"Reise ins Ungewisse" in Leverkusen

Gegen die Strömung. Reise ins Ungewisse, Museum Morsbroich, Leverkusen 2018 (Ausstellungsansicht)

"Reise ins Ungewisse" in Leverkusen

Von Thomas Köster

Reisen lohnt sich und ist fantastisch, kann aber auch verdammt gefährlich sein. Das zeigt eine Ausstellung im Museum Morsbroich. Eine großartige Entdeckungsfahrt durchs Reich der Kunst zum Thema Reisen.

"Reise ins Ungewisse" in Leverkusen

Gegen die Strömung. Reise ins Ungewisse, Museum Morsbroich, Leverkusen 2018 (Ausstellungsansicht)

In unserer durcherforschten und gänzlich globalisierten Welt gibt es eigentlich keine unbekannten Länder mehr. Außer im Reich der Kunst. Das ist die Botschaft der Ausstellung im Museum Morsbroich, die zu einer thematischen Entdeckungsfahrt durchs Land des Reisens einlädt. Mit den fantastischen Flugapparaten des Belgiers Panamarenko etwa, die er seit den 1960er Jahren baut. Dieses Flugboot auf Kufen und den Helikopter-U-Boot-Zwitter im Hintergrund gibt es nicht nur als Modell.

In unserer durcherforschten und gänzlich globalisierten Welt gibt es eigentlich keine unbekannten Länder mehr. Außer im Reich der Kunst. Das ist die Botschaft der Ausstellung im Museum Morsbroich, die zu einer thematischen Entdeckungsfahrt durchs Land des Reisens einlädt. Mit den fantastischen Flugapparaten des Belgiers Panamarenko etwa, die er seit den 1960er Jahren baut. Dieses Flugboot auf Kufen und den Helikopter-U-Boot-Zwitter im Hintergrund gibt es nicht nur als Modell.

"Reise ins Ungewisse" lautet der Untertitel der Schau – eindrücklich ins Bild gesetzt durch eine schwarze Anzeigetafel von Panamarenkos Landsmann Kris Martin, deren Lamellen nach dem Zufallsprinzip umblättern. Anders als auf Flughäfen oder Bahnhöfen zeigen diese Tafeln keine Ziele an und laden dazu ein, im Zwischenreich zwischen Ankunft und Weiterfahrt innezuhalten. Der bezeichnende Titel "Mandi" (2009) ist aus "Mano" (Hand) und "Dio" (Gott) zusammengesetzt: ein Abschiedsgruß aus dem italienischen Friaul, der signalisiert, in wessen Hände man sich beim Reisen begibt.

Bisweilen bedeutet Reisen ins Ungewisse auch den Verlust von Heimat und die Suche nach einer neuen. Daran erinnert der Franzose Kader Attia mit "La Mer Morte" (2015). Die Kleidungsstücke seiner Installation wirken wie die an den Strand gespülten Überbleibsel von ertrunkenen Flüchtlingen. Die hässlich-brutalistischen Betonwellenbrecher an der algerischen Küste in den Leuchtkästen symbolisieren Aufbruchsverheißung und Grenzziehung zugleich.

Mit spektakulären Kunstaktionen Grenzen überwinden: Das will auch Javier Téllez aus Venezuela, der 2005 den Schausteller David Smith als lebende Kanonenkugel von Mexiko in die USA katapultierte. Erarbeitet wurde das Konzept mit Patienten des Mental Health Centers in Mexicali.

Eigentlich habe ihm die geopolitische Grenze zwischen den USA und Mexiko nur als Metapher gedient, um die Trennlinien zwischen dem Normalen und dem Pathologischen auszuloten, sagt Téllez. Da trifft er sich mit dem Italiener Daniele Cudini, der eine seiner wundervollen Keramikfiguren gleich zu "Freud" (2017) persönlich auf die Couch legt.

