Böse Buben, brennende Mädchen: "Struwwelpeter" in Oberhausen

Böse Buben, brennende Mädchen: "Struwwelpeter" in Oberhausen

Von Thomas Köster

Vermutlich ist der "Struwwelpeter" das berühmteste Bilderbuch der Welt. Zum 125. Todestag seines Erfinders Heinrich Hoffmann zeichnet eine Ausstellung in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen nun seine Geschichte nach. Bis in die Gegenwart.

Der Struwwelpeter, Ludwiggalerie Schloss Oberhausen 2019 (Ausstellungsansicht)

Ende 1844 streift der Nervenarzt Heinrich Hoffmann auf der Suche nach einem Weihnachtsgeschenk für seinen dreijährigen Sohn Carl Philipp durch die Buchhandlungen von Frankfurt am Main. In den Regalen aber findet er nur "lange Erzählungen oder alberne Bildersammlungen, moralische Geschichten, die mit ermahnenden Vorschriften begannen und schlossen." Da wird der liberale Geist nicht fündig ("Musterbilder zur Lehre und Warnung für Kinder", 1865).

Ende 1844 streift der Nervenarzt Heinrich Hoffmann auf der Suche nach einem Weihnachtsgeschenk für seinen dreijährigen Sohn Carl Philipp durch die Buchhandlungen von Frankfurt am Main. In den Regalen aber findet er nur "lange Erzählungen oder alberne Bildersammlungen, moralische Geschichten, die mit ermahnenden Vorschriften begannen und schlossen." Da wird der liberale Geist nicht fündig ("Musterbilder zur Lehre und Warnung für Kinder", 1865).

Kurzentschlossen beginnt Hoffmann, selbst zu schreiben: über Kinder, die für ihren Ungehorsam auf teils grausige Art und Weise bestraft werden. Freunde raten ihm, das Manuskript zu veröffentlichen. Was Hoffmann tut. Damit setzt er ein Bilderbuch in die Welt, das dem Idealbild des braven Kindes seiner Epoche komplett zuwiderläuft.

Das Zeichnen hat Hoffmann sich beigebracht, um Zugang zu seinen kleinen Patienten zu bekommen: "Da nahm ich rasch das Notizbuch aus der Tasche, ein kleiner Bube mit dem Bleistift schnell hingezeichnet, und nun wird erzählt, wie sich der Schlingel nicht die Haare, nicht die Nägel schneiden lässt. Das frappiert den kleinen Desperaten derart, dass er schweigt, hinschaut, und mittlerweile weiß ich, wie es mit dem Pulse steht, wie seine Temperatur sich verhält, ob Leib und Atmung schmerzhaft ist - und der Zweck ist erreicht."

Noch heute werden Kinder in aller Welt mit dem inzwischen von fremder Hand gezeichneten sich selbst entzündenden Paulinchen, dem aus Trotz verhungernden Suppenkaspar und dem offenbar unter einer Hyperaktivitätsstörung leidenden Zappel-Philipp groß. Warum dem so ist – und was die Faszination des "Struwwelpeter" bis heute ausmacht – zeichnet die Ausstellung in Oberhausen nach (Angela Bugdahl, "Die Geschichte vom Suppenkaspar", 2004).

Vom Urmanuskript über die gültige Endfassung, die ihre Zeichnungen vermutlich dieser russischen Variante verdankt, bis hin zu den zahlreichen – "Struwwelpeteriaden" genannten – Umarbeitungen und Merchandising-Produkten hat Kuratorin Linda Schmitz einen bunten Strauß zur Entwicklungs- und Rezeptionsgeschichte von Hoffmanns Klassiker zusammengestellt (Stepka Rastrepka, "Die Geschichte vom bösen Friederich", 1849).

"Bis heute ist der 'Struwwelpeter' ein Klassiker der deutschen Kinderliteratur", sagt Schmitz. "Aber wir sind kein Hoffmann-Fanclub. Uns ging es darum, die ganze Bandbreite von der Entstehung bis hin zu den Comicadaptionen der heutigen Zeit zu zeigen. Kritik inklusive."

Gerade auch die "schwarze Pädagogik" des Buchs, in dem die ungezogenen Kinder teils grausamste Tode sterben, inspirierte Künstler immer wieder auch zu Gegendarstellungen. Die bekannteste ist wohl der "Der Anti-Struwwelpeter" (1970) von F.K. Waechter, der ganz im Stil der antiautoritären Erziehung gegen elterliche Autoritäten opponiert.

Hier sorgt zum Beispiel nicht der Zappel-Phillip, sondern der garstige Vater vom Suppenkaspar für familiäres Chaos.

Dabei wird gern vergessen, dass der Autor, der als Wegbereiter der modernen Jugendpsychiatrie gilt, in guter Absicht handelte: In Zeiten mangelnder Hygienestandards konnte selbst das Daumenlutschen tödlich sein.

Und wer weiß, wo unsere Welt heute stünde, wenn ihre größten Männer früher Daumenlutscher gewesen wären (Angela Bugdahl, "Die Geschichte vom Daumenlutscher", 2004).

Ansonsten reicht der zeitgenössische Reigen von Illustrationen im Comic- bzw. Mangastil wie bei Atak und Fil 2009 ...

... über Verwischungen mit anderen Helden der Popkultur wie beim "Mad"-Zeichner Matthias Kringe ("Der Struwwel-Vader") ...

... bis hin zu den typographischen Kunstwerken von Hans Witte, der die Geschichten und einprägsamen Sätze des Buchs ("Sieh einmal hier steht er, Pfui! der Struwwelpeter!") auf wundervolle Art und Weise auf ihre Grundessenz reduziert ("Der typographische Struwwelpeter", 2008).

Und dann wird im oberen Geschoss auch noch gezeigt, wie es vom Struwwelpeter angefangen weltweit weiterging.

Bis heute gilt übrigens vor allem eine Geschichte als vorbildlich: Die von den unbelehrbaren bösen Buben, die einen "Mohren" verhöhnen und deshalb vom Nikolaus zur Strafe im Tintenfass zu schwarzen Schatten ihrer selbst gemacht werden. Das ist natürlich immer noch latent rassistisch, taugt aber trotzdem für illustrative Anti-Nazi-Kampagnen.

Von hier aus lässt sich der Struwwelpeter endlos weiterdichten. Denn wenn sich die weißen Bösewichter als "Tintenbuben" integriert haben, kommt von irgendwo her sicher wieder jemand anderes, gegen den man sich verbünden kann (Karsten Teich, "Die Geschichte von den schwarzen Buben", 2013).

Und manchmal muss man auch ein wenig rätseln. Um welche in digitale Zeiten transponierte Geschichte mag es im Gemälde von Angela Bugdahl von 2007 wohl gehen? Ein kleiner Tipp: Die drei Fische auf dem T-Shirt sind wichtig. Und auf dem zwischen Ich und Welt wie eine Waffe geschobenen Handy steht "Hanns".

"Der Struwwelpeter. Zappel-Philipp, Paulinchen und Hanns Guck-in-die-Luft zwischen Faszination und Kinderschreck von Hoffmann bis Böhmermann" ist noch bis zum 12. Januar 2020 in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen zu sehen. Zur Ausstellung ist ein reich bebilderter Katalog erschienen.

Stand: 19.09.2019, 09:17 Uhr