Ruth Marten in Brühl

Ruth Marten in Brühl

Von Thomas Köster

Mit ihren Collagen und Skulpturen verwandelt Ruth Marten aus New York alte Kupferstiche und Fundstücke in surreale Träume. Das kann man jetzt erstmals in Europa im Max Ernst Museum Brühl bewundern. Eine kleine Sensation.

Ruth Marten. Dream Lovers, Max Ernst Museum, Brühl 2018 (Ausstellungsansicht)

Seit 13 Jahren betreibt Ruth Marten künstlerisches Mimikry. Damals entdeckte sie auf einem Flohmarkt Bücher mit Stichen des 18. und 19. Jahrhunderts, die sie seitdem durch Schnitte und Übermalungen verfremdet. Oder verfremdend koloriert. Immer im perfekten Stil des Stichs. Wie in "Animals (Twighlight)" von 2012 – hier bei seiner Ankunft im Max Ernst Museum – , wo die zusammengesuchten Tiere auf rätselhafte Weise mit dem Hintergrund verschmelzen.

Seit 13 Jahren betreibt Ruth Marten künstlerisches Mimikry. Damals entdeckte sie auf einem Flohmarkt Bücher mit Stichen des 18. und 19. Jahrhunderts, die sie seitdem durch Schnitte und Übermalungen verfremdet. Oder verfremdend koloriert. Immer im perfekten Stil des Stichs. Wie in "Animals (Twighlight)" von 2012 – hier bei seiner Ankunft im Max Ernst Museum – , wo die zusammengesuchten Tiere auf rätselhafte Weise mit dem Hintergrund verschmelzen.

"Dream Lovers" hat Marten die Schau genannt, die das Museum anlässlich ihres 70. Geburtstags zeigt, und so eine Traumliebhaberin ist Marten selbst. Tatsächlich verhilft sie den rationalen Stichen aus aufklärerischer und nachaufklärerischer Zeit zu einer neuen fantastischen Dimension. Da werden Tiere in einem Akt der künstlerischen Evolution domestiziert. Bei "La Loutre de Guyana" (2012) ist der absurd hochgetürmte Sattelaufsatz eines Otters zu einem Teil des Körpers geworden.

Auf "Mameluck" (2011) – hier noch ungerahmt auf der Staffelei im Museumsdepot – verwandelt sich die elegante Dame eines Modemagazins subversiv in das Tier, das in ihr steckt. Dabei ist der Titel ebenso assoziativ und hintergründig wie das Bild sofern man ihn ebenfalls als Collage begreift. Das "Luck" verweist aufs glückliche Schicksal, das ganze Wort auf die armen türkischen Sklaven am Hof des Sultans. Raum und Zeit sind aufgehoben.

"Das Schwierigste ist es, Sinn zu vermeiden", schreibt Ruth Marten ihren Interpreten ins Stammbuch. Bei den gewitzten und doppelbödigen Collagen Martens, von denen in Brühl fast 200 an den Museumswänden hängen, kann und soll das Denken mäandern.

So ist es bei "The Helping Hand" (2011). Das Original stammt aus den Reisebeschreibungen des britischen Entdeckers James Cook von 1790. Er zeigte Matrosen bei der Jagd. Bei Marten schiebt eine göttliche Hand als Deus ex machina eine Mauer zwischen Täter und Opfer. Zum Schutz der Walrosse, könnte man meinen. Oder hat der liebe Gott die Wand nur errichtet, damit die Schlächter sich unbemerkt anschleichen können, und zieht sie gleich nach oben?

Im Expeditionskoffer durch Ruth Martens rätselhafte Welt jedenfalls finden sich Dinge, die man von irgendwoher zu kennen glaubt. Und die durch ihre ganz eigene Perspektive doch fremd sind wie ein unbekannter Kontinent. Das im Max Ernst Museum zu entdecken, macht richtig Freude ("Museum", 2012).

Mit ihrem Schwanken zwischen Realität und Traum, Historie und Gegenwart, Wissenschaft und Kunst ist Marten ganz nah bei Max Ernst, dessen drei Collageromane sie bewundert. Und sie ist doch gänzlich originell. Es ist wohl nicht übertrieben zu behaupten, dass die Welt das, was Marten macht, so noch nicht gesehen hat. Zumindest die alte Welt: "Dream Lovers" ist die erste Retrospektive der Künstlerin in Europa ("The Mesmerist", 2012).