Bezeichnenderweise handelt es sich beim Patienten auf Freuds Couch um den an seinem königlichen Umhang erkennbaren Bootsführer, der im Zentrum des Raums auf seinem Schlauchboot namens "Open Line" thront. Dahinter an der Wand: ein paar groteske Passagiere auf ihrem Weg nach "Zanzibar" (2006), was auf Persisch wohl "Küste der Schwarzen" bedeutet.

Anhand von Cudini weist das Museum dezent darauf hin, dass natürlich auch die Werke der Ausstellung teils lange Reisen hinter sich haben. Der von Freud wieder auf Kurs gebrachte Schlauchbootkönig des italienischen Künstlers etwa ist in einer dieser schönen Holzkisten angereist, die nun aufgestapelt Teil der Ausstellungsinszenierung sind.

Im Innern der Seele gibt es sicher noch unentdeckte Flecken. Und auf dem Mars. Der slowakische Konzeptkünstler Roman Ondák ist 2004 dort gewesen und hat einen geheimnisvollen "Mars Stone" von der Reise mitgebracht. Jetzt ruht er leuchtend rot in einer Flasche, durch deren Hals er gar nicht passt: ein fast schon melancholischer Hinweis darauf, wo die Abenteuer der Zukunft liegen, wenn die Menschheit aus der Enge ihrer globalisierten Welt entfliehen möchte.

Dass die fantastischen Fahrten der Kunst auch tödlich enden können, illustriert eine eher unscheinbare Vitrine zu dem Ausstellungsprojekt "In Search of the Miraculous" von Bas Jan Ader. Bei dessen Realisierung kam der Künstler während einer Atlantiküberquerung in einem Ein-Mann-Segelboot von Cap Cod nach Groningen 1975 ums Leben. Ein Jahr später trieb das Bootswrack vor der Küste von Irland an. "Das Meer, das Land – der Künstler erkennt mit großer Trauer, dass auch sie nicht mehr sein werden", notierte Ader einmal.

"Mit den Reisenden teilen wir die Erfahrung, dass das Ungewisse fundamental mit dem Zukünftigen zusammenhängt", schreibt Museumsdirektor Markus Heinzelmann. Und spielt damit auf die Zukunft seines Hauses an, dessen Schließung Wirtschaftsprüfer der Stadt Leverkusen empfohlen hatten. (Hier der Blick aufs Museum durch die Gitterschächte von Francis Zeischeggs Hochsitz-Installation "Blind", 2014, an der Außenfassade prangt trotzig die Neonarbeit "Closed", 2008, von Jonathan Monk.)

Ende Februar will der Stadtrat über die Rettungspläne des privaten Museumsvereins entscheiden, die unter anderem die Wiederbelebung des etwas verwahrlosten, momentan vor allem von Hundebesitzern genutzten Skulpturenparks oder sogar einen privat und staatlich finanzierten Anbau vorsehen. Dann wird man hoffentlich wissen, wohin die Reise geht.

Auch nach dem Besuch dieser feinen, thematisch wieder einmal erfrischend gegen den Strich gängiger Ausstellungspräsentationen gebürsteten Schau kann man sich eigentlich nicht vorstellen, dass der Rat für eine Schließung stimmt. Also unbedingt hinreisen und staunen. Und sich erholen. Im Raum mit dieser Arbeit von Lawrence Weiner ertönt fast schon chillige Musik von Ned Sublette mit Texten des Künstlers.

"Gegen die Strömung. Reise ins Ungewisse" ist noch bis zum 29. April 2018 im Museum Schloss Morsbroich in Leverkusen zu sehen. Zur Ausstellung ist eine graphisch wundervoll gestaltete Broschüre in Form eines Reiseführers erschienen, die den Weg durchs Labyrinth der nicht immer selbsterklärenden Arbeiten weist.

"Gegen die Strömung" - Ausstellung in Leverkusen

WDR 3 Mosaik | 26.01.2018 | 08:40 Min.

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Stand: 26.01.2018, 09:00