Identität und Abstraktion. Neue Ausstellungen in Neuss

Identität und Abstraktion. Neue Ausstellungen in Neuss

Von Thomas Köster

Hängende Tücher, seltsame Tentakelwesen und der Verlust der Zeit: In der Langen Foundation auf dem Gelände Hombroich ist die Sammlung Viehof zu Gast. Auf der Rakentenstation nebenan sind Fotos von Tomas Riehle ausgestellt.

Polyphon. Langen Foundation, Neuss 2018 (Ausstellungsansicht)

Über 1.000 Werke zeitgenössischer Künstler haben die Gebrüder Viehof in ihrer Sammlung zusammengetragen, darunter große Namen wie Georg Baselitz, Peter Doig, Cindy Sherman oder Daniel Richter. 2016 war ein Großteil davon in den Hamburger Deichtorhallen zu sehen. Jetzt zeigt die Langen Foundation auf dem Gelände der Museumsinsel Hombroich einen Ausschnitt.

Über 1.000 Werke zeitgenössischer Künstler haben die Gebrüder Viehof in ihrer Sammlung zusammengetragen, darunter große Namen wie Georg Baselitz, Peter Doig, Cindy Sherman oder Daniel Richter. 2016 war ein Großteil davon in den Hamburger Deichtorhallen zu sehen. Jetzt zeigt die Langen Foundation auf dem Gelände der Museumsinsel Hombroich einen Ausschnitt.

Anders als in Hamburg, wo es um einen Überblick der Sammlung Viehof ging, sind in der Langen Foundation mit "Polyphon" sechs sehr unterschiedliche internationale Positionen vertreten, die trotzdem alle eine enge Verbindung zur Region haben. Sei es, dass die Künstler an der Düsseldorfer Kunstakademie studiert haben, sei es, dass sie prominent in NRW-Museen vertreten sind.

Geeint werden die Werke von "Polyphon" dadurch, dass sie sich allesamt – wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise – mit Fragen der gesellschaftlichen, kulturellen, individuellen oder auch religiösen Identität in Zeiten des globalen Wandels auseinandersetzen. So wie der vietnamesisch-dänische Künstler Danh Vo, dessen Eltern in den 70er Jahren als "Boat People" von einem dänischen Frachter aufgesammelt wurden.

International berühmt wurde der in Mexico City lebende Konzeptkünstler mit einer 1:1-Rekonstruktion von Teilen der New Yorker Freiheitsstatue in 300 Einzelteilen, die inzwischen auf der ganzen Welt verteilt sind. Das Symbol der neuen Heimat, Hoffnung der Flüchtenden, ist wieder in alle Winde zerstreut.

Die Verhüllungen des menschlichen Körpers sind ein zentrales Thema der koreanischen Künstlerin Kimsooja. Für ihre raumgreifende Installation "A Laundry Woman" (2000) lässt sie traditionelle Stoffe ihrer Heimat, die vom Wind mehrerer Ventilatoren bewegt werden, von der Decke baumeln. Ein eindringliches Bild von meditativer Kraft.

Meditativ ist auch die Sequenz "A Needle Woman" (1999), die Kimsooja in Rückenansicht auf einem Felsen zeigt. Aber eigentlich liegt sie, immer kurz vorm Abrutschen, horizontal zwischen Erde und Himmel, Sicherheit und Freiheit, Festigkeit und Luft. Zu welchem Reich ihr Körper gehört – oder gehören will –, bleibt in der Schwebe.

Mit Fragen der Körperlichkeit beschäftigt sich auch der britische Künstler Thomas Houseago, der in Los Angeles lebt. Seine Installation "Dream Shelf" entstand 2011 für eine Einzelausstellung im Museum Abteiberg in Mönchengladbach. Arm, Hand, Kopf, Maske zitieren Formen bildhauerischer Auseinandersetzung mit dem Menschen – und wecken träumerisch Assoziationen.

