Kunst der Kohle. "Die schwarze Seite" in Duisburg

Kunst der Kohle. "Die schwarze Seite" in Duisburg

Von Thomas Köster

Ein Altar aus Grubenhelmen, ein letztes Abendmahl mit Tellerporträts von Kumpeln und ein Denkmal für das letzte Zechenpferd: In einer großartigen Ausstellung im DKM zeigen Künstler, wie die Kohle das Leben und Denken im Ruhrpott geprägt hat.

Die schwarze Seite, Museum DKM, Duisburg 2018 (Ausstellungsansicht)

Während sich das fußläufig entfernte Lehmbruck-Museum dem Reichtum widmet, den die Kohle dem Ruhrpott brachte, wendet sich die Ausstellung im Museum DKM der identitätsstiftenden Wirkung der Arbeit unter Tage zu, die Alltag, Religion und Sprache umfasste. Wie bei Claudia Terstappen, die aus alten Grubenhelmen einen nostalgischen Altar geschaffen hat ("Glück auf", 2018).

Während sich das fußläufig entfernte Lehmbruck-Museum dem Reichtum widmet, den die Kohle dem Ruhrpott brachte, wendet sich die Ausstellung im Museum DKM der identitätsstiftenden Wirkung der Arbeit unter Tage zu, die Alltag, Religion und Sprache umfasste. Wie bei Claudia Terstappen, die aus alten Grubenhelmen einen nostalgischen Altar geschaffen hat ("Glück auf", 2018).

Am Geburtstag der Schutzpatronin der Bergleute, der Heiligen Barbara, hatte das Museum die Bevölkerung aufgerufen, ihre Barbara-Statuen vorbeizubringen. In Terstappens Installation werden sie nun in ihrer ganzen Vielfalt vom Licht der ausgedienten Helme beschienen. Ein Vogelkäfig erinnert an die lebensrettende Funktion der Kanarienvögel, die durch ihren Tod unter Tage den Austritt des giftigen Kohlenmonoxids signalisierten.

Flankiert wird Terstappens "Glück auf" von einer Installation gleichen Namens, die erstmals 1991 bei der Schließung der Zeche Rheinpreußen in der Waschkaue in Moers gezeigt wurde und im DKM in einer abgespeckten Version zu sehen ist. Damals ist Terstappen noch einmal unter Tage gefahren und hat die Porträts der Kumpel, die sie damals kennenlernte, auf Tellern zu einem letzten Abendmahl drapiert.

An der Wand stehen die Duisburger Zechennamen: Ein trauriger Abgesang an eine das ganze Ruhrgebiet – und eigentlich die ganze Welt – prägenden Epoche, die in Deutschland im Dezember 2018 mit der Schließung von Prosper Haniel in Bottrop zu Ende gehen wird. Und die das individuelle Leben der Menschen über Jahrhunderte bestimmt hat.

Wie stark auch die Architektur des Ruhrgebiets vom Bergbau geprägt wurde, zeigen die seriellen Arbeiten von Götz Diergarten heraus. Im Auftrag des Museums ist der Schüler der letzten Düsseldorfer Becher-Klasse in Duisburger Zechensiedlungen gefahren. Seine Arbeiten betonen das Uniforme, in dem sich aber auch individuelle Gestaltung Bahn bricht.

Dass auch Tiere vom Bergbau betroffen waren, macht Thomas Virnich deutlich, indem er Tobias ein Denkmal aus Wachs und Pappmaché setzt: Als letztes seiner etwa 18.000 Ruhr-Kollegen wurde das Grubenpferd 1966 nach zwölf Jahren Maloche auf Zeche General Blumenthal in Recklinghausen in Pension geschickt. Moderne Fördertechnik hatte seine Arbeit überflüssig gemacht.

Veraltet, aber dafür voll metaphorischer Strahlkraft ist die Installation "Der Lichthof" (1984) des Schweizer Künstlers Hannes Vogel. Sie nimmt Bezug auf jenen Raum in den linksrheinischen Kohlebergwerken am Niederrein, an dem die Kumpel wieder Tageslicht erblickten und der Lohn ausgezahlt wurde. Was bleibt, sind Erinnerungen. Und eben Rauschen.

Das Alte und das jetzt schon wieder veraltete Neue stellt der Berliner Maler Sven Drühl, der im DKM auch schon eine Einzelausstellung hatte, in zwei großformatigen, tief schwarzen und nur aus der Nähe entzifferbaren Gemälden dar. Hier der von Schienen gesäumte Schacht mit seinen Holzbohlen. Auf dem anderen Bild bricht sich der Bagger einer moderne Förderanlage Bahn.

Der ganzen Erdgeschichte und die Aggregatzustände der Kohle mitsamt ihrer Entstehung aus dem Holz sind drei Kreisarbeiten des britischen Land-Art-Künstlers Richard Long gewidmet, die für die Ausstellung im DKM zusammengetragen wurden. Sie gehören mit zum Imposantesten, was "Die schwarze Seite präsentiert.

Einer der von einem privaten Leihgeber aus den Niederlanden stammenden Ringe ist aus Anthrazitkohle des Bergwerks Ibbenbüren mit seinen immer noch rund 2.200 Beschäftigten geformt: Also jenem Bergwerk, das 2018 als vorletztes dicht machen wird. So schließt sich buchstäblich der Kreis.

Was bleibt, sind Ewigkeitskosten. Sowie – vielleicht und hoffentlich – die Sprache. Das macht eine Installation der Peter-Huchel-Preisträgerin Barbara Köhler deutlich, die unter anderem Worte aus der historisch entwickelten Fachsprache der Bergleute aufscheinen und wieder verblassen lässt. Ausgangspunkt waren Wörter aus Köhlers eigenem Sprachgebrauch, die im Bergbau eine ganz andere Bedeutung haben.

"Lethe" (2018) heißt das Werk der Lyrikerin, das an den Fluss des Vergessens aus der griechischen Mythologie erinnert. Aber wenn vom Bergbau zumindest Kunstwerke wie diese im kollektiven Gedächtnis bleiben, dann ist nicht alles verloren.

"Die schwarze Seite" läuft noch bis zum 16. September 2018 im Museum DKM in Duisburg. Und wer schon einmal da ist, sollte die rund 250 Meter bis ins Lehmbruck-Museum nicht scheuen. Dort ist noch bis zum 7. Oktober 2018 "Reichtum. Schwarz ist Gold" zu sehen (im Bild: Gereon Krebber, "Verbrannte Erde. Ich hab's ja gesagt", 2001).

Stand: 07.05.2018, 12:28 Uhr