Fotos ohne Kamera: Thomas Ruff im K20

Fotos ohne Kamera: Thomas Ruff im K20

Von Thomas Köster

Thomas Ruff ist einer der bedeutendsten Fotokünstler der Welt. Dabei nimmt er eigentlich nie eine Kamera zur Hand. In einer großen Überblicksschau im K20 der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf sind nun Arbeiten Ruffs der letzten 20 Jahre zu sehen. Wir waren in der Ausstellung. Und haben Ruff im Atelier besucht.

"Ein Foto ist nicht nur ein Foto. Ein Foto ist eine Behauptung." Und diese "Behauptung", also die Sicht auf die Wirklichkeit, gilt es mit anderen Fotos zu überprüfen. Das ist der Antrieb, der Thomas Ruff - hier in seinem Atelier - seit seiner Ausbildung in der berühmten Becher-Klasse der Düsseldorfer Kunstakademie Ende der 1970er Jahre leitet.

Um die oft blendende Schönheit und die Bedeutung fotografischer Techniken aufzudecken, steigt Ruff in Archive oder wählt aus dem Internet seine Bildquellen aus, die er dann am Computer teils mit Hilfe von Hochleistungsrechnern zu seinen Großformaten verfremdet. Im K20 sind jetzt rund 150 Werke der letzten zwei Jahrzehnte zu sehen. Auch eher unbekannte. ("m.n.o.p." und "w.g.l." 2013/2017)

Dabei arbeitet Ruff immer in Serien. Denn: "Um die Richtigkeit dieser Behauptung eines Fotos zu prüfen, reicht eben ein Foto nicht aus. Ich muss das an mehreren Fotos überprüfen." ("nudes", seit 1999)

Dabei geht es unter anderem um den weltverfälschenden Aspekt bildnerischer Propaganda oder die kapitalistische Inszenierung industrieller Produktion. ("Maschinen", 2003-2005)

Aber auch um die Bedeutung fotografischer Techniken ("Retuschen", 1995) ...,

... den Umgang mit dem Medium etwa in Presseagenturen ("press+++", seit 2015) ...

oder die "identitätsstiftende" Rolle des politisch manipulativen Porträts. ("Zeitungsfotos", 1990/1991)

Sinnfällig wird diese Überprüfung fotografischer "Behauptungen" vor allem in Ruffs jüngster Arbeit "Tableaux chinois", die in Düsseldorf erstmals ausgestellt ist: Ruffs verpixelte und durch Unschärfen verfremdete Interpretationen kommunistischer Propagandabilder aus China. Ein lässiger "Großer Führer" Mao, glücklich telefonierende Soldatinnen oder kochende Soldaten in einer kitschigen Naturidylle.

Gefunden hat Ruff die Vorlagen seiner seit 2019 entstehenden Serie in Mao-Büchern und in der weltweit von der kommunistischen Partei Chinas verbreiteten Zeitschrift "La Chine". Hinzu kommen unzählige im Internet ersteigerte chinesische Hochzeitsfotos.

Es ist eine merkwürdig idealisierte Welt, die dem Betrachter von den Fotos entgegenglänzt. "Die Originale sind schon derart lächerlich, dass ich nur noch einen kleinen Touch draufgeben musste, um sie endgültig lächerlich zu machen", sagt Ruff.

Aber diese kleinen Retuschen decken auf, was die Propaganda übertüncht. Und sei es nur Maos Zigarette, die, im Original Teil der Inszenierung, bei Ruff im Pixelraster zu rauchigem Rauschen verpufft.

Die Hängung seiner großen Ausstellung im K20 der Kunstsammlung NRW hat der inzwischen 62-jährige Ruff in seinem Atelier am Modell entwickelt und dann unter anderem gemeinsam mit Kurator Falk Wolf vor Ort näher ausgefeilt.

Im Atelier entschied sich auch schon früh, welche der dort gelagerten Werke in die Ausstellung sollen. Dieses Bild aus der zwischen 2010 und 2014 entstandenen Serie "m.a.r.s." zum Beispiel, die auf detaillierten Schwarzweiß-Aufnahmen der Marsoberfläche einer Raumsonde der NASA basieren, hat es nicht geschafft ...

... denn in Düsseldorf sind vor allem Werke der Reihe zu sehen, die man eigentlich nur mit 3D-Brille richtig wahrnimmt. So kann der Betrachter eintauchen in eine von Ruff nachkolorierte Marsoberfläche, die wir bisher nur von Fotos kennen, die ein Roboter gemacht hat. Die als Datensatz von einem durchschnittlich 228 Millionen Kilometer entfernten Planeten zu uns gekommen sind. Und deren Farbigkeit eine "Behauptung" ist, die wir nicht überprüfen können.

Und dann gibt es noch betörend schöne Fotos, mit denen Ruff die alte Technik des so genannten Fotogramms weiterdenkt: Also jener Fotografien, die seit alters her ohne Kamera, etwa durch Belichtung von Dingen direkt auf dem Fotopapier in der Dunkelkammer entstehen.

Nur, dass Ruff natürlich eine virtuelle Dunkelkammer samt 3D-Programm genutzt hat, um die direkte Belichtung von Gegenständen am Computer simulieren - und die Fotos dann später auch vergrößern - zu können.

Schon allein diese berauschende Serie lohnt den Besuch.

So spielt Ruff - ebenso wie in der Serie "Negative" - auch mit den Möglichkeiten von 170 Jahren Fotografiegeschichte. Und wird durch die Düsseldorfer Schau seinem Ruf als "Historiker des Fotografischen" (Herta Wolf) gerecht.

Wer schon einmal vor Ort ist, der sollte übrigens im K20 unbedingt auch in die parallel eröffnete Ausstellung "Technology Transformation" gehen. Hier sind Werke aus den eigenen Beständen versammelt, die sich mit der künstlerischen Fotografie und technischen Bildgebungsverfahren auseinandersetzen.

Da gibt es großartige Arbeiten von Boris Mikhailov, Ed Atkins oder Gillian Wearing (siehe Foto), ...

... aber auch Arbeiten von Ruffs "Kolleg*innen" in der Becher-Klasse wie Andreas Gursky, Thomas Struth oder Candida Höfer (im Bild).

Und wer in der großen Ruff-Schau die Sternenbilder des Fotokünstlers oder seine sachlich kühlen Porträts von Kommilitonen an der Düsseldorfer Kunstakademie vermisst, mit denen Ruff in den 1980er Jahren berühmt geworden ist, der kommt hier auf seine Kosten.

"Thomas Ruff" läuft noch bis zum 7. Februar 2021 im K20 der Kunstsammlung NRW. "Technology Transformation. Fotografie und Video in der Kunstsammlung" endet schon zwei Wochen früher.

Stand: 11.09.2020, 13:00 Uhr