Im Energiezentrum von Mary Bauermeister

Im Energiezentrum von Mary Bauermeister

Von Thomas Köster

In den 1960er Jahren war das Kölner Atelier von Mary Bauermeister Keimzelle der Fluxusbewegung. Inzwischen hat sich die fast 85-jährige Künstlerin, die gerade noch für ihre Ausstellung in New York gefeiert wurde, ins Oberbergische zurückgezogen. Und ist immer noch voller Schaffenskraft.

Mary Bauermeisters Atelier im Oberbergischen Land, 2009

Mary Bauermeister ist aus New York zurück. Gerade ist dort ihre umjubelte Einzelschau zu Ende gegangen. In einer weiteren Austellung im Guggenheim sind ihre Werke noch bis 2020 zu sehen. Die Reise hat ihr Kraft gegeben. Je größer die Anstrengung, so scheint es, desto größer ist Bauermeisters Energie.

Mary Bauermeister ist aus New York zurück. Gerade ist dort ihre umjubelte Einzelschau zu Ende gegangen. In einer weiteren Austellung im Guggenheim sind ihre Werke noch bis 2020 zu sehen. Die Reise hat ihr Kraft gegeben. Je größer die Anstrengung, so scheint es, desto größer ist Bauermeisters Energie.

"In meiner Kunst ist mein Tatendrang der rote Faden", sagt Bauermeister. "Oder mein Tatenzwang. Von Kindheit an verspürte ich Glückseligkeit beim Schaffen." Dieser Tatendrang hat sie gut durch alle Lebenskrisen getragen: Im September wird Bauermeister 85 Jahre alt. Und sprüht trotz aller Widrigkeiten nur so vor neuen Ideen.

In ihren Ateliers strickt Bauermeister an diesem Lebensfaden unermüdlich weiter. Anfangs in der Kölner Lintgasse 28, wo sie Mitte der 50er Jahre die Fluxus-Bewegung mit begründete. Dann für Jahrzehnte in Rösrath, nach der Ehe mit Karlheinz Stockhausen, alleinerziehend mit vier Kindern. Und jetzt, im Alter, in Reichshof-Oberagger im Oberbergischen Land.

Um den ehemaligen Bauernhof mit seinem historischen Backhaus zu finden, lieh sich Bauermeister vor rund acht Jahren ein Handy. Dann fuhr sie los. Erst als kein Empfang mehr da war, machte sie sich auf die Suche. Beim Kommunizieren sollte ihr keine Technik im Weg stehen. Bauermeisters Funkmasten sind darum auch rein bioligisch abbaubar.

Kunst, das ist für Bauermeister ein Dialog mit der Natur, mit dem eigenen Ich. Die Steinbilder gehören seit 40 Jahren zu diesem Zwiegespräch im Atelier dazu. Für Bauermeister hat ihr Entstehungsprozess eine unmittelbar mystische, im besten (oder schlimmsten) Fall sogar heilende Kraft. "Wenn ich krank bin, muss ich Steine kleben. Dann werde ich gesund."

Und auch an der Geschichte ihrer berühmten Linsenkästen schreibt die Künstlerin im Oberbergischen noch immer fort. Ihre charakteristischen Holzkisten mit Glaselementen, Linsen und Prismen machten Bauermeister in den 60er Jahren zu einer Art Fräuleinwunder der New Yorker Kunstszene. Auch die Linsenkästen sind ein Spiegel ihrer selbst: "Wenn ich einen sehe, weiß ich sofort, in welcher Stimmung ich war, als ich ihn machte."

Die Linsen der Kästen brechen die mit Tusche geschriebenen Worte und Zeichnungen je nach Blickwinkel. Und stellen sie so immer wieder in Frage. "1 + 1 = 3" lautet eine Formel, die darauf immer wieder auftaucht, auch bei den Exemplaren in Oberagger. "Ich mag es, Dinge zu relativieren", sagt Bauermeister. Und: "Was ich schaffe, ist nicht die künstlerische Wahrheit. Es ist nur eine Facette aus der Vielfalt unseres Lebens."

Dieser Relativismus hat viel mit Altersweisheit zu tun. Mit einer kosmischen Weltsicht. Und mit einem biografischen Blick, der auch von der oberbergischen Provinz aus aufs Universum gerichtet ist. "Alle meine Werke sind Tagebücher meines Weltverstehens, meines Welterlebens." Im Atelier wird spürbar, wie das gemeint ist.

Von Oberagger aus verfolgt Bauermeister auch ein Lebensprojekt, dass sie als ihr letztes begreift. Sie will die deutsche Flagge vom Kopf auf die Füße stellen. "Gold soll wieder oben sein: Freiheit, Licht, Transparenz. Die Erde, das Schwarze, unten." Dafür sammelt sie Stimmen für eine Petition , vielleicht reicht es ja irgendwann. Auf Bildern schafft sie schon mal Tatsachen.

Vor kurzem gab es ein Feuer im Atelier. Viele von Bauermeisters Arbeiten sind verbrannt, ein Stück Biografie vernichtet. "Das war bitter", sagt die Künstlerin. Inzwischen arbeiten Restauratoren im Garten von Bauermeisters zweitem Haus in Rösrath daran, zumindest die Steinbilder von Ruß zu befreien und abgesprungene Steine wieder anzukleben.

Vom Brand verschont blieb übrigens die Scheune des Anwesens. Auf deren Bühne hat Bauermeister früher Lesungen, Theaterstücke und Konzerte organisiert. Jetzt lagern hier Werke befreundeter Künstler, die Bauermeister seit jeher mit einem Zehntel ihrer Einnahmen unterstützt. Aber auch riesige eigene Werke. Sie alle sind unversehrt geblieben.

Ein Glück.

Stand: 12.08.2019, 09:02 Uhr