"Hauchkörper als Lebenszyklus". Rebecca Horn in Duisburg

"Hauchkörper als Lebenszyklus". Rebecca Horn in Duisburg

Von Thomas Köster

Rebecca Horn ist zweifellos eine der wichtigsten Künstlerinnen Deutschlands. Jetzt erhielt sie den Lehmbruck-Preis in Duisburg, begleitet von einer Museumsausstellung. Die ist großartig. Und zeigt vier Werke zum ersten Mal.

Rebecca Horn. Hauchkörper als Lebenszyklus, Lehmbruck-Museum, Duisburg 2017 (Ausstellungsansicht)

Seit Anfang der siebziger Jahre hat die 1944 im Odenwald geborene Rebecca Horn mit Performances, Maschinenskulpturen, Filmen und Zeichnungen ein Werk mit Alleinstellungsmerkmal geschaffen. Im Lehmbruck-Museum ist nun aus allen Schaffensphasen etwas versammelt.

Seit Anfang der siebziger Jahre hat die 1944 im Odenwald geborene Rebecca Horn mit Performances, Maschinenskulpturen, Filmen und Zeichnungen ein Werk mit Alleinstellungsmerkmal geschaffen. Im Lehmbruck-Museum ist nun aus allen Schaffensphasen etwas versammelt.

Im Zentrum steht der gewaltige "Schildkrötenseufzerbaum" von 1994, der, wie alle Skulpturen der Schau, per Bewegungsmelder aktiviert wird. Er ist eine Art Quintessenz des Hornschen Werks, bei der die Maschine den Körper entweder ersetzt oder verlängert, Nähe und Distanz schafft zu Natur und Kultur.

Betritt man den Raum, schüttelt sich der Baum, bevor er aus seinen kupfernen Lautsprechertentakeln zu reden beginnt. Es sind die Stimmen von Menschen aus unterschiedlichsten Teilen der Welt, die in ihrer Muttersprache von ihren Sorgen berichten. Auch diese Empathie gehört bei Horn immer mit dazu.

Das gilt auch für das zweite Highlight der Schau, Rebecca Horns "Pfauenmaschine", die die Künstlerin 1992 auf der Documenta IX in Kassel präsentierte und die sich wundervoll ins Gesamtensemble des Museumserweiterungsbaus einfügt. Sie plustert sich nach ihrem eigenen Rhythmus auf und wieder ab. Einatmen, stillehalten, ausatmen.

Die "Pfauenmaschine" illustriert aber auch, wie viel Technik zur Ausgestaltung von Poesie bei Horn nötig ist. Für jede Skulptur klügelt Horn mit ihrem Team einen eigenen Antrieb aus. Der ist manchmal leichter – wie bei den Hämmern, die mit sanfter Beständigkeit die Museumswand zerklopfen – und manchmal eben komplizierter. Wie das Leben eben.

"Wunderbar, die Texte und Fotos deiner Performances", sagte Künstler-Kurator Harald Szeemann, als er Rebecca Horn 1972 für die Rubrik "Individuelle Mythologien: Selbstdarstellung – Exponate" zu seiner legendären Documenta V einlud. "Aber als Filme wären sie wichtiger." Seitdem hat Horn ihre Aktionen dokumentarisch festgehalten – und später auch filmisch inszeniert. In Duisburg sind sämtliche dieser Filme zu sehen, hier "Kopf-Extension" von 1972.

Ihr filmisches Talent setzte Horn auch in zwei Spielfilmen um. Beide sind in Duisburg zu sehen. Bei "Buster's Bedroom" (1990) über ein junges Mädchen mit einem Fable für Buster Keaton ließ sich Donald Sutherland von einer Schlange umgarnen. Der Film lief zunächst in Cannes und danach im Museum of Contemporary Art in Los Angeles, zusammen mit einer Solo-Schau.

Einschneidend für Horns künstlerische Entwicklung war die Vergiftung während ihres Studiums in Hamburg, nachdem sie ohne Schutz mit Polyester gearbeitet hatte und danach ein Jahre lang im Sanatorium lag. Davon zeugt noch das "Schlangenklavier" von 1995: ein langer, sargartiger Kasten, in dem Quecksilber hin und her schwappt.

Das Quecksilberband erzählt in beständigem, zähem Fluss von der Vergänglichkeit, aber auch von der Doppelbödigkeit der Arbeiten Horns, die ständig Gegensätze auszuloten suchen, Kultur mit Natur verbinden, schön – und gleichzeitig eben auch giftig – sind.

Wie sensibel Horn diese Schwebezustände in Metaphern fixiert, zeigt die Froschperspektive auf "Pendulum mit Straußenei" (1995). Das Symbol des Lebens ist zwischen zwei Stäben fixiert. Irgendwann wird der Obere zu schwingen beginnen. Und sich vielleicht, wie in Poes Erzählung von "Grube und Pendel", Tod bringend senken? Die Zeit verrinnt in ewiger Wiederholung auf jeden Fall.

