Psychologisch sammeln: Grenzüberschreitend und existenziell

Psychologisch sammeln: Grenzüberschreitend und existenziell

Von Thomas Köster

Welche Kunst sammeln Psychoanalytiker und Psychoanalytikerinnen? Eine, die von den Krisen, Wünschen und Projektionen der Menschen handelt. Die Sammlung Kraft zeigt eine Wunderkammer aus 50 Jahren. Jetzt in Bergisch Gladbach.

Sammlung Kraft. Kunstmuseum Villa Zanders, Bergisch Gladbach 2019 (Ausstellungsansicht)

"Kunst ist immer eine Behauptung." So lautet Hartmut Krafts Lieblingsdefinition. Für den Ausstellungstitel hat der Kölner Psychoanalytiker, Kurator und Autor ein "Sammeln auch" hinten angehängt. Wer die Ausstellung in der Villa Zanders in Bergisch Gladbach gesehen hat, kann dem nur zustimmen.

"Kunst ist immer eine Behauptung." So lautet Hartmut Krafts Lieblingsdefinition. Für den Ausstellungstitel hat der Kölner Psychoanalytiker, Kurator und Autor ein "Sammeln auch" hinten angehängt. Wer die Ausstellung in der Villa Zanders in Bergisch Gladbach gesehen hat, kann dem nur zustimmen.

In rund 50 Jahren hat Kraft mit seiner Frau Maria eine Sammlung aufgebaut, die heterogener und konsequenter kaum sein könnte. Orientiert am gemeinsamen Interesse für existentielle Themen und die Psychodynamik bildnerischer Prozesse, die sich im Grunde durch alle Kulturkreise und Zeiten ähneln.

Für die Ausstellung hat Museumsdirektorin Petra Oehlschlägel die beiden Stockwerke ihrer Villa Zanders komplett leergeräumt. Selbst die ständige Sammlung mit "Kunst aus Papier" musste hierfür weichen (Volkmar Schulz-Rumpold, "o.T.", 1995-2000).

Im zweiten Stock sind jene Werke aus der Sammlung Kraft zu sehen, die zwischen 1986 und 2019 schon mehrmals öffentlich gezeigt wurden ("Public Collection"). Im Bild: Herbert Döring-Spengler, "o.T." (2009).

In der Belle Etage des Hauses finden sich jene Entdeckungen, die man sonst nur bei den Sammlern daheim sieht ("Private Collection").

Insgesamt 16 Räume hat Hartmut Kraft als Kurator bestückt, gebündelt nach Motiven (Die Versuchung des Heiligen Antonius, Totentanz), Themen ("Größenwahn und Kreativität") oder kunsthistorischen Aspekten ("Kunst für Alle!"). Dabei entstehen immer wieder interessante Dialoge und Bezüge, die Werke aus unterschiedlichen Kontexten zusammenbringen (Birgit Kahle, "o.T.", 2006).

"Interkulturelle Diskurse auf Augenhöhe" nennt Kraft sein Unterfangen. Und tatsächlich passen da Masken aus Papua-Neuguinea und ein "Spiegel mit Atemobjekt" (1977) von Günther Weseler plötzlich wunderbar zusammen.

Zu sammeln begonnen hat Hartmut Kraft in den 1960er Jahren, noch als Student. Damals gingen finanziell nur Editionen, für acht Mark gab es Beuys, für zehn Mark Richter. Die 100 Exemplare von Dieter Roths Multiple "Karnickelköttelkarnickel" (1969-72) mussten in der Schweiz produziert werden: Nur hier wuchs Futter, das die Köttel so fest machte, dass sie auch pressbar waren. Das hielt. Offensichtlich bis heute.

Ein weiterer wichtiger Bestandteil der Sammlung ist die sogenannte Outsider-Kunst, die die Sammler unter anderem durch die Schriften des Psychiaters und Kunsthistorikers Hans Prinzhorn zur "Bildnerei der Geisteskranken" (1922) kennenlernten. Diese großartige Arbeit von Blalla W. Hallmann wirft noch einmal einen ganz anderen Blick auf Religiösität ("Das allerletzte Abendmahl", 1981).

