"Gute Aussichten": Junge deutsche Fotografie in Düsseldorf

"Gute Aussichten": Junge deutsche Fotografie in Düsseldorf

Von Thomas Köster

Unter dem Motto "Gute Aussichten" werden jedes Jahr die besten Nachwuchs-Fotokünstlerinnen und -künstler in Deutschland gekürt. Die Hochschulabsolventen stellen jetzt im NRW-Forum Düsseldorf aus. Wir haben sie getroffen - ihre Werke reflektieren "Krieg und Frieden".

Gute Aussichten: Junge deutsche Fotografie in Düsseldorf 2019/2020

Schon zum 16. Mal vergibt eine Jury, zu der in diesem Jahr auch der Fotograf Elgar Esser und der Verleger Gerhard Steidl gehörten, den undotierten Förderpreis. Aus den 82 Einreichungen von 36 Hochschulen hat sie sich unter anderem für Lukas van Bentum aus Bielefeld entschieden, der für sein Werk "Identity Negotiation" durch Kaliningrad gestreift ist, um den gelebten Widersprüchen zwischen Geschichtsbildern, Staatsdoktrin und den Wünschen seiner eigenen Generation nachzuspüren.

Schon zum 16. Mal vergibt eine Jury, zu der in diesem Jahr auch der Fotograf Elgar Esser und der Verleger Gerhard Steidl gehörten, den undotierten Förderpreis. Aus den 82 Einreichungen von 36 Hochschulen hat sie sich unter anderem für Lukas van Bentum aus Bielefeld entschieden, der für sein Werk "Identity Negotiation" durch Kaliningrad gestreift ist, um den gelebten Widersprüchen zwischen Geschichtsbildern, Staatsdoktrin und den Wünschen seiner eigenen Generation nachzuspüren.

Eher zufällig habe sich unter den Arbeiten der Preisträger das Thema "Krieg und Frieden in Zeiten globaler Desinformation" herauskristallisiert, sagen die Macher der Schau. Abgesehen davon, dass das ein sehr weitgefasstes Thema ist, trifft es auf einen Gutteil der Arbeiten ganz gut zu. Auf den "Atlas der Essenz" von Lisa Hoffmann aus Kiel zum Beispiel - der Atlas kondensiert Fotografien von Katastrophen, Kriegen und politischen Konflikten zu einem schier undurchdringbaren Tableau.

In der Düsseldorfer Schau ist zu merken, wie stark auch die junge Generation von Fotokünstlerinnen und Künstlern versucht, aus dem Dilemma des Zweidimensionalen auszubrechen - und neue Medien mit einzubeziehen. Die junge deutsche Fotografie ist oft stark installativ und multimedial ausgerichtet. Bei Larissa Rosa Lackner aus Leipzig, die mit Hilfe von Zeitzeugen, Archivmaterialien, Fotografien und Fundstücken das geheimnisvolle Leben von "Heide" in der DDR erzählt, gehört auch der Tisch zur Inszenierung.

Und Victoria Vogel aus Bielefeld zeigt Fotos koreanischer Schulmädchen, die "verführerisch uniformiert" Männerphantasien auf den Grund gehen ("The Slight Myth, 2019).

Über Kopfhörer kann man geflüsterte Verheißungen in einer Sprache hören, die man aber ebenso wenig versteht wie beizeiten die eigenen Emotionen.

Ricarda Fallenbacher aus Hamburg wiederum inszeniert einen Raum im Raum, der Selbstporträts mit Fotos der Schwester verknüpft. Und dabei die Frage nach Distanz und Nähe, objektivem Bild und subjektiver Einfühlung stellt. Dazu gehört auch eine Apparatur, die an eine klassische Großbildkamera erinnert. Tatsächlich findet sich im Innern aber ein Tablet, das sich in einem Spiegel doppelt ("Ein Bild von uns - Objektiv betrachtet", 2019).

Juliane Jaschnow aus Leipzig ist die einzige "echte" Videokünstlerin der Gruppe. Aber auch sie arbeitet installativ. Hier steht sie auf der Rückseite ihrer Projektion, die mit zur Arbeit gehört und deshalb hintergangen werden kann. Schließlich geht es auf der Vorderseite um Politik und Lug und Trug.

Ihre Installation "Rekapitulieren" inszeniert einen gefakten Reichstag irgendwo in der - russischen? - Pampa. Ein gekonntes Spiel zwischen Dichtung und Wahrheit irgendwo zwischen Re-Inszenierung und Bild-Ikone, Kulisse und Original.

Auch der letztjährige "gute aussichten"-Preisträger Malte Sänger ist in der Ausstellung vertreten. Er hat ein Projekt- und Arbeitsstipendium erhalten, mit dem er seine neue Arbeit "DAEMON" realisieren konnte.

Gleich nebenan hat zeitgleich die Ausstellung der belgischen Magnum-Fotografin Bieke Depoorter eröffnet, die über Jahre mit ihrer Kamera Menschen porträtiert, denen sie oft zufällig begegnet ist - und damit nicht zuletzt die Frage stellt, ob und wie man Menschen durch Beobachtung mit Hilfe des "dokumentarischen" Mediums der Fotografie künstlerisch nahekommen kann. Im Hintergrund links schreibt die Performerin "Agata" Texte unter jene Bilder Depoorters, die von ihr erzählen.

Depoorter hat Agata in einen Stripclub in Paris kennen gelernt. Inzwischen sind die Frauen miteinander befreundet. Die dank der Texte der Protagonistin installativ wirkende Fotoserie beruht auf der Vereinbarung "einander zu nutzen", also auf Augenhöhe miteinander zu kommunizieren. Das spiegelt sich in den Bildern ebenso wider wie in den anderen Serien.

Apropos "Dialog": Im Obergeschoss des NRW-Forums werden in der Reihe "Made in Düsseldorf" Fotografien von Wolfgang Tillmans mit Gemälden von Natscha Schmitten aus den Beständen der Stadtsparkasse Düsseldorf konfrontiert. Vielleicht die konventionellste der drei Ausstellungen, aber auf jeden Fall auch sehenswert.

Die Ausstellungen "Gute Aussichten. Junge deutsche Fotografie 2019/2020" und "Bieke Depoorter 2015-2019" sind noch bis zum 16. Februar 2020 im NRW-Forum Düsseldorf zu sehen. "Made in Düsseldorf #2. Natascha Schmitten / Wolfgang Tillmans" endet am 6. Januar 2020 (im Bild: Preisträger Markus Seibel vor seiner Arbeit "Europas Herbst", 2012-2019).

Stand: 21.11.2019, 12:00 Uhr