Ausstellung "Fabelfakt" von Pia Fries im Düsseldorfer Kunstpalast

Ausstellung "Fabelfakt" von Pia Fries im Düsseldorfer Kunstpalast

Von Thomas Köster

Stile und Vorgaben interessieren Pia Fries wenig: Auf ihren Bildern verwischen die Grenzen zwischen Gegenstand und Abstraktion, Malerei, Kupferstich und Plastik. Ihre grandiosen Werke zeigt jetzt der Kunstpalast in Düsseldorf.

Pia Fries. Fabelfakt, Kunstpalast Düsseldorf (Ausstellungsansicht)

Seit vielen Jahren lebt die 1955 in der Schweiz geborene Künstlerin Pia Fries nun schon in Düsseldorf, in den 1980er Jahren war sie Meisterschülerin von Gerhard Richter. Mit ihm teilt sie das Spiel zwischen Wirklichkeit und Fiktion, konkreter Form und Abstrahierung. Dabei hat sich jedoch auch ihren ganz eigenen Stil entwickelt.

Seit vielen Jahren lebt die 1955 in der Schweiz geborene Künstlerin Pia Fries nun schon in Düsseldorf, in den 1980er Jahren war sie Meisterschülerin von Gerhard Richter. Mit ihm teilt sie das Spiel zwischen Wirklichkeit und Fiktion, konkreter Form und Abstrahierung. Dabei hat sich jedoch auch ihren ganz eigenen Stil entwickelt.

"Fabelfakt" hat Fries ihre Ausstellung genannt - und diese Wort-Neuschöpfung bringt ihr Anliegen auf eine ebenso exakte wie metaphorische Weise auf den Punkt. Denn Fries geht es um eine künstlerische Brücke zwischen scheinbar unvereinbaren Bereichen: der Realität und dem Assoziativen. Also ums Verschmelzen vormals konträrer Positionen.

Dabei verschwindet in den insgesamt 65 Arbeiten der letzten 20 Jahre auch der Gegensatz zwischen Malerei und Plastik. Pia Fries rüttelt, rührt, quetscht, kratzt und knetet die Farbe unerbittlich, bis daraus Türme oder Wucherungen oder "Schlingpflanzen" entstehen ...

... oder eine Art Pantoffeltierchen aus Farbe: Bei "Grand Sylvain" kombiniert Pia Fries es mit Ausrissen aus einem Faksimile hoch anspruchsvoller und sehr naturgenauer Aquarelle der Forscherin Maria Sibylla Merian (1647-1717).

Vordergrund und Hintergrund verwischen sowieso regelmäßig bei Fries` Werken. Auf "Maserung 1" (2008) hat die Künstlerin Teile der weißen Grundierung des Holzträgers ausgespart, der nun durchscheint. An anderen Stellen ist die Maserung gemalt. Auch dies gehört zum Wechselspiel von Fakt und Fabel dazu.

Selbst der Gegensatz zwischen einer erzählerischen und einer rein abstrakten Kunst ist aufgehoben. Dadurch, dass die Künstlerin zum Beispiel Elemente des Kupferstichs im Siebdruckverfahren anwendet scheint immer wieder Dingliches auf: Hier zum Beispiel die Galeere im Sturm eines Kupferstichs von Stefano della Bella aus dem 17. Jahrhundert.

"Die Kunst von Pia Fries zeichnet sich durch die Freude am Experiment und die Suche nach widerständigen Formulierungen aus", resümiert Kuratorin Gunda Luyken (hinten). Co-Kuratorin Melanie Grimm betont "die Verwandlung und Weiterentwicklung von Abbildungszitaten" in Fries` Werken.

Am deutlichsten wird dies vielleicht in der 2017 entstandenen Werkgruppe "Corpus transludi": Sie setzt sich mit den Werken des Kupferstechers Hendrick Goltzius auseinander, vor allem aber mit dem mythischen Motiv des vom Himmel stürzenden Ikarus. Das Bild überwuchert hier seinen Gegenstand ornamental wie ein Brandfleck.

Bei Fries ist Ikarus weniger ein Symbol menschlicher Selbstüberschätzung: Der Mann, der mit seinen durch Wachs gehaltenen Flügeln der Sonne zu nah kam und stürzte, ist bei ihr ein Pionier für die Überwindung scheinbar vorgegebener Grenzen.

"Man kann die ´Himmelsstürmer` von Hendrick Goltzius auch als Bild für das Künstlerdasein lesen", sagt Fries. "Auch Kunst ist eine Reise ins Ungewisse. Und ob das, was man macht, im Museum landet oder auf dem Sperrmüll, weiß man erst im Nachhinein."

So gesehen hat Fries mit ihren Werken, die ja deutlich mehr sind als Gemälde, Glück gehabt. Tatsächlich führen die Bilder in die luftigen Höhen dessen, was mit Malerei alles möglich ist - um beim Ikarus-Motiv zu bleiben. Pia Fries` Linie entgegen dem marktdominierenden Mainstream war ebenfalls ein Wagnis. Ihr Sturz indes ist ausgeblieben.

Auch von dieser Geschichte der Kunst erzählen die Bilder, bis in die Biografie ihrer Entstehung hinein. Für fast rein abstrakte Werke ist das schon sehr erstaunlich. Allerdings muss man sich Zeit nehmen, um den roten Faden, dem auch die Ausstellung folgt, zu entschlüsseln.

Wer dazu keine Lust hat, kann sich auch einfach versenken. Denn jenseits ihres intellektuellen und kunsthistorisch reizvollen Gehalts sind die Arbeiten von Pia Fries so bunt und schön, dass man von ihrer geballten Opulenz in der Düsseldorfer Ausstellung fast erschlagen wird. Auch diese Erfahrung macht man selten.

2017 wurde Fries, die der legendäre Ausstellungsmacher Harald Szeemann schon 1999 auf die Biennale von Venedig holte, mit dem renommierten Gerhard-Altenbourg-Preis des Lindenau-Museums in Altenburg ausgezeichnet: als erste Frau überhaupt. Die frühe und die späte Auszeichnung belegen die Stringenz der künstlerischen Qualität, die in der Ausstellung auch ganz offen sichtbar wird.

"Fabelfakt. Pia Fries" ist noch bis zum 16. Juni 2019 im Düsseldorfer Kunstpalast zu sehen. Zur Ausstellung ist ein sehr schön gemachter Katalog erschienen, der sich neben einer eher wissenschaftlichen Perspektive, etwa durch einen Text des Schriftstellers Thomas Hettche, auch literarisch den Bildern nähert. Fakt und Fiktionen eben.

Stand: 28.03.2019, 09:00 Uhr