz eines Unterangebots an Ware vielleicht noch ausgeprägter war. Darauf verweist das Künstlerduo Clegg & Guttmann, das die Bewohner der brandenburgischen Kleinstadt Pritzwalk gebeten hat, für die Fotos seiner "DDR Kinderbibliothek" (2019) in ihren Beständen zu forschen.

Ist das Buch also tot? Werden die Regale der Bibliotheken bald so mausoleumstot sein wie bei den Skulpturen von Michel Sauer, der sein bereits Bild gewordenes "Rotes Regal" auf diese Weise modellhaft in die räumliche Leere weiterdenkt? Der in Düsseldorf lebende Bildhauer will an einen solchen Alptraum der Bibliothek aber eigentlich selbst nicht glauben.

"Die Buchmesse in Leipzig hat doch gerade noch gezeigt, dass das Buch lebt", sagt Sauer dementsprechend, der bis zu seiner Pensionierung 2015 eine Professur für Kunst mit Schwerpunkt Plastik an der Universität Siegen innehatte.

Sein Wort in Gottes Ohr! Sonst werden sich die Bücher wie die schwarzen Krähen in Hitchcocks "Vögel" auf den verwaisten Klettergerüsten unserer Spielplätze und auf den Handymasten unser Großstädte hoch über unseren Köpfen versammeln und sich bitterlich für ihre Lektüreunlust rächen. Und das kann doch nun wirklich niemand wollen (Peter Wütherich, "Die Wahrheit über meine Freunde", 2005/2019).

"Der Traum der Bibliothek" ist noch bis zum 1. September 2019 im Museum für Gegenwartskunst in Siegen zu sehen. Bald soll auch ein Katalog zur Ausstellung erscheinen. Den könnte man ja nutzen, um (wieder) mit dem Lesen und Sehen anzufangen.

Ausstellung "Der Traum der Bibliothek" in Siegen

WDR 5 Scala - Hintergrund Kultur 01.04.2019 09:39 Min. Verfügbar bis 31.03.2020 WDR 5 Von Berit Hempel

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Stand: 01.04.2019, 13:00