Sigmar Polke als Alchemist der Dunkelkammer

Sigmar Polke als Alchemist der Dunkelkammer

Von Thomas Köster

Der Maler Sigmar Polke war ein wichtiger Motor der Kunstszene in NRW, aber auch in der Schweiz. Das zeigt eine Schau in Siegen, die neben alten Werken von Polke auch bisher unbekannte Fotografien zeigt.

Sigmar Polke und die 1970er Jahre, Museum für Gegenwartskunst Siegen 2018 (Ausstellungsansicht)

2009 in Hamburg, 2015 in Köln, 2019 in Leverkusen: Sigmar Polkes Schaffen in den 1970er Jahren ist ein beliebtes Ausstellungsthema. Und jetzt die Schau im Museum für Gegenwartskunst in Siegen. Kann da überhaupt noch Neues kommen?

2009 in Hamburg, 2015 in Köln, 2019 in Leverkusen: Sigmar Polkes Schaffen in den 1970er Jahren ist ein beliebtes Ausstellungsthema. Und jetzt die Schau im Museum für Gegenwartskunst in Siegen. Kann da überhaupt noch Neues kommen?

Es kann. Das hat vor allem mit Polkes damaliger Lebensgefährtin Katharina Steffen (rechts) zu tun: einer Schweizer Kunst- und Kulturanthropologin, der der Künstler zur Trennung 1978 ein Schatzkästchen mit Fotografien schenkte. 85 davon sind in Siegen zu sehen - kombiniert mit rund 100 Bildern aus den eigenen Beständen.

Die Fotos zeigen Polke mit Freunden und Kollegen in der Künstlerkommune Willich bei Düsseldorf, aber auch in Bern und an Steffens Wohnort Zürich. Das ist die eigentliche Überraschung der Schau, denn von dieser Schweizer Zeit Polkes weiß man nur wenig.

Vor allem aber weisen die Bilder den Maler Polke auch im Bereich des Lichtbilds als Vorreiter aus - ständig zog er mit mindestens einem Fotoapparat um den Hals durchs Leben. Selbst da, wo Polke drauf ist, er also nicht auf den Auslöser drückte, ist trotzdem Polke drin.

Denn der Künstler verfremdete selbst Knipsereien im Fotolabor durch manipulative Belichtung oder exzessiven Einsatz von Chemikalien, teils bis zur motivischen Unkenntlichkeit. Und machte so deutlich, dass er die Fotos für eigenständige Kunstwerke hielt.

Besonders schön ist die Ausstellung deshalb, weil sie die nach Schaffens-Orten präsentierten Arbeiten mit Werken von Künstlerkollegen aus dem unmittelbaren Umfeld Polkes kombiniert. Zum Beispiel mit dieser Arbeit des Schweizer Fotografen Balthasar Burkhard, der hierzulande trotz der imposanten Retrospektive, die bis Jahresanfang im Essener Museum Folkwang lief, immer noch zu entdecken ist.

Oder mit der um 1970 entstandenen "Weltkarte" von Polkes Freund Michael Buthe, die gleich auf mehrere Gemeinsamkeiten im Werk beider Künstler verweist: die Verwischung von Hoch- und Tiefkultur, die Verschiebung der Grenzen zwischen den künstlerischen Genres, den Hang zur Collage - und die Bedeutung des Reisens als Inspirationsquelle.

Unter dem in Siegen gewählten Motto "Netzwerke, Experimente, Identitäten" wird deutlich, dass die Künstler der 1970er Jahre ihre Werke nicht zuletzt als Kollektivarbeiten ansahen, in die verschiedene Medien und diverse künstlerische Energien einfließen sollten. "Schöndurcheinander" eben, wie diese 1976 und 1977 entstandene Gemeinschaftsarbeit von Memphis Schulze und Christof Kohlhöfer heißt.

Von Polkes inspirierenden Reisen nach Pakistan, Afghanistan oder São Paulo sind in der Ausstellung "Sigmar Polke und die 1970er Jahre" einige Souvenirs versammelt, ...

... ebenso vom Umfeld des 2010 gestorbenen Künstlers. Darunter befindet sich diese hübsch in der Vitrine arrangierte Sammlung mit Skorpionen aus dem Besitz der Lebensgefährtin Katharina Steffen, die Polke - natürlich - ebenfalls fotografiert hat.

Für das Siegener Museum ist die Ausstellung zudem ein willkommener Anlass, um in zwei Räumen auch die eigenen Polke-Bestände zu präsentieren. Diese Räume allein lohnen schon den Besuch.

Darunter sind wahre Schätze wie das wundervoll ironische Kleinformat "Das Paar" (1965) aus einer Zeit, als Polke gemeinsam mit Gerhard Richter, Konrad Lueg und Manfred Kuttner unter dem Label des "kapitalistischen Realismus" eine deutsche Variante der Pop-Art schuf ...

... oder der wunderbare "Apparat, mit dem eine Kartoffel eine andere umkreisen kann" (1969), der ganz tief hineinführt in Polkes Universum, in dem sich Humor und tiefere Bedeutung wie zwei Planeten umkreisen. Und das - nicht nur wegen der frischen Kartoffeln - zeitgemäßer und aktueller wirkt als so manche Gegenwartsarbeit.

Auch wenn es nirgendwo explizit erwähnt ist: Bei der Kartoffelmaschine darf man sogar aufs Knöpfchen drücken.

So sollte man sich die klug arrangierte Schau in Siegen auf keinen Fall entgehen lassen. Nicht so sehr wegen der Fotografien, die man teils ja genauso gut im (leider erst im Februar 2019 erhältlichen) Katalog betrachten könnte. Sondern deshalb, weil man von Polke eigentlich nie genug bekommen kann ("Ohne Titel", 1983-2006).

"Sigmar Polke und die 1970er Jahre" ist noch bis zum 10. März 2019 im Museum für Gegenwartskunst in Siegen zu sehen.

Stand: 05.11.2018, 11:14 Uhr