"Pizza is God" in Düsseldorf

"Pizza is God" in Düsseldorf

Von Thomas Köster

Kultessen, Unesco-Weltkulturerbe und Teig gewordene Männerphantasie: Das alles ist die Pizza. Dass sie auch noch Gott ist, behauptet eine Kunstausstellung im NRW-Forum Düsseldorf.

"Pizza is God" in Düsseldorf

Pizza is God, NRW-Forum, Düsseldorf 2018 (Ausstellungsansicht)

Früher war sie Armeleute-Essen, seit 2017 ist sie Unseco-Weltkulturerbe. 350 Stücke isst die Welt in der Sekunde. Zeit also, dass die Pizza ins Museum kommt. Und das in der ihr angemessenen Größe. Hier Tom Friedmans Popart-Blowup-Hommage von 2013, die ein wenig wie eine Illustrierung einer Liedzeile Dean Martins wirkt: "When the moon hits your eye like a big pizza pie, that's amore" eben.

Früher war sie Armeleute-Essen, seit 2017 ist sie Unseco-Weltkulturerbe. 350 Stücke isst die Welt in der Sekunde. Zeit also, dass die Pizza ins Museum kommt. Und das in der ihr angemessenen Größe. Hier Tom Friedmans Popart-Blowup-Hommage von 2013, die ein wenig wie eine Illustrierung einer Liedzeile Dean Martins wirkt: "When the moon hits your eye like a big pizza pie, that's amore" eben.

Bei Andy Warhol (Mitte) war noch der Hamburger der Urknall der Genüsse. Für "Kevin allein zuhaus"-Kinderstar Macaulay Culkin (rechts) ist die Welt eine Pizzascheibe. Culkins 2012 gegründete Spaßband "The Pizza Underground" nimmt Bezug auf Warhols "The Velvet Underground", worauf wiederum dieses Werk Simon Benedicts anspielt, der links Chips isst. So schließt sich der Junkfoodkreis.

Wenn Pizza alles ist, kann auch alles Pizza werden. Ein Sonnenschirm zum Beispiel. Man muss nur eine Ecke rausschneiden. Vor allem aber veranschaulicht Claude Viallats "1990/112" (1990) den Zusammenhang zwischen Pizza und Malerei: Bei beidem wird ein klar definierter Untergrund (Leinwand/Teig) nach den Wünschen von Künstler bzw. Kunde belegt (Farbe/Zutat).

Überhaupt passt das Zutatensammelsurium der Pizza hervorragend in unsere postmoderne, digitale Zeit, in der jeder alles "sampeln", zitieren und kombinieren darf. So wie Spencer Sweeneys titelgebender "Pizza God" (2011), der einen von Picassos Faunen zum Pizzaschöpfer macht.

"Pizza bietet den unterschiedlichsten kulturellen Ausdrucksimpulsen eine riesige Projektionsfläche" sagt auch der Ko-Kurator der Ausstellung Paul Barsch, einer der Initiatoren des "Pizza Pavillons" 2015 während der Biennale in Venedig. "In ihrem köstlichen Teig birgt sie Geschichten und Ideen, Ideologien, Ängste und Möglichkeiten."

Dem entsprechend hat Barsch in Düsseldorf auch echte Pizzen an die Wand gehängt. Und dabei die Beziehung von verzehrendem Subjekt und begehrtem Objekt umgedreht. In "Pizza Voyeur" (2018) beobachtet uns der Belag des Fladenbrots vom Gestell einer Überwachungskamera aus. Wenn Käse reden könnte, hätten viele Menschen ein Problem.

Und umgekehrt: Sind wir nicht alle auch ein bisschen Pizza? Wer den Raum des Künstlerkollektivs PNC_BAYxBLUNTxSKENSVED betritt, darf sich im Rotlicht eines "Backofens" als Belag auf einem Pizzasofa räkeln. Vorne läuft ein Film über "Pizzagate": Eine Fake-News-Kampagne zur Verbindung Hillary Clintons mit einem angeblich in einer Pizzeria in Washington angesiedelten Kinderpornoring während des Präsidentschaftswahlkampfs 2016.

Pizza, Sex und Clinton war im Bewusstsein der Amerikaner da schon ein disharmonischer Dreiklang. Eine Comiczeichnung des brillanten Robert Crumb erinnert daran: Für das "Rolling Stone Magazine" hielt er 1998 die belegte Szene fest, nach der sich Bill Clinton und seine Praktikantin Monica Lewinsky im Oval Office näher kamen: "Monica delivers the Pizza".

Dahinter zeigt "Big Sausage Pizza" (2012) von Jennifer Chan, dass Pizza als Teig gewordene Männerfantasie längst auch in den Gefilden der Pornoindustrie heiß gemacht wird. Auch wenn ihre Variante den im Titel assoziierten Belag noch explizit verhüllt, der zum Vorschein kommt, wenn der Pizzabote zweimal geklingelt hat.

Was vom Boten übrig bleibt, sind oftmals leere Kartons, die sich zuhause stapeln. Bei Computer-Nerds zum Beispiel. In Messie-Haushalten. Und offenbar auch bei Künstlern wie Daniel van Straalen. Mit seinem "Studio Life" (2016) jedenfalls will er laut Kuratoren "auf die Randerscheinungen künstlerischer Arbeitsprozesse" verweisen.

Unter den sozialen Gruppen und Berufsständen, die Herlinde Koelbl Zeit ihres Lebens fotografiert hat, war noch kein Pizzabote. Trotzdem eröffnet im Obergeschoss des NRW-Forums parallel zu "Pizza is God" eine große Retrospektive, zu der auch die tolle Langzeitstudie "Spuren der Macht – Die Verwandlung des Menschen durch das Amt" (linke Wand) gehört.

Vis-à-vis zu "Pizza is God" sind auch noch Fotos aus einer Zeit zu sehen, in der Mode noch nicht Mahlzeit, sondern vorrangig Kleidung war: "Louise Dahl-Wolfe: A Style of her Own" präsentiert über 100 Arbeiten , die beleuchten, wie die berühmte Modefotografin zu einer der wichtigsten Fotografinnen des 20. Jahrhunderts wurde. Zum Niederknien schöne Bilder.

"Pizza is God", "Louise Dahl-Wolfe" und "Herlinde Koelbl" sind noch bis zum 20. Mai 2018 im NRW-Forum in Düsseldorf zu sehen. Jede Ausstellung für sich ein Augenschmaus (Links: "Grease Face" aus bronziertem Pizza-Karton und Heimwerkerdraht von Chris Bradley, 2017).

Ausstellung: Pizza is God

WDR 5 Scala - Hintergrund Kultur | 14.02.2018 | 11:05 Min.

Download

Stand: 16.02.2018, 10:05