"Römer zum Anfassen" in Neuss

"Römer zum Anfassen" in Neuss

Von Thomas Köster

Was trug der Römer unterm Kettenhemd? Wie baute er seine Bollwerke? Und warum lügen die Sandalenfilme? Eine Ausstellung im Clemens-Sels-Museum Neuss geht diesen Fragen mit modernster Technik und Mut zu Spekulationen auf den Grund.

Römer zum Anfassen, Clemens Sels Museum, Neuss 2018 (Ausstellungsansicht)

Römer tragen kurze Leibchen zur Sandale und laufen im Schwertkampf Treppen rauf und runter. So vermitteln es uns die "Sandalenfilme" der 1950er und 1960er Jahre. Tatsächlich kämpften sie in Formation. Und hatten in voller Montur mehr als nur ihr Päckchen zu tragen. Das zeigt jetzt eine Schau im Clemens-Sels-Museum.

Römer tragen kurze Leibchen zur Sandale und laufen im Schwertkampf Treppen rauf und runter. So vermitteln es uns die "Sandalenfilme" der 1950er und 1960er Jahre. Tatsächlich kämpften sie in Formation. Und hatten in voller Montur mehr als nur ihr Päckchen zu tragen. Das zeigt jetzt eine Schau im Clemens-Sels-Museum.

Ausgehend von den eigenen Beständen und Funden aus der Region versucht "Römer zum Anfassen", mittels experimenteller Archäologie, "Living History" und "Reenactment", also der Nachstellung historischer Ereignisse, Vorurteile abzubauen und uns die Römer buchstäblich wieder etwas näher zu bringen.  

Dazu gehört auch die Frage, wie die Römer die Porta praetoria des Neusser Legionslagers bauten, von der nur Bruchstücke erhalten sind. Vermutlich füllten sie hölzerne Rahmen mit Erde und verputzen das Ganze zur Abschreckung mit flachen Ziegel-Imitaten. Vielleicht hat ja sogar die Verklinkerungswelle von Hausfassaden etwa in der Eifel hier ihre Ursache.

Eines war die Welt der Römer sicherlich: Sie war bunt. Sehr bunt sogar. Das gilt selbst für Marmorstatuen, die uns heute meist nur strahlend weiß überliefert sind. Marmor war deshalb so beliebt, weil er die Farben so gut zur Geltung brachte. Als Pigmente verwendeten die Römer laut Plinius "billige Erdfarben" ("umidus") wie Ocker und Bleiweiß, aber auch "blühende Farben" ("floridus") wie Zinnober, Purpur oder Azurit.

In Neuss sind deshalb kleine Modelle zu sehen, die in der damaligen Tradition der Enkaustik bemalt sind, bei der eine heiße Paste aus Harz, Wachs und Leinöl mit Pigmenten aufgetragen wurde. Farblich wirkt das fast schon surreal schrill, haptisch in etwa so wie etwas zu raue Haut. Sollte man auf jeden Fall beim Besuch einmal anfassen. Nur keine falsche Scham! Ist ja erlaubt.

Die Buntheit Roms macht die Neusser Schau auch anhand der Trajanssäule sichtbar, die zu Ehren des römischen Kaisers und in Erinnerung an die Eroberung Dakiens 112/113 nach Christus errichtet wurde. Ein entsprechendes Banner mit den rekonstruierten Farben im imposanten Treppenhaus des Museums erstreckt sich über drei Stockwerke.

An den Wänden der Ausstellung selbst sind riesige Computerrekonstruktionen mit Illustrationen der Trajanssäule zu sehen, die das Monument in einem großartigen, monumentalen Fries eigentlich spiralförmig umrunden. Und eine einzigartige Quelle vor allem für militärische Fragen bildet.

Auf der Trajanssäule sind auch Soldaten mit Tragestande ("furca") zu sehen. Wie genau man sich diese aus Ästen geformten Transportstangen vorzustellen hatte, ist aber nicht zu sehen. In Neuss werden deshalb einige Vorschläge gemacht. Und auch dargelegt, warum der eine logischer als der andere sein muss.