Auffallend ist auch die – nicht immer subtile – Erotik, die Horns Arbeiten durchzieht. Bei "Liebesflucht, Muschelschlaf" (2009) etwa dringt ein silberner Phallus in das Gehäuse einer Meeresschnecke, sobald ein Besucher vorbeigeht. Männliche Technik und weibliche Natur berühren sich. Beizeiten.

Sie subtile Ironie hinter manchem der Werke erkennt man zumeist erst, wenn man genauer hinschaut. Dann schrumpft das, was sich an praller Männlichkeit vorne lust- und machtvoll aufbläht, hinterrücks wieder zurück ins Zwergenhafte.

Vor allem aber sind die Werke Horns poetisch und subtil. Und setzt selbst dort den Mensch als Rahmen, wo die Maschine zu regieren scheint. Denn im Grunde ersetzt sie ja nur den menschlichen Körper. Wie bei "Aus dem Mittelalter entwurzelt" (2017), wo zwei goldene Stäbe in dem Abguss von Horns eigenen, gotisch wirkenden Schuhen stecken.

Mit seinen Stäben schlägt "Aus dem Mittelalter entwurzelt" (2017) den Bogen zu den insgesamt vier jüngsten Arbeiten der Ausstellung, die erst im Frühjahr entstanden sind. Hier ein Detail von der titelgebenden Skulptur "Hauchkörper", die in der großen Glashalle steht.

Wie Schilfgräser im Wind bewegen sich die Stabe von "Tanz in einer Pirouette" (links), die auf ihrem Sockel zu schweben scheinen. Und auch die kreisenden Bewegungen von "Umschlungen in unendlicher Liebe" haben etwas Meditatives, was suggeriert, dass hier eine Künstlerin nach einem aufwühlenden Leben vielleicht zur Ruhe gefunden haben könnte.

Wer die Zartheit der neuen Arbeiten mit den ruckhaften, erschreckend vollführten Bewegungen etwa von "Peters Geige" (1991) vergleicht, bei denen das plötzliche Erschlaffen des Bogens den Betrachter aus dem zarten Musikspiel herausreißt, kann ermessen, das Horn hier etwas Neues gelungen ist.

Auch für Rebecca Horn, die seit ihrem Schlaganfall vor zwei Jahren im Rollstuhl sitzt, sind die "Hauchkörper" ein Neuanfang. "Es ist für mich beglückend, Skulpturen geschaffen zu haben, die nicht Abkömmlinge oder Verlängerungen früherer Arbeiten sind. Sie stehen ganz für sich, und das gibt mir das Gefühl, dass ich an der Schwelle einer neuen Werkphase stehe."

Normalerweise lebt Horn erst einmal mehrere Jahre mit ihren Werken, bevor sie sie der Öffentlichkeit präsentiert. Für das Duisburger Lehmbruck-Museum hat sie eine Ausnahme gemacht (im Bild: "Amore Continental" von 2008, oberer Teil).

Das hat sicher auch damit zu tun, dass die Duisburger Retrospektive mit dem renommierten Lehmbruck-Preis verbunden ist, den schon Joseph Beuys, Richard Serra oder Claes Oldenburg bekamen und der seit 2006 zum ersten Mal wieder – und zum ersten Mal überhaupt an eine Frau – vergeben wird (im Bild: "Amore Continental" von 2008, unterer Teil).

Eine "besondere Ehre" sei dies für sie, hat Horn bekundet – auch, im "wunderbaren Lehmbruck-Museum" ausstellen zu dürfen. Das ist schon ein großes Wort für eine Künstlerin, die 2017 auch das Große Verdienstkreuz und den Orden "Pour le Mérite" für Wissenschaft und Künste erhält. Den "Praemium Imperiale" und den Goslaer Kaiserring hat sie ja ohnehin schon ("Magic Rock", 2005).

Vor allem aber ehrt der Preis und die Ausstellung das Lehmbruck-Museum selbst. "Die Kunst Rebecca Horns ist empathisch", sagt dessen Direktorin Söke Dinkla, gleichzeitig Kuratorin der Ausstellung. "Sie ist auf uns – die Betrachter, die Zuhörer, die Mitfühlenden – ausgerichtet." Damit passt Horn bestens ins Haus, das sich ja nicht zuletzt diesem Empathischen, Dialogischen verpflichtet fühlt.

Da ist es besonders schön, dass Horns "Pfauenmaschine" von 1982 im Erweiterungsbau mit einem ratternden und knatternden Märchenrelief von Jean Tinguely direkt unter ihr ins Gespräch kommen kann. Auch Bezüge wie diese erhöhen den Reiz.

"Rebecca Horn. Hauchkörper als Lebenszyklus" ist noch bis zum 2. April 2018 im Lehmbruck-Museum in Duisburg zu sehen – und wird von einem umfangreichen Begleitprogramm umrahmt. Der zur Ausstellung entstandene Katalog ist auch grafisch eine Schau.

Stand: 27.11.2017, 09:35 Uhr