Zerrissen scheint auch die Arbeit "Right, Left, Front, Back" (2018) von David Zink Yi, die ein wenig auch die Biografie des Künstlers als gebürtiger Peruaner mit deutschen und chinesischen Großeltern widerspiegelt. Vielleicht sind die krakenähnlichen Wesen, die sich mit ihren Tentakeln an den Boden der Langen Foundation klammern, aber auch Teile eines Organismus, der sich wieder zusammenfindet?

Der Verlust von Identität kann aber auch das eigene Selbst betreffen. Darauf macht die Niederländerin Marijke van Warmerdam aufmerksam, die vor allem mit Videoloops bekannt wurde, die die Zeit aufzuheben scheinen. Die zwölf Wolldecken ihrer Arbeit "Time is Ticking" zeigen Ergebnisse eines Tests, mit dem Demenz-Erkrankungen diagnostiziert werden können – genauer: gescheiterte Versuche, eine Uhr mit vorgegebener Zeitangabe (11:40) zu zeichnen.

Gelungene Integration verschiedener Kulturen spiegelt sich im Werk der in Dortmund geborenen und in Peru sowie Argentinien aufgewachsenen Malerin Corinne Wasmuht wider. Ihre imaginären Bildwelten sind deutlich vom phantastischen Realismus Lateinamerikas geprägt, reflektieren aber die zeitgenössische Hektik globaler Urbanität.

Am eher traditionellen Werk von Wasmuht lässt sich auch am besten illustrieren, was "Polyphon" besonders auszeichnet: Den Machern ist es gelungen, die Werke völlig unterschiedlich arbeitender Künstler nicht nur thematisch, sondern auch räumlich zu bündeln. Und das in einer beeindruckenden Architektur, die aber keines der Exponate erschlägt, sondern Ruhe schafft für eigene Gedanken.  

Nebenan im Siza Pavillon der Raketenstation Hombroich sind beeindruckende Bilder des 2017 gestorbenen Fotografen Tomas Riehle zu sehen, der ikonische Fotos vor allem auch von den begehbaren Skulpturen und Bauten Hombroichs schuf. Zur lichten Weite der Langen Foundation bilden sie einen angenehmen Kontrast.

Bezeichnenderweise studierte Riehle an der Düsseldorfer Kunstakademie nicht in der Becher-Klasse, wie man es für einen angehenden Architekturfotografen erwartet hätte, sondern beim Bildhauer Erwin Heerich – auch Riehles noch original gerahmte Abschlussarbeit ist zu sehen.

Warum Riehle, wird in der Ausstellung klar: Riehle ging es vor allem am Anfang seiner Karriere, deren erste Station dank eines Stipendiums Paris war, nicht ums Dokumentieren, sondern um Abstraktion und Einfühlung.

Dass Riehle trotzdem auch, wie die Becher-Schüler, seriell arbeiten wollte und konnte, spiegelt sich in der zwischen 1994 und 2002 entstandenen Reihe der Rheinbrücken wieder. Darum dreht sich auch eine der wenigen Publikationen zum Werk des Fotografen. 77 Brücken hat Riehle fotografiert, 44 aus dem von der Witwe verwalteten Nachlass sind im Siza Pavillon ausgestellt.

Daneben zeigt eine Fotoreihe mit Arbeitsabzügen samt handschriftlicher Notizen zu Mies van der Rohes "Haus Lange" in Krefeld (1977), wie Riehle auf der Suche nach der perfekten Bildgebung arbeitete. Und das ist irgendwie ja die perfekte Überleitung zum 100-jährigen Bauhaus-Jubiläum im kommenden Jahr, in dem ja auch Haus Lange wiedereröffnet wird.

"Tomas Riehle. Fotografie" ist noch bis zum 1. Juli 2018 in der Raketenstation auf dem Komplex der Museumsinsel Hombroich zu sehen. "Polyphon" in der fußläufig bequem erreichbaren Langen Foundation läuft noch bis zum 19. August.

Stand: 16.04.2018, 09:58 Uhr