Mit Schatten spielen. "Schnittstelle" in Bonn

Mit Schatten spielen. "Schnittstelle" in Bonn

Von Thomas Köster

Im neuen Anbau des August-Macke-Hauses ist die Kunst bis November ein Schatten ihrer selbst. Und das ist gut so. Denn die zeitgenössischen Scherenschnitte und Papiercollagen sind wundervoll. Wie ihre ebenfalls gezeigten rheinischen Vorbilder.

Schnittstelle. Cut-Out trifft Schattenriss, August-Macke-Haus, Bonn 2018 (Ausstellungsansicht)

Ende 2017 wurde der moderne Erweiterungsbau zum ehemaligen Atelier- und Wohnhaus von August Macke abgeschlossen, jetzt wird mit "Schnittstelle" die erste Ausstellung in den neuen Räumen präsentiert. Gezeigt werden vor allem zeitgenössische Positionen zum Thema Scherenschnitt und Schattenbild. Und das ist überraschend vielseitig (Felix Droese: "Antiterroreinheit - unterwegs zu einem Begräbnis der Kunst", 1992-2000).

Ende 2017 wurde der moderne Erweiterungsbau zum ehemaligen Atelier- und Wohnhaus von August Macke abgeschlossen, jetzt wird mit "Schnittstelle" die erste Ausstellung in den neuen Räumen präsentiert. Gezeigt werden vor allem zeitgenössische Positionen zum Thema Scherenschnitt und Schattenbild. Und das ist überraschend vielseitig (Felix Droese: "Antiterroreinheit - unterwegs zu einem Begräbnis der Kunst", 1992-2000).

"In seiner Linienhaftigkeit macht der Schnitt sowohl Raum wie auch Zeit erfahrbar", sagt Andreas Kocks. "Sobald man ihn ins plane Papier setzt, entsteht eine Dramaturgie des räumlichen Davor-Dahinter und eines zeitlichen Zuvor-Danach. Der Schnitt kann ein Geschehen trennen, verschieben, verdichten und es zugleich mit etwas Anderem neu verbinden." Dementsprechend bespielt der Künstler im Museum eine ganze Wand.

In Kocks unmittelbarer Nachbarschaft hat Marion Eichmann einen ganzen Waschsalon erschnitten, auf den diese Feuerlöschbox Appetit machen soll. "Ich male mit Schere und Papier. Von den Möglichkeiten der Collage bin ich dabei immer wieder selbst überrascht", sagt die Künstlerin. Dem Betrachter wird es ähnlich gehen.

Imposant ist auch Heike Webers buchstäblich raumsprengende Arbeit "Scrub" (2018). "Die Wand bildet keine Grenze mehr, sondern transformiert in einen unendlichen lichten Raum", so Weber, "das Auge gräbt sich durch das Dickicht ins Freie." Die Erklärung ist ebenso poetisch wie die Arbeit selbst.

Denn "Scrub" illustriert anschaulich, was viele der in Bonn versammelten Arbeiten ausstrahlen. Sie sind aufwendig, imposant, wirkmächtig – und vor allem einfach nur sehr schön (rechts: "White Ilinx", 2010, von Charlotte McGowan-Griffin).

Ganz nah am klassischen Scherenschnittporträt ist Volker Saul – und doch auch wieder ganz weit davon entfernt. Mit zwei Augenschlitzeinschnitten verleiht er eigentlich amorphen Formen eine menschliche Individualität. Und schwankt damit zwischen Abstraktion und Karikatur.

Politisch ist das eher selten. Und wenn, dann meist mit einer ironisch-nostalgischen Doppelbödigkeit. So wie bei der in Leipzig tätigen Künstlerin Annette Schröter, die in ihrem Doppelporträt den zum Klischee erstarrten Helden des ehemaligen Arbeiter- und Bauernstaates ein Denkmal setzt. Gerade in Zeiten der so genannten Fake News ist Papier bekanntlich geduldig.

Ausgangspunkt der Schau – und Berührungspunkt zu August Macke – ist eine seltene Arbeit des Expressionisten. Und Scherenschnitte von Ernst Moritz Engert, der zum engsten Freundeskreis gehörte und im Macke-Haus ein- und ausging. Hier "geisterte der schlauchartig sich windende Engert umher, saß mit untergeschlagenen Beinen auf dem Boden und schnitt Silhouetten", erinnerte sich der Schriftsteller Karl Otten später.

Von Engert sind auch wundervolle Schattenspielfiguren aus schwarz bemaltem Sperrholz für die Künstlerische Figurenbühne in München zu sehen, die vor 1928 entstanden und über Fäden bewegt werden konnten. Sie illustrieren, wie es Engert gelang, traditionelle, aus Süd- und Südostasien stammende Anregungen in eine moderne Formensprache zu überführen.

Im ehemaligen Garten August Mackes hat Cornelia Genschow "Wiesen-Knäuelgras - Dactylis glomerata" (2018) porträtiert, das sie auf einem Terrain am Rhein bei Hersel gefunden hat. Hier war auch Macke gern, um an der frischen Luft zu malen. Als wären sie eigens zur Thematik des Scherenschnitts angeschafft worden, spielen hier sogar die Stühle des Museumscafés mit.

Wer schon einmal da ist, sollte sich auch die neue, interaktiv gestaltete Dauerausstellung zu Leben und Werk August Mackes im ehemaligen Atelier- und Wohnhaus des Bonner Expressionisten gleich nebenan ansehen. Mit vielen Originalwerken und Dokumenten bekommt man hier einen informativen Überblick über die Kunstszene der Zeit.

Und Scherenschnitte gibt's dort auch.

"Schnittstelle. Cut-out trifft Schattenriss" ist noch bis zum 4. November 2018 im August Macke Haus in Bonn zu sehen. Zur Ausstellung ist ein wundervoll gemachter Katalog erschienen (Gabriele Basch: "montage janus I", 2018).

Stand: 05.07.2018, 09:00 Uhr