Ungeschminkt: Peter Lindbergh im Kunstpalast

Ungeschminkt: Peter Lindbergh im Kunstpalast

Von Thomas Köster

Peter Lindbergh war einer der größten Modefotografen der Welt. Vor allem aber gab er den Models ihr Gesicht und ihre Natürlichkeit zurück. Das zeigt jetzt eine kurz vor seinem Tod noch von ihm selbst kuratierte Schau in Düsseldorf.

Peter Lindbergh. Untold Stoeries, Kunstpalast, Düsseldorf 2020 (Ausstellungsansicht)

Peter Lindbergh mochte keine Mode. Das jedenfalls hat er behauptet, als Kunstpalast-Direktor Felix Krämer vor zwei Jahren mit der Idee zur Ausstellung auf ihn zugekommen ist ("Mariacarla Boscono und Sharon Cohendy Ault", 2014).

Peter Lindbergh mochte keine Mode. Das jedenfalls hat er behauptet, als Kunstpalast-Direktor Felix Krämer vor zwei Jahren mit der Idee zur Ausstellung auf ihn zugekommen ist ("Mariacarla Boscono und Sharon Cohendy Ault", 2014).

Tatsächlich ging es Lindbergh, der in Duisburg aufwuchs, ganz offensichtlich weniger um die Kleidung als um die Gesichter seiner Models. Erstmals zeigte Lindbergh unter anderem Claudia Schiffer oder Naomi Campbell stilisierungsfrei und ungeschminkt - oder eben wie im Film oder aus einer anderen Zeit. Und machte sie so erst von Kleiderständern zu Superstars ("Sabisha Friedberg und Jessica Stam, Paris", 2007).

Die ganz großen Ikonen wie Lindberghs Foto von Estelle Lefébure, Karen Alexander, Rachel Williams, Linda Evangelista, Tatjana Patitz und Christy Turlington, die in weißen Männerhemden am Strand herumalbern - und nicht zuletzt Ausdruck der lockeren, freundlichen und humorvollen Art des Fotografen sind -, sucht man im Kunstpalast allerdings vergebens ("Nicole Kidman, New York", 2009).

Das hat vor allen Dingen damit zu tun, dass Peter Lindbergh diese Ausstellung mit ihren Originalen und teils überdimensionierten Abzügen selbst kuratieren durfte. Ihm geht es um die "Untold Stories" - also vor allem auch um das, was seine Bilder jenseits der Mode ausmacht. Lindbergh ungeschminkt sozusagen ("New York", 2005).

Und tatsächlich erzählen Lindberghs Fotos ja Geschichten. Und sind deshalb wie Filmstills arrangiert ("Sasha Pivovarova, Steffy Argelich, Kirsten Owen und Guinevere van Seenus, Brooklyn", 2015).

Oder gemahnen an offensichtliche Vorbilder, etwa in der Street Photography. Vor allem an den US-Fotografen Garry Winogrand, mit dem Lindbergh 2017 im benachbarten NRW-Forum Düsseldorf eine Doppelausstellung hatte. Nur, dass das, was Lindbergh zeigt, nur so aussieht, als wäre es ein Schnappschuss ("Annie Morton, New York", 1996).

Zweifellos: Das, was Lindbergh gemacht hat, waren nicht nur Auftragsarbeiten. Das war große Kunst ("Montauk", 1997) ...

... und blieb trotzdem über weite Strecken Modefotografie. Lindbergh hat das nie bestritten. Im Gegenteil. Er hat darauf bestanden, Modefotograf zu sein ("Uma Thurman, Los Angeles", 2011).

Modefotografie bedeute ja nicht, "dass man Mode abbilden muss", wie Lindbergh im Interview mit Felix Krämer sagte. "Die Fotografie ist viel größer als die Mode selbst, sie ist Bestandteil der Gegenwartskultur wie die Musik."

Auch wenn sicher mancher Modeschöpfer mit Fug und Recht behaupten würde, dass auch seine Kreationen "Bestandteil der Gegenwartskultur" seien: Wer sich die grandiosen Fotos anschaut, der weiß, wie Lindbergh das gemeint hat (v.l.: "Karen Elson, New York", "Tao Okamoto, New York", "Sasha Pivovarova, New York", alle 2016).

Denn Lindbergh ging es immer darum, seine "Freiheit im Denken zu bewahren und mich nicht von der Mode vereinnahmen zu lassen", wie er es selbst ausgedrückt hat. "Untold Stories" illustriert, wie gut ihm das gelungen ist (links: "Uma Thurman, New York", rechts: "Erin Wasson, Paramount Studios Hollywood", beide 2016).

Und dass ohne ihn noch radikalere Modefotografen wie Jürgen Teller vielleicht gar nicht möglich geworden wären ("Missy Rayder, Rachel Roberts und Jayne Windsor, Paris", 1997).

Dabei erschien Lindberg das Schwarz-Weiß immer "authentischer als Farbe" zu sein: "irgendwie näher dran an der Realität". Erst in den letzten Jahren vor seinem Tod entdeckte er die Farbfotografie für sich. Auch hiervon gibt es in Düsseldorf als weitere "untold story" Beispiele zu entdecken. In Form von Porträts des 2013 hingerichteten Elmer Carroll in seiner Todeszelle.

Carroll ist auch das eindringlichste Werk der Schau gewidmet. In einem rund 30 Minuten langen Video blickt der wegen Vergewaltigung und Ermordung eines Mädchens Verurteilte dem Betrachter in die Augen. Aber eigentlich sich selbst: Denn Lindbergh hat den Film durch einen halbdurchlässigen Spiegel aufgenommen. Irgendwie schaut man Carroll so durch die Augen in die Seele.

Lindbergh schickte Kunstpalast-Direktor Felix Krämer kurz vor seinem plötzlichen Tod (3. September 2019) eine SMS. Er sei nun endlich fertig mit der Auswahl für die Schau. Zwei Jahre Arbeit hat ihn das gekostet ("Amber Valletta. Paramount Studios, Hollywood", 1999).

Es bricht einem fast das Herz, dass er das großartige Ergebnis nicht mehr sehen konnte ("Luciana Curtis, New York", 1998).

Nur das sehr stark spiegelnde Glas vor einem Großteil der Bilder ist - nicht nur für Fotografen - etwas ärgerlich.

"Peter Lindbergh. Untold Stories" ist noch bis zum 1. Juni 2020 im Kunstpalast in Düsseldorf zu sehen.

Zur Ausstellung ist ein Katalog im Taschen Verlag erschienen, der auch ein langes Interview zwischen Felix Krämer und Peter Lindbergh enthält. Er ist im Museumsshop erhältlich - dessen Mitarbeiter offenbar Humor besitzen.

Stand: 06.02.2020, 08:00 Uhr