Die abstrakte Kunst Sean Scullys in Münster

Die abstrakte Kunst Sean Scullys in Münster

Von Thomas Köster

Gitter, Flächen, klare Farben: Die abstrakte Kunst des irischen Malers Sean Scully wirkt auf den ersten Blick recht einfach. Aber sie ist hoch emotional. Zauberhaft komplex. Und, wie man in Münster erleben kann, gefüllt mit Biografischem.

Sean Scully

"Nichts ist abstrakt", sagt Sean Scully. "Es ist immer noch ein Selbstbildnis". Dieses Statement verwundert – bei einem Künstler, der als einer der wichtigsten Vertreter der Abstraktion in der Gegenwart gilt. Tatsächlich aber sind die Bilder des irischen Malers, der mit vier Jahren nach London kam und seine Kunst in den Siebzigern in den USA vervollkommnete, eng mit seiner Biografie verknüpft.

"Nichts ist abstrakt", sagt Sean Scully. "Es ist immer noch ein Selbstbildnis". Dieses Statement verwundert – bei einem Künstler, der als einer der wichtigsten Vertreter der Abstraktion in der Gegenwart gilt. Tatsächlich aber sind die Bilder des irischen Malers, der mit vier Jahren nach London kam und seine Kunst in den Siebzigern in den USA vervollkommnete, eng mit seiner Biografie verknüpft.

So haben die zunächst vorwiegend grau-schwarzen Gitterstrukturen aus horizontalen und vertikalen Linien, die Scully in bewundernswerter Konsequenz immer wieder verwendet und variiert, ihren Ursprung unter anderem in den Straßenschluchten New Yorks - einer Stadt, in der Scully 1977 seine erste Einzelschau hatte.

Rund fünf Jahre dauerte die Phase dieser "Black Paintings" an.

Bei näherer Betrachtung sieht man, dass diese "Black Paintings" gar nicht schwarz sind – sondern durch die vielfachen Schichtungen des Bildes immer auch wieder zart Farbiges durchschimmert.

Näher hinzuschauen empfiehlt sich auch bei jenen bunten Bildern, deren Linien Felder assoziieren...

... oder eben den Horizont zwischen Land oder Meer und dem Himmel.

"Ich sah mir immer die Horizontlinie an – die Art, wie das Ende des Meeres den Anfang des Himmels berührt", sagt Scully. "Ich denke an Land, Meer, Himmel. Und immer gehen sie diese mächtige Verbindung ein. Ich versuche das zu malen."

Aber eigentlich ist es gar kein Denken. Eigentlich ist es eher ein Fühlen angesichts dieser Größe des Horizonts, die Scully malen will. In Münster sind keine kühlen Abstraktionen zu sehen, sondern hoch emotionale Kunst. "Ich wollte, dass die Bilder den Menschen wieder berühren. Ich wollte Metaphern, das Erzählende."

So ist jedes Werk für Scully "ein Bildnis des eigenen Zustands". Das kann man eigentlich nicht beschreiben, nicht mal fotografieren. Das muss man vor Ort tatsächlich selbst erleben.

Fast 100 Werke von den 1960er Jahren bis in die Gegenwart sind in Münster zu sehen. Eine bessere Gelegenheit dieser Berührung mit Scullys Kunst als in der wundervollen Architektur dieses Museums kann es eigentlich kaum geben.

Auch der Titel "Vita Duplex", der sich auf eines der Hauptwerke Scullys bezieht, ist dabei klug gewählt. Denn eben diese Dopplungen und Doppeldeutigkeiten kann man bei Scullys Kunst, die - malerisch oder skulptural - ja immer wieder auch aus der Fläche herausaustritt, erleben.

Es ist eine Doppeldeutigkeit zwischen Kunst und Wirklichkeit, Werk und Leben, Konkretion und Abstraktion, malerischem Duktus und Struktur, zweiter und dritter Dimension.

Eine echte Entdeckung der Schau sind übrigens die drei Skulpturen, die vorher in London standen und nun erstmals in Deutschland zu sehen sind. Auch ihre Geschichte lässt sich durchaus im metaphorischen Sinne lesen, denn ...

... wegen der unbestimmten Auswirkungen des als Damoklesschwert auch über der Kunstwelt schwebenden Brexit auf die Ausfuhrbestimmungen haben die Macher von "Vita Duplex" die teils fast fünf Meter hohen und elf Tonnen schweren Werke schon vor Wochen nach Münster geholt.

Ansonsten erzählen auch sie im Verborgenen wieder Geschichten, die mit Scullys Biografie verwoben sind: Ihre Schichtungen verweisen auf die Kindheit des Künstlers, in der Scully am Abend jene Türme aus Kupfergeld auf dem Esstisch abzählen durfte, die sein Vater, ein Friseur, tagsüber eingenommen hatte.

Neben den politischen und biografischen Bezügen deckt die Münsteraner Schau auch auf, wie brillant Scully seine Positionen in Sprache zu fassen weiß – und was für ein guter Essayist er ist.

Die Bezüge zur deutschen Kunst von der Romantik bis zum Expressionismus deckt die Ausstellung dezent dadurch auf, dass sie Werke Scullys in ihrer ständigen Sammlung mit den eigenen Beständen in Dialog treten lässt.

Hier finden sich auch sechs vom Museum angekaufte "iPhone-Prints", die belegen, dass Scully nicht bei der klassischen Malerei stehen geblieben ist, sondern sich in den letzten Jahren auch der modernen Technik geöffnet hat. Hier zeigt der Künstler, wie es geht.

"Sean Scully. Vita Duplex" ist noch bis zum 8. September 2019 im LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster zu sehen.

Zur Ausstellung ist nicht nur ein umfangreicher und sehr lesenswerter, schön gestalteter und gedruckter Katalog erschienen, sondern auch ein Band mit Scullys Schriften.

Stand: 04.05.2019, 09:00 Uhr