Studiert hat Marten Zeichnung und Keramik. Aber sie kommt buchstäblich vom Stich her. Als es in den USA und für sie als Frau mit jüdischen Wurzeln auch aus religiösen Gründennoch streng verboten war, arbeitete sie als Tätowiererin im New Yorker Untergrund, später tätowierte sie bei Performances während der 10. Pariser Kunstbiennale unter anderem Marina Abramović und Ulay. Heute gibt sie Kupferstichen eine neue Haut. Oder neue Haare.

Überhaupt: die Haare. Bevor Marten ihre Leidenschaft fürs Tätowieren aufgab und ihre Passion für Kupferstiche entdeckte, galt ihnen ihr Interesse. Auch hierfür finden sich in der Brühler Ausstellung faszinierende Beispiele. Haarbälle, unter denen sich noch ein (guillotinierter?) Mätressenkopf befinden könnte, zum Beispiel ...

... oder zu Locken geflochtene Schambehaarung aus Martens Zeit als Illustratorin für Magazine wie "The New Yorker" und "Time Magazine". Die – allerdings eher harmlosen Cover der Bestseller des Briten Peter Mayle ("Mein Jahr in der Provence") stammen von ihr (im Bild: "Natalia", 1997, Detail).

Was nach und neben diesen profanen Auftragsarbeiten, die in Brühl in der Vitrine liegen, geschah, ist da schon weitaus haariger, sprich: surrealer, hintergründiger, und bei aller Eleganz subversiver und punkiger. Dekorativ und tabulos zugleich ("Afro Jesus", 1996).

"Wir leben in einer stürmischen Collage, die sich ständig verändert", sagt Ruth Marten. Das erinnert an das Zitat von Oscar Wilde, dass das Leben die Kunst nachahme und nicht umgekehrt. Und es zeigt, in welcher Tradition Ruth Marten in Wahrheit zu verorten ist: In einem Zeichnerumfeld von Edward Gorey bis Robert Crumb, das sich dem Pop ebenso verdankt wie dem feinen Strich und Stich der Moderne ("The Unvarnished Truth, 2013/2014).

Vor diesem Hintergrund war es ein grandioser Einfall, eine Reproduktion der Stahltür von Ruth Martens New Yorker Appartement in die Ausstellung zu integrieren, auf der die Künstlerin mit Magneten immer wieder neu eine Collage ihres stürmischen Lebens arrangiert.

Fotos von Freunden und von Marten in jüngeren Jahren sind auf diesem Trompe-l’œil-Wimmelbild ebenso zu sehen wie Fundstücke, Erinnerungen, Reproduktionen eigener Werke, Haarvorlagen, Kinderkritzeleien oder Bilder bewunderter Künstler. Hierfür sollte man sich ebenso viel Zeit nehmen wie für die anderen Exponate.

Zur Ausstellung hat Marten übrigens, wieder einmal sehr doppelbödig, eine Edition eines Stichs einer ihrer Collagen geschaffen, deren 70 Blätter sie im Zimmer von Museumsdirektor Achim Sommer kurz vor der Retrospektive noch einmal leicht koloriert hat: das Porträt eines komplett gesichtsbehaarten Mannes mit Halskrause, das den Bogen zurück zum 19. Jahrhundert schlägt ...

... und zu den Gesichtstätowierungen von Ruth Marten selbst.

Allein schon wegen der blauen Augen des Protagonisten ist das Blatt, dessen Collage-Original "Hirsute" von 2007 in der Ausstellung zu sehen ist, ein echter Hingucker.

"Ruth Marten. Dream Lovers" ist noch bis zum 24. Februar 2019 zu sehen – schließt also wenige Tage nach Ruth Martens 70. Geburtstag. Zur Ausstellung ist ein reich illustrierter und aufwändig gemachter Katalog mit Samt-Ummantelung erschienen, der schon beim Anpacken eine ambivalente Stimmung zwischen Wohlgefühl und Grusel vermittelt.

Stand: 15.10.2018, 09:09 Uhr