Den "Ikarus vom Lautertal" Gustav Mesmer besuchte Hartmut Kraft in seiner Werkstatt auf der schwäbischen Alb. Der damals 81-jährige Künstler schenkte dem Gast, der auch einem (missglückten) Flugversuch beiwohnen konnte, einige Aquarelle seiner Flugmaschinen. Sie sind in der Villa Zanders ebenso zu sehen (hinten) wie das "Raumschiff" des Kölner Künstlers Daniel Scislowski von 2019 (an der Decke).

Als die Krafts anfingen, Skulpturen und Masken aus Afrika zu sammeln, waren das noch keine Kunstwerke von Weltrang, sondern "ethnologische Objekte", wie Kraft nicht ohne Stolz bemerkt. "Die besten Stücke aus Afrika gleichzusetzen mit den besten Zeugnissen unserer europäischen Kunstgeschichte - das war noch eine Behauptung." Womit sich der Kreis zum Ausstellungstitel wieder schließt.

"Durch die Kunstwerke aus fernen Kulturen sind wir angeregt worden, Näheres über diese Menschen und ihre Vorstellungen von der Welt in Erfahrung zu bringen und die entsprechenden Länder zu bereisen", sagt Kraft. Schön, wenn Kunst eine solche Wirkung haben kann. Im Bild: Giebelmaske von einem Männerhaus, Blackwater-Gebiet, Papua-Neuguinea, Mitte des 20. Jahrhunderts.

Überhaupt ging es bei der Sammlung offenbar darum, sich auch ein Stück der weiten Welt – und Zeugnisse von der anderen, sich in "Außenseiter-Kunst" ausdrückenden Innenwelt – ins Haus zu holen. Und immer wieder auch etwas abzugeben: Bisher bestückte die Sammlung rund 50 Ausstellungen zu diversen Themen - also ungefähr eine pro Jahr ihres Bestehens.

Sollten Stringenz und thematische oder formale Engführung Kriterien für eine Sammlung sein, dann ist die Sammlung Kraft gar keine Sammlung. Eher gleicht sie einer barocken Wunderkammer, die vom Staunen über die Vielfalt künstlerischer Ausdrucksformen für das Existentielle geprägt ist. Aber das ist in diesem Fall kein Mangel. Im Gegenteil.

Vor allem ist es pure Absicht. "Es gibt keinen roten Faden in unserer Sammlung", sagt Hartmut Kraft frei heraus. "Sondern viele rote Fäden, die sich überlagern, sich verknüpfen und ein Geflecht oder Netz bilden." Und so sind auch die 16 Räume der Villa Zanders durch kommunizierende Röhren verbunden, die es zu entdecken gilt (Winfried Gaul, "Rotes Palimpsest" (1958) und "I like FORTSCHRITT", 1964).

Für die Schau der "Sammlung Kraft" hat auch die Villa Zanders ihren roten Ausstellungsfaden, der sich ja vorwiegend um Papierarbeiten windet, etwas aufgedröselt. Das hat sich gelohnt (Rebecca Stevenson, "Sweet Shell", 2004).

Denn gerade in den repräsentativen, teils aber eben auch auf Menschenmaß hin ausgerichteten Räumlichkeiten der ehemaligen Papierfabrikantenvilla bündelt sich dann doch einiges, was ursprünglich nicht zusammengehört hat, zusammen (Georg Karl Pfahler: "o.T.", 1965).

"Kunst ist eine Behauptung. Sammeln auch. 50 Jahre Sammlung Kraft" ist noch bis zum 24. November 2019 im Kunstmuseum Villa Zanders in Bergisch Gladbach zu sehen. Der Katalog ist leider spärlich bebildert, lohnt sich aber trotzdem wegen der vielen Anekdoten zur Sammelleidenschaft der Krafts (Buddha, China, 18. Jahrhundert).

Stand: 13.09.2019, 10:00 Uhr