Ein Rätsel sind auch die Kettenhemden, die die römischen Soldaten trugen – und von denen man eines in einer "Selfie-Ecke" sogar anprobieren kann. Wie wurden die einzelnen Ringe zusammengefügt? Und mit welchem Untermaterial waren die Lamellen des römischen Brustpanzers verknüpft, um hinlänglich elastisch zu sein? Vermutlich vernäht mit Leinen -so lautet ein experimentelles Ergebnis der Schau. Vor Ort kann man sich von der Biegsamkeit der unterschiedlichen Unterfütterungen überzeugen.

Die Lamellen für sein "Vernähungsexperiment" hat Kurator Carl Pause im 3D-Drucker machen lassen - für die in der Ausstellung präsentierten Erkenntnisse überhaupt eines der wichtigsten High-Tech-Werkzeuge. Viele der kleinen Modelle der Schau kommen aus dem Drucker, etwa dieses Abbild einer in Neuss gefundenen römischen Reitermaske. In "Römer zum Anfassen" ist beides zu sehen. Und: Das Original wirkt viel moderner.

Besonders stolz ist man in Neuss auf eines der buchstäblich heißesten Rätsel des römischen Reichs: Über die Frage, wie die im Rheinland gefundenen Rippenschalen der ersten und zweiten nachchristlichen Jahrhunderts entstanden sind, stritten sich nämlich seit Jahrhunderten die Gelehrten.

In Neuss hat man es einfach ausprobiert: mit Mosaikglas-Chips im Glasofen samt Einkneifen der Rippen im heißen Glasfaden und vorgeheizter Negativform zum Absenken der Glasplatte. So ungefähr müssen die Römer bei der Gestaltung vorgegangen sein.

In der Dauerausstellung im Untergeschoss sind dann zum Teil jene Funde ausgestellt, denen sich die Ausstellung der "Römer zum Anfassen" im zweiten Stock mit ihren Kopien widmet. Da sollte man dann unbedingt einmal hinuntersteigen – auch um das Banner der Trajanssäule in ganzer Länge bewundern zu können."

Die Brücke zwischen den Stockwerken lohnt sich allemal. Schon alleine deshalb, weil man auf diese Weise zum Beispiel farbloses Original (unten) und poppige Rekonstruktion (oben) miteinander vergleichen kann.

So bringt einem die Neusser Schau die Welt des Römischen Reichs tatsächlich ein wenig näher. Auch wenn manches trotz allem Hypothese bleibt und damit vielleicht in den Legendenkanon das ein oder andere neue Bild hineinwebt, ist der Erkenntnisgewinn – und der Mitmachspaß – unvergleichlich größer.

Wenn man sich dann im ausstellungeigenen Minikino noch einmal die alten "Sandalenfilme" vor Augen führt, kommt man aus dem Staunen über die eigene Naivität nicht mehr heraus.

Die Sandale gibt es natürlich trotzdem. Aber nur ein Exemplar. Und wer dabei gleich an Monthy Pythons "Das Leben des Brian" denkt, ist schon wieder schief gewickelt.

Und dann kann sich noch jeder eine römische Münze mit nach Hause nehmen. Keine echte natürlich, dafür aber eine, die er selbst geprägt hat. In der Ausstellung steht ein rekonstruierter Prägestock. Und zur Erleichterung gibt es noch einen Führungszylinder, den der Römer nicht hatte. Münzenprägen im alten Rom war eine Kunst, die auch schon mal einen Tag pro Münze dauern konnte.

"Römer zum Anfassen. Mythos und Fakten" läuft noch bis zum 10. Juni 2018 im Clemens-Sels-Museum in Neuss. Begleitet wird die Ausstellung von einem abenteuerlichen Programm für Kinder, aber auch für Erwachsene – Amphorenweinprobe und Besuch von Hobby-Römerkohorten inklusive.

Stand: 19.03.2018, 09:00 Uhr