Skulpturen-Ausstellung von Lehmbruck und Rodin in Duisburg

Skulpturen-Ausstellung von Lehmbruck und Rodin in Duisburg

Von Thomas Köster

Für den Bildhauer Wilhelm Lehmbruck war Auguste Rodin der Übervater. Von ihm übernahm er Prinzipien, um Schönheit in seinen Skulpturen neu zu definieren. Das zeigt nun eine Ausstellung im Lehmbruckmuseum Duisburg.

"Ich erfinde nichts, ich finde bloß wieder." Dieser berühmte Satz Wilhelm Lehmbrucks verweist konkret auf die Idee Michelangelos, nämlich dass die Figur als Idee im Material immer schon vorhanden sei. Michelangelo war ein großes Vorbild Lehmbrucks, wie auch Auguste Rodin, den er in Paris besuchte.

Zum 100. Todestag Lehmbrucks setzt die Ausstellung "Schönheit. Lehmbruck & Rodin" Plastiken und Skulpturen beider "Meister der Moderne" in Dialog. Die Reihenfolge der Namensnennung zeigt aber schon, wo die Prioritäten liegen: nicht bei der künstlerischen Vaterfigur Rodin, sondern beim Namensgeber des Museums.

Schönheit ist bei Rodin zunächst in der damals üblichen Art und Weise gestaltet. Auch Lehmbruck ist zunächst stark den Prinzipien des Klassizismus verbunden, vielleicht auch, weil er vom Geschmack seiner Auftraggeber abhing. Auch das zeigt die Duisburger Schau sehr deutlich.

Erst mit der überlebensgroßen "Stehenden weiblichen Figur" gelingt es ihm im Jahr 1910, sich mit neuen formalen Ansätzen aus dem Regelwerk des Klassizismus zu lösen. Angeblich ist die Plastik unmittelbar nach einem Atelierbesuch bei Rodin in Paris entstanden. Konsequenterweise eröffnet sie darum den Ausstellungsparcours.

Von hier führt ein konsequenter Weg weiter zu den für Lehmbruck typischen Körpern - mit ihren überzeichneten Gliedmaßen, die entweder nach innen oder nach oben aus ihrer Leiblichkeit zu entfliehen suchen.

Im direkten Dialog zeigt die Ausstellung "Schönheit", wie stark sich Lehmbruck von der Vaterfigur Rodin hat inspirieren lassen, so zum Beispiel von dessen Gedanken des Torsos. In Ausgrabungen gefundene Skulpturen der Antike waren durch den Verfall oftmals unvollständig. Bei Rodin wird diese "Verstümmelung" zum künstlerischen Verfahren: Beim Torso des "Schreitenden Mannes" (um 1906) wird der Ausdruck des Schreitens von den nicht mehr vorhandenen Beinen in den Oberkörper verlegt.

Der Torso mit seiner Möglichkeit zur Reduktion auf das Wesentliche spielt denn auch eine zentrale Rolle bei Lehmbruck...

... ebenso wie das Motiv der Bewegung, das Lehmbruck von Rodin übernimmt und in die großen, aber verinnerlichten Gesten seiner Plastiken und Skulpturen übernimmt (Auguste Rodin, "Eva", 1881).

Der direkte Vergleich zeigt aber auch, wie sich Lehmbruck immer mehr von seinem Vorbild Rodin zu lösen wusste. Der berühmte "Denker" des Franzosen zum Beispiel ist eine Ausgeburt grüblerischer Kraft, die aber nach einem kurzen, erholsamen Gedankengang wieder tätig werden will. Ganz anders bei Lehmbruck...

Lehmbruck bezeichnete Rodins Skulptur scherzhaft als "muskulären Körper eines Boxers" . Er setzt dem Werk seinen filigranen Denker (links) entgegen, der in sich versunken gar nicht auf die Idee käme, im nächsten Augenblick wieder aufzustehen.

Und dann haben sich in die Ausstellung auch noch Skulpturen eingeschmuggelt, die weder zu Rodin noch zu Lehmbruck gehören. Zur Jahrhundertwende entstanden zum Beispiel die unglaublich meisterhaft ausgeformten "Schwätzerinnen" von Camille Claudel. Claudel durchzieht Rodins Werk ohnehin als Muse.

Wie man längst weiß, hatte Claudel auch als Mitarbeiterin Rodins mehr Einfluss auf das Werk des Meisters, als die Kunstgeschichte lange wahrhaben wollte. So tragen auch Rodins Skulpturen den weiblichen Blick auf die Schöpferkraft der Schönheit als Stempel.

Wer durch "Schönheit" flaniert ist, sollte auf jeden Fall auch noch einmal zum Lehmbruckflügel des Museums hinüberwandern. Dieser ist, nicht nur wegen der Ausstellung, neu sortiert worden. Hier finden sich immer noch einige von Lehmbrucks wundervollsten Werken. Schönheit zum Niederknien...

... verbunden mit einer durch die Architektur von Lehmbrucks Sohn Manfred entworfenen räumlichen Ruhe, die die Figuren erst richtig atmen lässt.

"Schönheit. Lehmbruck & Rodin – Meister der Moderne" ist noch bis zum 18. August 2019 im Lehmbruckmuseum Duisburg zu sehen.

Stand: 21.03.2019, 09:00 Uhr