Abgrund Mensch. Roland Topor in Essen

Abgrund Mensch. Roland Topor in Essen

Von Thomas Köster

Mit scharfem Blick und feinem Strich porträtierte der französische Künstler Roland Topor die absurden menschlichen Zwänge, Obsessionen und Leidenschaften. Wie vielfältig er dabei arbeitete, zeigt nun eine Schau im Museum Folkwang. Treffender Titel: "Panoptikum".

Roland Topor. Panoptikum, Museum Folkwang, Essen 2018 (Ausstellungsansicht)

"Ich bin der Avantgarde stets voraus gewesen", ließ Roland Topor sein ironisches Alter Ego 1975 in seinen "Memoiren eines alten Arschlochs" verkünden. "Deshalb musste ich stehenbleiben und auf den Rest der Mannschaft warten, und jedes Mal haben sie mich dann überholt. Darum vergisst man mich überall." Mit dem Vergessen ist im Falle Topors dank der Essener Ausstellung jetzt Schluss.

"Ich bin der Avantgarde stets voraus gewesen", ließ Roland Topor sein ironisches Alter Ego 1975 in seinen "Memoiren eines alten Arschlochs" verkünden. "Deshalb musste ich stehenbleiben und auf den Rest der Mannschaft warten, und jedes Mal haben sie mich dann überholt. Darum vergisst man mich überall." Mit dem Vergessen ist im Falle Topors dank der Essener Ausstellung jetzt Schluss.

Rechtzeitig zum 80. Geburtstag des 1997 in Paris gestorbenen Künstlers sind im Museum Folkwang rund 200 Zeichnungen, Illustrationen, Drucke, Plakate, Bücher, Filme und Kostüme versammelt, die das reiche und vielseitige, zwischen Surrealismus und Wirklichkeitsnähe changierende Oevre Topors seit den 1960er Jahren beleuchten.

Darin geht es zumeist um die Absurditäten, die sich vor allem im menschlichen Mit- und Gegeneinander – nicht zuletzt von Mann und Frau – ergeben.

Prägend für die Weltsicht des 1938 als Sohn polnisch-jüdischer Eltern in Paris geborenen Topor war sicher die Jugendzeit, während der der Vater im Zuge der deutschen Besatzung 1941 ins Internierungslager musste. "Man hatte mir gesagt, ich solle vorsichtig sein und nichts über meinen Vater erzählen", wird sich Topor später erinnern. "In bester Absicht hatte man mir beigebracht, den Leuten nicht zu trauen."

Dieses Klima des Misstrauens, der Sorge und der eher unspezifischen Angst verabeitete Topor später in Zeichnungen, die der Gefahr mit doppelbödigem Humor entgegentreten. Nicht umsonst war sein eigenes Markenzeichen ein zwischen Witz und Horror schwankendes gellendes Lachen – das ihm eine tragende Nebenrolle in Werner Herzogs "Nosferatu. Phantom der Nacht" (1979) einbrachte.

Insgesamt wirkte Topor in 17 Filmen als Schauspieler mit, seine Erzählung "Der schönste Busen der Welt", bei dem die Brust einer Passantin auf einen Mann übergeht, wurde 1990 von Rainer Kaufmann verfilmt – ebenso wie der Roman "Der Mieter" von Roman Polanski. Für das surreal-gruselige Märchen "Der wilde Planet" (1973) schuf Topor die Vorlage. Für den ebenfalls genialen Tomi Ungerer ist es "bis zum heutigen Tag der beste aller Trickfilme".

Ein Highlight sind auch die Kostüme, die Topor 1990 für eine Neuinszenierung von Mozarts "Zauberflöte" am Essener Aalto-Theater, dessen Kostümwerkstatt ihn stark beeindruckte, entwarf. Die Papagena mit blanker Brust und Papageno mit seinem Vogelbauer in Menschenform spiegeln in drei Dimensionen sehr viel von der bunten Vielfalt der Topor'schen Phantasiewelt wider.

"Das fertige Bühnenbild entspricht im günstigsten Fall dem Modell, doch die Kostüme müssen interpretiert werden, man muss kreativ sein, ungewöhnliche Materialien finden", sagte Topor hierzu. Und dann seien da noch die Schauspieler und Sänger, die teils verschreckt seien "durch die Vorstellung, unbequeme Kostüme tragen zu müssen". Aber warum sollte es den Darstellern auf der Bühne besser gehen als den Figuren Topors auf seinen Bildern.

Beim Theater war Topor vor allem als Gestalter von Plakaten tätig. Auch hierfür sind im Museum Folkwang einige Beispiele zu sehen, die auch die enge Verbundenheit des Pariser Künstlers mit Essens Kulturszene illustrieren und in Szene setzen.

Apropos "in Szene setzen": Mit der Installation "Helm/Helmet/Yelmo" des Künstlerduos Los Carpinteros (links im Bild ) verfügt das Museum Folkwang seit 2014 selbst über eine fulminante Bühne zur Präsentation von Kunst.

Momentan wird sie von antiken Objekten und Gebrauchsgegenständen aus Europa und anderen Kontinenten bespielt, die aus der eigenen Sammlung für Archäologie, Weltkunst, Kunstgewerbe stammen und als Beispiele für vorbildliche Gestaltungskunst gelten.

Auf sechs Ebenen zeigen die zueinander versetzten Waben die geographischen Räume Afrika, Ostasien, Westasien, Europa und Amerika. Sie werden durch außerhalb des Helms gruppierte Artefakte aus Ozeanien ergänzt. "Weltweit sammeln" läuft noch bis zum Herbst 2018 - und ist ebenso sehenswert wie die Werke des Franzosen Topor.

Die Ausstellung "Roland Topor. Panoptikum" ist noch bis zum 30. September 2018 zu sehen.

Dann sollte man aber unbedingt hinpilgern und in die menschlichen Abgründe blicken, die dieser großartige Zeichner und Illustrator auf seinen Bildern ausgebreitet hat.

Und noch eine Großtat der Museums Folkwang sollte man erwähnen, die – auch für andere Museen – nicht oft genug lobend hervorgehoben werden kann: Der Eintritt in die hier vorgestellten Ausstellungen ist – ebenso wie der Eintritt in die ständige Sammlung – immer noch für Besucher kostenlos. Das gesparte Geld reicht, gemessen an gängigen Preisen, locker für sechs bis zehn Kugeln Eis. Toll.

Stand: 29.06.2018, 09:00 Uhr