Im Kölner Atelier von David Ostrowski

Im Kölner Atelier von David Ostrowski

Von Thomas Köster

Noch vor fünf Jahren erzielten die Bilder von David Ostrowski in New York schon mal 100.000 Dollar. Dabei war darauf fast nichts zu sehen. Und der Künstler gerade einmal 33. Zum Glück hat der scheue Maler dem Hype getrotzt. Und ist in sein Kölner Atelier zurückgekehrt. Wir durften rein.

Atelier des Malers David Ostrowski in Köln, 2019

David Ostrowski will sich nicht porträtieren lassen. Das klingt nach Attitüde, ist aber gut begründet. "Ich finde die Möglichkeit spannend, ausschließlich das, was ich mache, als visuelles Sprachrohr wirken zu lassen, und nicht mich als Person, die dahintersteht. Da sollen keine anderen Assoziationen entstehen. Auch nicht durch mein Gesicht."

David Ostrowski will sich nicht porträtieren lassen. Das klingt nach Attitüde, ist aber gut begründet. "Ich finde die Möglichkeit spannend, ausschließlich das, was ich mache, als visuelles Sprachrohr wirken zu lassen, und nicht mich als Person, die dahintersteht. Da sollen keine anderen Assoziationen entstehen. Auch nicht durch mein Gesicht."

Das macht es dem Betrachter im besten Sinne schwer. Denn Assoziationen wecken auch Ostrowskis Bilder ganz bewusst kaum. Viel Weiß mit etwas Schwarz als Rahmen, einsame Farbstriche aus der Sprühflasche, wie hingekritzelt, aber doch gezielt gesetzt. Während im Atelier das nackte Chaos herrscht, regiert auf den Bildern konsequente Leere. Selbst die Kunstgeschichte hilft kaum weiter. Und auch das hat einen guten Grund.

"Die Idee war, beim Nullpunkt anzufangen", sagt Ostrowski, der an der Düsseldorfer Kunstakademie Meisterschüler Albert Oehlens war und eigentlich aus dem Bereich der Grafik kommt. "Beim Strich." Für Ostrowski "ein Versuch, die Malerei neu zu denken. Etwas zu schaffen, was man in dieser Form noch nicht gesehen hat. Und sich selbst zu überraschen. Das bleibt ja immer so die Hoffnung."

Nullpunkte gab es schon einige in Ostrowskis Leben. Vor einigen Jahren fiel ein Großteil seines Werks einem Brand zum Opfer. Und nach seiner New Yorker Hyperzeit – samt gesponsortem Atelier in Brooklyn mit Blick auf die Freiheitsstatue – musste der eher scheue Künstler "die Notbremse ziehen, damit es wieder leiser wird". Verbrannt oder verheizt zu werden war vermutlich ähnlich schlimm.

"Ich will mit möglichst wenig Mitteln das Meistmögliche erzeugen", sagt Ostrowski. Er fragt sich: Wie viel kann man wegnehmen, vom Wissen, vom Strich und von der Farbe? "Von diesem ganzen Ballast an Informationen" – bevor das Bild plötzlich aufhört, Bild zu sein? An dieser aufregenden Grenzscheide bewegen sich Ostrowskis Bilder. Und polarisieren.

Der Effekt ist gewollt. Denn Ostrowski spielt mit der absurden Idee in unseren Köpfen, dass Kunst von Können kommt. Auch in seiner "F"-Werkgruppe, die das "Fail" – oder das "Fuck"? – bereits im Titel trägt. "Ich will, dass man meine Kunst super oder ganz schlecht findet. Mit der Mitte kann ich nicht leben."

Das, was Ostrowski dabei im Betrachter erzeugt, hat auch viel mit Humor zu tun. "Humor als Waffe", wie er das nennt. Der Witz ist, dass das Bild dabei ohne platte Pointe bleibt. Das ist klug gemacht, und ein wenig auch als politisches Statement gemeint. Es sei schon "toll und erstaunlich", wie seine Werke in unserer postmodernen, postfaktischen Zeit noch provozieren können, sagt Ostrowski. Dem kann man eigentlich nur beipflichten.

"Das Atelier ist mein Rückzugsort, wo ich ungestört meiner Sache folgen kann", sagt Ostrowski. Ein hermetischer Schaffenskosmos, "wo ich laut Musik aufdrehe, damit sich die Synapsen verschalten". Selbst Dreck, Farbspritzer oder das zum Testen des Sprühstrahls benutzte Papier gehören zum Malprozess. Und werden in die Bildschichten integriert.

Denn das, was man sieht auf Ostrowskis abstrakten Bildern, ist nicht das, was tatsächlich da ist. "Auf den übermalten Flächen toben wahre Materialschlachten", sagt der Kölner Künstler. "Das Ergebnis vorne ist nur die scheinbare weiße Friedensfahne dieses Kriegs." Das wirkt äußerst kontemplativ und faszinierend, wenn man es zulässt. Oder eben, wenn man sich verweigert, irritierend.

Bisweilen pendelt auch Ostrowski hin und her. "Manchmal gehe ich im Bewusstsein aus dem Atelier, ein Meisterwerk geschaffen zu haben. Und dann komme ich zurück und merke, dass ich völlig falsch lag." Dann wird weiter verworfen, zerlegt, übermalt. Bis das Bild endlich fertig ist. Und wann ist es fertig? "Wenn ich nichts mehr zu sagen habe." Wenn also ein Rest im Schweigen bleibt.

Manchmal dauert es nur einen glücklichen Augenblick, ein paar Sekunden, bis die malerische Geste sitzt. "Bis die Dinge zum Nullpunkt getrieben und damit gültig sind." Manchmal braucht es ein Jahrzehnt. Wie bei den Eulenbildern aus figürlicher Vorzeit (hier das erste von 2009): "Damals wollte ich einfach etwas malen, was mich beim Malen beobachtet."

Vor kurzem hat Ostrowski einige der Eulenbilder wieder in New York gezeigt – und andere durch Übermalungen für eine Ausstellung in Paris abstrahiert. Aber eigentlich sind selbst die mehr oder weniger realistisch gemalten Vögel für ihn abstrakt. "Weil mich Eulen nicht interessieren. Ich nutze die Eule eher als Formhülle."

Momentan ist ein neuer (kleiner) Nullpunkt erreicht. Ostrowski ist gerade mit Familie aus dem Urlaub zurückgekommen. Jetzt muss er sich Gedanken für eine Gruppenausstellung machen, die im September im Kölner Ausstellungsraum "Braunsfelder" gezeigt werden soll. Da braucht es neue Bilder. Darauf wird wohl wieder Strich und Leere sein. Das Nichts als Chaos eben. Spannend. Und einfach grandios.

Stand: 20.08.2019, 09:00 Uhr